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Aus: Ausgabe vom 02.07.2019, Seite 7 / Ausland
Friedensprozess in Kolumbien

Aufenthaltsort unbekannt

Ehemaliger FARC-Comandante Jesús Santrich setzt sich ab. Partei verurteilt mögliches Untertauchen
Von Frederic Schnatterer
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Jesús Santrich, hier auf einem Plakat bei einer Demonstration in Bogotá am 13. März 2019 abgebildet, hat sich am frühen Sonntag morgen abgesetzt

In Kolumbien nehmen die Konflikte in der Führungsriege der FARC-Partei zu. Nachdem am Sonntag die staatliche Schutzbehörde UNP (Unidad Nacional de Protección) öffentlich gemacht hatte, dass der Kongressabgeordnete der aus der Guerilla hervorgegangenen Partei, Jesús Santrich, nicht auffindbar sei, meldete sich am Montag die Parteiführung zu Wort. In einer öffentlichen Erklärung des »Nationalen Politikrats« verurteilte sie das Verschwinden des ehemaligen Comandante und betonte, er habe auf eigene Faust und ohne Wissen der Partei gehandelt. Ob Santrich wirklich untergetaucht ist, war indes bis Redaktionsschluss nicht eindeutig zu klären.

Am Sonntag hatte die UNP gemeldet, Santrich habe sein aus Vertrauenspersonen der FARC-Partei bestehendes Schutzumfeld verlassen. Mehrere kolumbianische Tageszeitungen berichteten, der ehemalige Guerilla-Comandante sei um etwa ein Uhr am Sonntag morgen aus seiner Unterkunft in der Sammlungszone für ehemalige Kämpfer der FARC in Tierra Grata im Departamento Cesar verschwunden. Auf einem Zettel habe er die Nachricht hinterlassen, er besuche einen seiner Söhne – was jedoch laut dem Radiosender Blu Radio nicht bestätigt werden konnte. Sein momentaner Aufenthaltsort ist unbekannt.

In der am Montag verbreiteten Erklärung reagierte die FARC-Führung mit Unverständnis auf das vermeintliche Untertauchen von Santrich. Zwar erkenne die Partei an, dass der »Weg des Friedens« schwer sei. Das bedeute jedoch nicht, den mit dem 2016 geschlossenen Friedensvertrag begonnenen Pfad zu verlassen: »Wir unterschreiben kein Dokument, zu dessen Einhaltung wir nicht bereit sind.« Die gesamte Partei und Santrich im Besonderen trügen eine »politische und moralische Verantwortung« gegenüber dem Land und der internationalen Gemeinschaft. Nachdem die ehemaligen Guerillakämpfer auf der zehnten Konferenz einstimmig für die Annahme des Friedensabkommens gestimmt hätten, sei man weiter davon überzeugt, dass der eingeschlagene Weg der richtige sei. »Jede individuelle Entscheidung, die von diesen Entscheidungen abweicht, läuft gegen unsere politische Linie.«

In der Erklärung schloss sich die Parteiführung dem Aufruf der UNP an Santrich an. Die staatliche Schutzbehörde hatte am Sonntag darauf hingewiesen, dass der Vermisste einem »großen Risiko« ausgesetzt sei, weshalb er sich so schnell wie möglich wieder bei den staatlichen Behörden melden solle. Nur so könnten die ihm »als Parlamentarier zustehenden Schutzmaßnahmen« garantiert werden. Santrich hatte im März 2018 ein Kongressmandat für die FARC-Partei gewonnen, konnte dieses jedoch erst Anfang Juni antreten, nachdem er nach 14 Monaten aus dem Gefängnis entlassen worden war. Wegen Vorwürfen aus den USA, er sei am Drogenhandel beteiligt gewesen, war er im April 2018 festgenommen worden. Über ein Jahr später ordneten die Richter Santrichs Freilassung an, da ihm als Kongressabgeordneten nicht von der Generalstaatsanwaltschaft der Prozess gemacht werden dürfe.

In seinem vorletzten Beitrag auf dem Kurznachrichtendienst Twitter hatte Santrich am Samstag ein Bild mit den Leibwächtern der Schutzbehörde UNP gepostet. Dieses überschrieb er mit dem Satz, er sei »wegen der Morde und des von der Regierung angeheizten Klimas des Hasses und der Stigmatisierung» beunruhigt. Seit Unterzeichnung des Friedensabkommens wurden mindestens 135 ehemalige Guerilleros sowie 30 ihrer Familienangehörigen umgebracht. Hinzu kommen 700 soziale Aktivisten. Erst vor zwei Wochen waren die ehemaligen Kämpfer Anderson Pérez Osorio und Daniel Esterilla erschossen worden.

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