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Aus: Ausgabe vom 01.07.2019, Seite 16 / Sport
Sportgeschichte

Keine Diskussion

Das traditionsreiche Berliner Cantianstadion im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark soll abgerissen werden. Zu interessieren scheint das kaum jemanden
Von Oliver Rast
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Ohne Lobby: Bald dürfte das Berliner Cantianstadion Geschichte sein

Freitag, 20. Juli 1984, »Olympischen Tag« im Stadion des Jahnsportparks: Uwe Hohn, Speerwerfer der Extraklasse, läuft an, holt weit aus und schleudert den Speer in seine Flugbahn über das Stadiongrün. Optimal geworfen, Hohn reißt bereits beide Arme hoch, bevor der Speer kurz vor der Rasenabgrenzung landet – Weltrekord: 104,80 Meter. Eine ewige Bestmarke der Sportgeschichte. Und ein Wurf in einem Stadion, das nach dem Willen des Berliner Senats abgerissen werden und einem Neubau weichen soll.

Der Jahnsportpark soll zum Inklusionssportpark, also zur behindertengerechten Wettkampfstätte umgebaut werden. Die Special Olympics 2023, die Olympischen Spiele für Menschen mit Handicaps, für die Berlin im November 2018 den Zuschlag erhalten hat, sollen dort stattfinden. »Der Beginn der Abrissarbeiten ist für 2020 vorgesehen«, sagt Martin Pallgen, Pressesprecher der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, auf jW-Nachfrage. Ziel sei die Fertigstellung des Stadions bis zu den Special Olympics, so Pallgen weiter. Stephan Standfuß, sportpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, widerspricht gegenüber jW den ambitionierten Planspielen der Landesregierung aus SPD, Linkspartei und Grünen: »Einen genauen Abrisstermin konnte der Senat nicht nennen. Eine Fertigstellung bis zu den Special Olympics wurde bereits ausgeschlossen.« Als Ausweichort könnte das Mommsenstadion in Berlin-Charlottenburg dienen, weiß Standfuß.

Nicht nur die Termine für den Abriss und den Bauabschluss passen nicht zusammen, es stellt sich gleichfalls die Frage des Denkmalwerts des Cantian­stadions mit seinem viergeschossigen Haupttribünengebäude, einer Stahlbetonkonstruktion mit Vorhangfassade und farbigen Glaselementen. 1986/87 erbaut, war die Tribüne die modernste der DDR und ein zentrales Bauwerk für die 750-Jahrfeier Berlins. Öffentliches Erhaltungsinteresse, das ist der wichtigste Faktor für die Einstufung eines Gebäudes als Baudenkmal nach dem Denkmalschutzgesetz Berlin. Dieses kann stadtgeschichtlich, künstlerisch, wissenschaftlich oder städtebaulich begründet sein. Keines dieser Kriterien ist Senatsvertretern zufolge beim Stadion und beim Tribünengebäude gegeben. Daniel Bartsch, Leiter Presse und Öffentlichkeitsarbeit der Senatsverwaltung für Kultur und Europa, meint gegenüber jW: »Eine Denkmaleigenschaft gemäß den Kriterien des Denkmalschutzgesetzes kann nach derzeitigem Kenntnisstand nicht festgestellt werden.« Pallgen sekundiert: »Nein, es gibt keine denkmalschutzrechtlichen Hindernisse.«

In der Debatte um den Jahnsportpark werde die städtebauliche und stadthistorische Dimension ausgeblendet, findet Piero Sassi, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Bauhaus-Universität Weimar und Koordinator des Netzwerkes UEDXX (Urbanism of European Dictatorships during the XXth Century Scientific Network), im jW-Gespräch. »Die Architekten Selman Selmanagic und Rudolf Ortner, die am Dessauer Bauhaus studierten, haben jeweils die ersten Entwürfe und den endgültigen Plan für das Areal des Sportparks vorgelegt.« Der Bau stand im Kontext der III. Weltfestspiele 1951. »Es ist für mich unverständlich«, so Sassi, »diese Aspekte gerade auch im Bauhaus-Jubiläumsjahr bei der Frage nach der Zukunft des Jahnsportparks nicht zu berücksichtigen.«

Sassi sieht Parallelen zum Abriss des Stadions der Weltjugend 1992 – und das Phänomen, »dass Stadien oft ohne breite gesellschaftliche Diskussion abgerissen werden«. Er plädiert dafür, das städtebauliche Erbe des gesamten Jahnsportparks mit seinem Stadion zu erhalten. Die zuständige Behörde, das Landesdenkmalamt, will sich nicht dazu äußern. Eine jW-Anfrage blieb unbeantwortet.

30.000 Zuschauer sollte der Stadionneubau ursprünglich fassen. 20.000 sind nun geplant; das ist die aktuelle Kapazität des Cantianstadions. Pallgen: »Damit handelt es sich um einen Ersatzneubau, für den kein Bebauungsplanverfahren notwendig ist.« Ein solches Verfahren dauert mindestens zwei Jahre. Mit dem reduzierten Fassungsvermögen umgeht der Senat dieses komplizierte Prozedere.

»Marode« sei das Stadion, eine Interpretation, die sich durchzusetzen droht. Das belegt die Reaktion von Philipp Bertram, sportpolitischer Sprecher der Linken im Abgeordnetenhaus, auf jW-Anfrage: »Der derzeitige bauliche Zustand der Haupttribüne macht einen Neubau fast zwangsläufig notwendig.« Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch, um heutige Standards und die eines Inklusionssportparks erfüllen zu können. Standfuß hält dagegen: »Bei cleverer Planung könnte man den Charakter des Stadions trotz Modernisierung erhalten.«

In Rage sind Fans des DDR-Serienmeisters BFC Dynamo wegen des Stadionabrisses nicht, im Zwiespalt schon. Schließlich holte der BFC seine größten sportlichen Erfolge im Cantianstadion. »Unsere traditionelle Heimstätte ist aber das Sportforum Hohenschönhausen«, betont BFC-Präsident Norbert Uhlig gegenüber jW. Die Abrissplanungen dürften weit fortgeschritten sein. Eine Machbarkeitsstudie liegt seit 2015 vor, und nach jW-Informationen begehen Experten seit Juni des Jahres regelmäßig die Arena, um die Demontage und den im Berliner Haushalt mit 110 Millionen Euro veranschlagten Neubau vorzubereiten. Anwohner wurden bislang nicht einbezogen.

Bleibt das Cantianstadion ohne Lobby, wird der Abriss ohne Protest über die Bühne gehen.

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