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Verkuschelter Haufen

Von Helmut Höge
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Alles, nur nicht scheu: »Petplayer«-Ponys in der U-Bahn

»Petplayer« sind Leute, die sich als Haustiere verkleiden. Diese Praxis ist außerhalb der Karnevals- und Kostümpartys auch in der Sado-Maso-Szene und in der Aktionskunst beliebt. Jene tragen z. B. teure Hunde- oder Pferdemasken aus Latex oder Leder, und diese lassen sich z. B. nackt an der Leine herumführen, berühmt dafür ist der russische Künstler Oleg Kulik. Petplayer treten in internationalen Galerien auf oder sie treffen sich als Fetischgruppe in ländlichen Klubs. Die Welt hat he­rausgefunden: »Von den Beteiligten wird allein schon die strenge Hierarchie zwischen den selbsternannten Pets und ihren Haltern als erotisch empfunden – sowohl von denen, die Befehle erteilen, als auch von jenen, die sie ausführen.« Die meisten Teilnehmer sind Männer – entweder »Herrchen« oder »Dogplayer«, von den letzteren sind einige nackt »mit einem Requisit, das wie ein Hundeschwanz aussieht. Mittels eines Plugs – einer Art Pfropfen – ist er im Anus befestigt«. Sie essen nicht am Tisch, sondern vom Boden: »Schlabbernd machen sich ein Softwareentwickler, ein Möbeltischler und ein Rechtsanwalt über das Putengeschnetzelte in ihren Näpfen her.« Von den Petplayern lassen sich die »Zoomimiker« unterscheiden: erstere werden gedemütigt, letztere geschätzt.

Zoomimiker treffen sich u. a. auf »Furry Conventions« mit Masken und Kostümen von allen möglichen Tieren. Man glaubt es kaum, aber auf dem »Furry Convention Calendar 2019« sind 64 solcher Treffen weltweit aufgeführt – von Indonesien, Neuseeland und Taiwan über Madrid und Mexiko bis nach Schweden, die Ukraine und vor allem natürlich die USA. In Deutschland finden sie heuer in Reutlingen und Suhl statt, 2018 gab es ein großes Treffen im Berliner Hotel Estrel, wo regelmäßig auch »Look Alike Contests« veranstaltet werden: Wettbewerbe von Leuten, die so aussehen und auch so singen wie beispielsweise Elvis Presley oder Heino. Die »Furrys« sehen dagegen beispielsweise so aus wie ein Wolf oder eine große Katze, beide Verkleidungen werden gerne von Frauen gewählt. Bei zig Onlineshops kann man sich entsprechend ausstatten.

Männer nehmen gerne eine Tigermaske und Pranken aus Stoff und tragen dazu Schlips und Anzug. Sie haben wahrscheinlich alle »Die Tigerstrategie« von »Deutschlands führendem Zeitmanagementexperten« Lothar Seiwert gelesen. Sein Motto ist: »Wer für seine Erfolge nicht selber sorgt, hat sie nicht verdient.« Es gab viele »Tiger« auf der letzten »Eurofurence« im Estrel-Hotel, dem weltweit ältesten Treffen, das jährlich in- und ausländische Fans von vermenschlichten Tiergestalten zusammenbringt. Einige der Tiger sahen jedoch eher wie Comictiere aus, desgleichen viele Bären, Wölfe, Papageien, Mäuse, Schakale und Füchse. Die Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ) interviewte einen Saurier: »Ich mache das seit 2004 – es ist mir eigentlich egal, was die Leute denken,« sagte er. »Auch sein Kumpel, der Wolf, lässt sich von den Urteilen der anderen nicht verunsichern. ›Ich habe als Furry gelernt, nicht mehr scheu zu sein.‹« Maximilian Nitschke-Stockmann, Mitorganisator der »Eurofurence« 2018, an der über 3.000 »Furrys« teilnahmen, meint: »Wir sind ein großer, verkuschelter Haufen.« Der MAZ-Reporter hat herausbekommen: »Die meisten Kostüme kosten Tausende Euro, in ihnen stecken Hunderte Arbeitsstunden. Manche sind mit 3-D-Augen und Belüftungssystemen ausgestattet, eins mit integrierter Videokamera. Kostenpunkt? So teuer wie ein Kleinwagen.«

Die Vermenschlichung von Tiergestalten begann mit den Fabeln von Äsop. Solchen Fabeln liegen Zuschreibungen von bestimmten dominierenden Charakterzügen zugrunde. Neid, Geiz, Eitelkeit etc. werden mit Tieren identifiziert: der listige Fuchs, die kluge Eule, der tapsige Bär, der eitle Pfau usw. Diese wurden anschließend– auch zeichnerisch – auf bestimmte Menschen übertragen: Geschäftsleute, Bürgermeister, Marktfrauen, Offiziere. Dieses Fabelprinzip gilt auch noch für die »Furry Conventions« insofern die Leute sich dort als Tiere verkleiden, von denen sie meinen, dass sie sich mit ihnen identifizieren können – also dass sie Charaktereigenschaften haben, die man selber auch hat oder haben möchte. Der Stern veröffentlichte unlängst einen »Persönlichkeitstest: Welches Tier entspricht Ihrem Charakter?« Ende Juni vergewaltigte ein »Mann mit Wolfsmaske« in einem Münchner Park ein Mädchen. Die Soko »Wolf« ermittelt.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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