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Aus: Ausgabe vom 05.07.2019, Seite 11 / Feuilleton
Griechenland

Syriza oder Sex

Tagebuch eines deutschen Griechen. 3. Juli 2019, am Sonntag wird in Griechenland gewählt
Von Asteris Kutulas
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Möglicherweise das kleinere Übel: Fahnenmeer für Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras, den Vorsitzenden der Partei Syriza (Athen, 24. Mai)

Sitze im Flugzeug nach Athen. Am Sonntag sind Wahlen in Griechenland. Und obwohl ein Machtwechsel bevorsteht, scheint niemand – zumindest unter meinen Bekannten – besonders besorgt oder aufgewühlt zu sein. Was für ein Gegensatz zu den zwei Wahlen 2015.

»Die Deutschen sind unzuverlässig geworden. Aber irgendwie seltsam unzuverlässig.« Neben mir sitzt Giorgos, ein griechischer Musiker, der ein Gespräch mit mir führen will: »Wir Griechen sind zumindest zuverlässig unzuverlässig. Abgesehen natürlich von den Müttern, die sind nicht unzuverlässig …« Er hält inne und dreht den Kopf zu mir: »Gehst du auch wählen? Die Rechten von der Partei Nea Dimokratia kommen jetzt wieder an die Macht.« – »Und wie findest du das?« will ich wissen. Giorgos knetet ein Stück Papier zu einer Kugel und sagt: »Ich weiß es nicht.«

Das habe ich in letzter Zeit sehr oft gehört. Viele meiner Landsleute wissen nicht, wen bzw. was sie wählen sollen, und viele können nicht glauben, dass die Partei Nea Dimokratia (»Neue Demokratie«, ND) mit ihrem Spitzenkandidaten Kyriakos Mitsotakis innerhalb von vier Jahren wieder zu einer wählbaren Alternative geworden ist. Immerhin waren diese Partei und ihre Politiker – zusammen mit der sozialistischen PASOK – hauptverantwortlich für die größte politische, ökonomische und humanitäre Krise im Nachkriegsgriechenland. Eine Freundin aus Kalamata sagte mir kürzlich am Telefon: »Nach vier Jahren Tsipras und Syriza wissen wir: Die machen alle dieselbe Politik. Also warum nicht gleich das Original des kapitalistischen Systems wählen? Die von der Nea Dimokratia sollten das am besten können.« Tatsächlich kann man im Griechenland von 2019 nicht zwischen unterschiedlichen Politiken wählen, sondern nur das, wovon man glaubt, es sei das kleinere Übel.

Mein Freund Nikos, den ich letzte Woche während eines Kurztrips nach Athen auf einen Kaffee am Syntagma-Platz getroffen hatte, ist anderer Meinung: »Syriza hat einen neuen Politikstil eingebracht und durch viele kleine Schritte eine viel sozialere Politik gemacht, als es alle anderen Parteien getan hätten. Und die Syriza-Politiker sind nicht korrupt, im Gegensatz zu den alteingesessenen.« Bei der Schlacht zwischen den beiden führenden Parteien, die bei den Umfragen eine große Differenz aufweisen (ND: 35 Prozent, Syriza: 26 Prozent), geht es darum, wer das Land am besten aus der Krise führen kann. Syriza konnte offenbar in den letzten vier Jahren nicht überzeugen – und viele Versprechen nicht erfüllen. Und die Konservativen um Mitsotakis nutzten geschickt die vielen Fehler und die generell schwierige Ausgangsposition ihrer politischen Gegner aus, um das Wahlvolk vergessen zu lassen, welche Griechenlandpolitik sie selbst jahrzehntelang gemacht hatten, und um ihr Wahlversprechen von einem besseren Lebensstandard plausibler zu verkaufen.

Sehr viele Griechen, vor allem die Jugendlichen, mussten ihr Lebensniveau drastisch nach unten schrauben. Die Verluste überwiegen. Viele von ihnen haben sich an die neue Armut gewöhnt. Meine Freundin Marina schrieb mir unlängst in einer Mail: »Weißt du, die Sonne und das Meer kann uns keiner nehmen. Scheiß auf die Politiker.« Ich antwortete ihr: »Ist das deine neue Definition von Engagement?« Ihre nächste Mail kam prompt: »In einem Land, in dem selbst die radikalen Linken der Syriza nichts gegen das System ausrichten können und eigentlich auch nichts ausrichten wollen, ziehe ich es vor, das Meer der Ägäis zu genießen, etwas Sex zu haben und mich intensiv mit der Imkerei zu beschäftigen und mit dem Oregano auf meinem Balkon.«

Gleich landen wir. Athen hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Zum Guten und zum Schlechten. Die Wahlen am Sonntag entscheiden wahrscheinlich gar nichts, außer dass alles beim alten bleibt, nur noch etwas verschärfter, so scheint mir – aber vielleicht irre ich mich. »Gleich sind wir unten«, sagt Giorgos. »Zu Hause! Heimat! Super!« Das Flugzeug setzt auf. Es ruckelt kaum. Auf einem der Flughafengebäude weht die blau-weiße griechische Fahne.

Debatte

  • Beitrag von David S. aus J. ( 5. Juli 2019 um 11:50 Uhr)
    KKE wählen und unterstützen! Selbst aktiv werden und organisieren. PAME stärken. Komisch, dass der Autor die griechischen Kommunisten mit keinem Wort erwähnt... Echt schwacher Artikel. Da hab ich lieber Sex als jW zu lesen, wenn sowas drinsteht.

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