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Aus: Ausgabe vom 02.07.2019, Seite 8 / Ausland
Gewalt gegen Geflüchtete

»Ich höre immer wieder von den Menschen: Befreit uns!«

Lager in Libyen: Italienischer Regisseur schafft Öffentlichkeit für gefolterte Flüchtlinge. Gespräch mit Michelangelo Severgnini
Interview: Carmela Negrete
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Migranten in der libyschen Hauptstadt Tripolis (24.4.2019)

Sie drehen zur Zeit einen Dokumentarfilm in Tunesien, bei dem es um die Situation von Geflüchteten in Libyen geht. Wie kommt es dazu?

Ich bin dort in Kontakt mit Leuten, die zuvor als Flüchtlinge in libyschen Lagern untergebracht waren. Seit dem letzten Jahr reise ich immer wieder nach Tunesien, um sie persönlich zu treffen.

Wie kommt der Kontakt zustande?

Viele der Geflüchteten nutzen ihre Handys, um über das Internet auf ihre Geschichten aufmerksam zu machen. Als ich davon hörte, nahm ich Kontakt auf und erfuhr aus erster Hand, wie die Situation in den Lagern ist. Für Journalisten war es in der jüngeren Vergangenheit sehr schwer, vor Ort zu recherchieren. Das wird zum Teil dadurch kompensiert, dass die Betroffenen ihre Geschichten selbst erzählen und von den Grausamkeiten berichten, die sie erleiden müssen. In Libyen werden viele von ihnen ausgebeutet, zu Zwangsarbeit gezwungen, gefoltert oder vergewaltigt.

Und Aufnahmen davon sind ebenfalls online?

So ist es, das hat mich sehr schockiert. Die Verantwortlichen versuchen so, Geld von den Familien der Flüchtlinge zu erpressen. Auf diese Weise gelangen Folteraufnahmen aus diesen Lagern in die Außenwelt – aus Gefängnissen, in denen Menschen sitzen, die kein Verbrechen begangen haben.

Woher wissen Sie, dass die Sie erreichenden Nachrichten der Wahrheit entsprechen?

Ich habe eine sehr hohe Zahl an Videos gesehen und Aussagen gehört, in denen immer die gleichen Verhältnisse geschildert werden. Menschen, die sich untereinander nicht kennen, erzählen exakt die gleichen Geschichten.

Dazu muss man wissen, dass die wenigen Berichte von Journalisten aus den Lagern nicht immer im Sinne der internierten Migranten waren. Viele von ihnen konnten nicht alles erzählen, um sich selbst zu schützen. Denn wer die Wahrheit sagt, riskiert es, gefoltert zu werden. Die Macht dort liegt vollständig in den Händen der Milizen. Selbst die UNO hat große Schwierigkeiten damit, zu ermitteln, wie es den Flüchtlingen in den Lagern geht. Mitarbeiter des UNHCR (Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, jW) dürfen sich im Land nicht frei bewegen. In den Lagern gibt es etwa 20.000 Migranten, aber außerhalb sind es rund 700.000. Von denen werden viele auf libyschem Boden regelrecht versklavt und von Betrieben rund um die Hauptstadt Tripolis eingesetzt. Ich höre immer wieder den gleichen Satz von den Menschen, mit denen ich in Kontakt bin: Befreit uns! Diese Perspektive fehlt mir in der bisherigen Berichterstattung.

Sie sind für klassische Dokumentationen bekannt. Mittlerweile nutzen Sie auch andere Formate, wie kurze Clips bei Internetportalen. Wie kam es dazu?

Ich bediene mich gerade beider Formate, weil das Thema es erfordert. Zur Zeit drehe ich zwar einen Film, kann aber nicht alle meine Informationen bis zu seiner Fertigstellung vor der Öffentlichkeit geheimhalten. Seit September vorigen Jahres produziere ich auch einen Podcast auf Grundlage der Nachrichten, die mir Migranten senden. Ziel ist es, Europäern die Situation von Geflüchteten verständlich zu machen. Viele konzentrieren sich derzeit auf die Seenotrettung, die es ohne Zweifel braucht. Aber das ist bei weitem nicht die einzige oder wichtigste Forderung, die Flüchtlinge in Libyen erheben. Wer in dem Land inhaftiert oder versklavt ist, erreicht das Meer nie.

Stehen Sie auch in Kontakt mit europäischen Behörden?

Ja, zum Beispiel mit den italienischen Autoritäten. Sie müssen etwas tun. Bislang wurden 300 Migranten per Flugzeug nach Rom gebracht. Die Zahl ist verschwindend gering, aber ein Anfang. Das UNHCR sagt, dass es rund 6.000 Flüchtlinge in geschlossenen Lagern gibt, die an der gegenwärtigen Front des Kampfes zwischen Milizen liegen. Sie müssten dringend evakuiert werden. Andere europäische Regierungen haben bislang nicht auf unseren Hilferuf geantwortet.

Michelangelo Severgnini ist ein italienischer Dokumentarfilmregisseur. Sein letzter Film »Reserve Slaves« befasste sich mit der Zwangsarbeit von Asylbewerbern und Menschen ohne Papiere in Südeuropa, vor allem auf Gemüseplantagen.

Videokanal: vimeo.com/exoduslibya

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