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Aus: Ausgabe vom 04.07.2019, Seite 6 / Ausland
Türkei Nordirak

Ankara plant Besatzung

Zivilisten bei türkischer Offensive im Nordirak getötet. Neue Selbstverteidigungskräfte gegen Besatzungsversuche der »Neoosmanen«gebildet
Von Nick Brauns
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Der neue Präsident der Region Kurdistan-Irak, Nechirvan Barzani, und der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan trafen sich am 21. Juni in Istanbul

Sechs Wochen dauert die jüngste, von heftigen Luftangriffen begleitete Angriffswelle der türkischen Armee auf vermeintliche Stellungen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Nordirak bereits an. Offizielles Ziel der »Operation Kralle« im Gebiet Xakurke (türkisch: Hakurk) im gebirgigen Dreiländereck Türkei-Irak-Iran ist es, die Verbindungslinien der Guerilla zwischen ihrem Hauptquartier in den Kandil-Bergen im irakisch-iranischen Grenzgebiet und der Grenze zur Türkei abzuschneiden. An dem Einsatz sind insgesamt 4.000 Soldaten beteiligt.

Immer wieder wurden bei den Luftangriffen auch Zivilisten getötet. Zuletzt starben vor einer Woche drei Dorfbewohner, als zwei Fahrzeuge auf einer Verbindungsstraße im Gebiet Kortek in der Kandil-Region von einem Kampfflugzeug beschossen wurden. Obwohl Kortek außerhalb des von der Guerilla kontrollierten Gebietes liegt, gab die kurdische Regionalregierung in Erbil der PKK die Schuld an der Eskalation der Situation und forderte sie zum Verlassen der Region auf.

Nachdem zuerst der einflussreiche schiitische Prediger Muktada Al-Sadr in Bagdad die Luftangriffe auf »Oppositionskräfte« verurteilt hatte, brach am Samstag auch das irakische Außenministerium sein Schweigen. In einer schriftlichen Erklärung ist von »einseitigen kriegerischen Akten« der Türkei gegen die Souveränität des Irak die Rede. Die Türkei müsse die Angriffe sofort stoppen. Das türkische Außenministerium bestellte am Sonntag den irakischen Geschäftsträger in Ankara ein, um gegen diese »inakzeptable« Erklärung aus Bagdad zu protestieren. Die Operationen gegen PKK-Ziele würden »mit aller Härte fortgesetzt«, zitierte die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu den Sprecher des türkischen Außenministeriums, Hami Aksoy. Am Dienstag bombardierten Kampfflugzeuge erneut ein Gebiet in der Provinz Dohuk.

Nach der Zerstörung von Guerillastellungen und Waffenverstecken im Zuge der »Operation Kralle«, plane die Türkei in Xakurke eine dauerhafte militärische Präsenz, schreibt der türkische Militäranalytiker Metin Gurcan unter Berufung auf Sicherheitskreise auf dem Internetportal Al-Monitor. In Abstimmung mit der in Erbil regierenden, aber von der Türkei wirtschaftlich abhängigen Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) des Barsani-Clans, bestehen seit den 90er Jahren türkische Militärbasen im Nordirak. In der letzten Juniwoche, kurz nach dem Antrittsbesuch des neuen Präsidenten der Autonomieregion Kurdistan-Irak, Nechirvan Barzani, in Ankara, übergaben die KDP-Peschmerga mehrere strategische Hügel im Grenzgebiet an die türkische Armee.

»Die Existenz der Kurden wird zurückgewiesen und ganz Kurdistan wird als Expansionsgebiet der türkischen Nation betrachtet«, warnte derweil der Dachverband »Union der Gemeinschaften Kurdistans« (KCK), der die PKK und ihre Schwesterverbände angehören. Der türkische Staat nehme das Vorgehen gegen die Guerilla nur als Vorwand für weitgehende Pläne zur Eroberung der ehemals osmanischen Gebiete einschließlich Kirkuk und Mossul im Nordirak.

Mit einer militärischen Zeremonie im kurdischen Bergland gab Mitte letzter Woche eine bewaffnete Gruppierung, die sich »Selbstverteidigungskräfte Südkurdistans« nennt, ihre Gründung bekannt. Ziel sei der Kampf gegen die Besatzungsversuche der »Neoosmanen«, erklärte ein vermummter Sprecher der Gruppe in einem von der Nachrichtenagentur Firat verbreiteten Video. Eine ideologische Nähe zur PKK ist offensichtlich. Doch die Verlesung der Gründungserklärung erfolgte auf Arabisch und dem im Südkurdistan geläufigen Sorani-Kurdisch, nicht aber dem in Nordkurdistan gesprochenen Kurmandschi. Dies soll wohl zeigen, dass die Selbstverteidigungskräfte aus jungen Männern und Frauen aus der kurdischen Autonomieregion gebildet wurden und keine »umdeklarierten« PKK-Guerillakämpfer aus der Türkei sind. Die Selbstverteidigungskräfte hatten sich bereits zu einem Angriff auf einen türkischen Militärstützpunkt in der nordirakischen Stadt Zaxo vor einem Monat bekannt, bei dem nach ihren Angaben rund 20 Soldaten getötet wurden. In Reaktion auf die Gründungserklärung der Selbstverteidigungskräfte wurden zu Wochenbeginn weitere Peschmerga in der Amedi-Region in der Provinz Dohuk zum Schutze der dortigen türkischen Militärstützpunkte stationiert.

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