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Aus: Ausgabe vom 04.07.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Erdölförderung

Eine Frage des Preises: Warum »OPEC plus« entstand

Von Knut Mellenthin
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Ölförderung in Bahrain

Am 16. Februar 2016 trafen sich die zuständigen Minister von vier Staaten, die als Exporteure von Rohöl und Erdgas großes Gewicht haben, in Doha, der Hauptstadt des kleinen Fürstentums Katar auf der Arabischen Halbinsel am Persischen Golf. Neben dem Gastgeberland waren Saudi-Arabien, Venezuela und Russland vertreten. Als Ergebnis dieser Arbeitssitzung gaben die vier Minister die Absicht bekannt, die Erdölförderung ihrer Länder bis auf weiteres auf dem Niveau vom Januar des Jahres einzufrieren. Das sollte, erklärten sie, nur ein »erster Schritt« sein, dessen Auswirkungen man zunächst abwarten wolle, um später über weitere gemeinsame Maßnahmen zu entscheiden.

Der Ölpreis befand sich zu diesem Zeitpunkt, wenn man den wichtigsten internationalen Richtwert Brent zugrunde legt, auf einem Tiefstand von 30 Dollar pro Barrel. In den USA, wo der Preis immer um mehrere Dollar niedriger als Brent liegt, fiel er kurzzeitig unter 20 Dollar pro Barrel. Zum Vergleich: Der Brent-Preis lag am Dienstag dieser Woche bei 63, der für die USA maßgebliche WTI-Preis bei 56 Dollar pro Barrel. WTI ist die Abkürzung für West Texas Intermediate.

Das Treffen in Doha im Februar 2016 war seit einem Versuch im Jahre 2001 die erste Annäherung zwischen Russland und der OPEC, der Organisation Erdöl exportierender Länder. Daraus hat sich seither eine regelmäßige Kooperation entwickelt, von gegenwärtig 24 Staaten. Hintergrund war damals ein rasantes, langanhaltendes Sinken des Ölpreises. Es hatte plötzlich Mitte Juni 2014 begonnen, nachdem der Preis bis dahin relativ stabil mehrere Jahre lang über 100 gelegen und ganz kurz vor dem Einbruch einen Spitzenwert von 115 Dollar pro Barrel erreicht hatte.

Anfang Dezember 2014 befand sich der Preis bei 70 Dollar, also etwas höher als gegenwärtig, aber ohne dass ein Ende seines Falls absehbar war. Mehrere OPEC-Mitglieder drängten darauf, gemeinsam das klassische Mittel zur Stabilisierung des Preises, nämlich eine koordinierte Reduzierung der Fördermenge, einzusetzen. Aber Saudi-Arabien als dominierende Kraft der Organisation setzte sich bei diversen Treffen mit der Ablehnung dieser Forderung durch – Entscheidungen der OPEC brauchen die Zustimmung aller Mitglieder – und förderte selbst bis zur Kapazitätsgrenze. Obwohl das Land immer mehr Öl verkaufte, waren die Einnahmen rückläufig.

Dieses Verhalten war und ist bis heute nicht eindeutig zu erklären. Eine geläufige Deutung ist, dass die Saudis die vergleichsweise kleinen und mittelgroßen US-Firmen ruinieren wollten, die sich seit einigen Jahren auf die Ölförderung mit Hilfe der hohe Investitionen erfordernden Fracking-Methode spezialisiert hatten. Tatsächlich gerieten viele der Unternehmen durch die stetig sinkenden Preise so in Schwierigkeiten, dass sie ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten und Konkurs anmelden mussten. Aber als Mittel zur dauerhaften Ausschaltung der Fracking-Industrie war eine Strategie des billigen Öls von vornherein untauglich. Experten errechneten im Februar 2016, dass Saudi-Arabien beim damaligen Preisniveau in ungefähr fünf Jahren pleite sein würde. Das Königreich hatte zu dieser Zeit ein Haushaltsdefizit von über 100 Milliarden Dollar, seine Repräsentanten dachten sogar über einen teilweisen Verkauf des staatlichen Ölkonzerns Aramco nach.

Auch die russischen Unternehmen, die ähnlich wie die Saudis trotz kontinuierlich sinkender Preise ungebremst drauflosgefördert und beharrlich Preisabsprachen mit der OPEC abgelehnt hatten, waren schließlich zum Überdenken dieser Politik gezwungen. Zwar steht die russische Regierung auf dem Standpunkt, mit einem Ölpreis von 60 Dollar pro Barrel sehr gut auskommen und sogar mit einem Preis von nur 45 Dollar pro Barrel noch leben zu können. Aber unterhalb dieser Schwelle, so begannen Politiker und Wirtschaftsleute seit September 2015 zu warnen, würden Schwierigkeiten drohen, denen nur durch eine Senkung der Fördermenge begegnet werden könnte. Der Weg nach Doha zeichnete sich ab.

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