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Aus: Ausgabe vom 01.07.2019, Seite 12 / Thema
Grüne

Der grüne Biedermann

Winfried Kretschmann: »Der anständigste Mensch, der je in Deutschland Regierungschef wurde«
Von Theo Wentzke
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»Ich bin naiv«. Winfried Kretschmann schwingt als Ehrenpräsident schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte das Zepter, Stuttgart, 27. Februar 2019

Herr Kretschmann ist ein katholischer, bodenständiger, schwäbischer Biedermann, eine zweibeinige Inkarnation der landestypischen Sittlichkeit, die seine Landsleute mit ihrem ebenso landestypischen Humor in brüderlicher Verachtung »Schwoba-Seggl« nennen. Weil Herr Kretschmann aber auch der Herr Ministerpräsident von Baden-Württemberg ist, ist bei ihm alles, was ihn zu einem typisch schwäbischen Ekel macht, etwas ganz Besonderes.

Winfried Kretschmann kommt aus kleinen Verhältnissen, und das erzählt er einem im Unterschied zu den Leuten, die aus solchen Verhältnissen nie so recht herauskommen, ausgesprochen gerne. »Meine Eltern haben hier bei null angefangen. Sie sind aus Ostpreußen geflohen und haben am Fuße der Schwäbischen Alb ihre zweite Heimat gefunden: in Spaichingen, wo ich am 17. Mai 1948 geboren wurde. Unser Leben war damals nicht einfach.« (winfried-kretschmann.de) Der regierende Chef des Landes winkt mit seiner bescheidenen Herkunft, um so die vielen anderen, die sein Schicksal teilen, davon in Kenntnis zu setzen, dass er einer von ihnen sei. Da ist einer, der wie sie bei null angefangen hat, jetzt das politische Kommando über die Geschicke im Land, also über sie führt, aber nie vergessen hat, dass es »nicht einfach« ist, dieses Anfangsstadium hinter sich zu bringen. Die Nöte und Sorgen derer, die sich Zeit ihres Lebens daran versuchen, kennt er also nicht nur, sie sind bei ihm auch in den besten Händen, weil er sie so gut kennt. Er ist ihr geborener Anwalt – geboren, weil er aus demselben Milieu wie die vielen Nullnummern kommt, die mehr oder weniger solche geblieben sind, und ihr Anwalt, weil er an den Schalthebeln der Macht sitzt und sich auch dort gut daran erinnert, wie beschwerlich der Weg nach oben in seinem Fall war, also für alle anderen, über die er regiert, immer ist: So einfach geht die Metamorphose vom Regierungschef zum Landesvater, vom Machthaber zur guten Herrschaft, mit der das Volk in seiner Gestalt beschenkt wird.

Sein gutes Werk

Um sein gutes Werk zu tun, hat Kretschmann hart gearbeitet, zuallererst an sich. Mit Hannah Arendt und der von ihr gepredigten »Pluralität des Menschen«, die ihm »geholfen« hat, sich »aus diesem engen Denken zu lösen« (ebd.), verabschiedet sich der junge Winfried vom Kommunistischen Bund Westdeutschland und dessen Kritik am Kapitalismus: »Ich war in einer linksradikalen Sekte gelandet, etwas anderes war das nicht. Nachdem ich mich davon befreit hatte, hat sich mein Kompass neu eingestellt und wackelt auch nicht mehr.« (Die Zeit, 20.3.2015) »Diese Zeit der linksradikalen Verirrungen sei für ihn sehr wichtig gewesen, weil er danach den Wert der Demokratie erst richtig zu schätzen gelernt habe.« (stuttgarter-zeitung.de, 24.6.2012)

Was kümmern ihn die Argumente, die er damals vertreten hat – warum sie grundfalsch waren, steht heute für ihn jedenfalls fest: Erstens linksradikal, zweitens Sekte, drittens Verirrung. Einen unschätzbaren Verdienst haben sie für ihn gleichwohl erbracht: Durch sie hat er zu der Wahrheit gefunden, dass Demokratie ein Wert ist, den zu schätzen außer jeder Frage steht. »Gelernt« hat er diese Wahrheit aber eben nicht so, wie dies sonst so üblich ist: Er hat sie sich erarbeitet. Das zeichnet ihn aus, macht in seinem Fall die besondere Glaubwürdigkeit seiner demokratischen Gesinnungsfestigkeit aus, denn die wird durch nichts besser untermauert als durch die Überzeugungskraft des Renegaten, der von sich vermeldet, sich über die Überwindung der falschen zur richtigen Gesinnung durchgekämpft zu haben. Der von sich berichtet, sich erst – rückblickend betrachtet – in rational nicht nachvollziehbaren Wahrnehmungsstörungen verloren zu haben – »diese gigantische Abgehobenheit, dieser Tunnelblick, diese Realitätsverweigerung« (Spiegel online, 20.8.2016) –, sich dann aber doch der Mühsal der Verstandesarbeit unterzogen zu haben, um endlich die einzig senkrechte Stellung zu begreifen, die sich zur Welt einzunehmen gehört: »Ich musste lernen, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist.« (Die Zeit, 20.3.2015) Er musste erst lernen, was sich gehört und allen anderen so selbstverständlich ist, als hätten sie es mit der Muttermilch aufgesogen, und das garantiert die Unanfechtbarkeit seines Bekenntnisses zur Demokratie, an der sich jede Kritik verbietet, weil sie ein Wert ist.

Mit diesen zum affirmativen »Grundgefühl« geronnenen Einsichten geht der geläuterte Kretsch­mann auf die Welt los. Denn: »Realismus heißt ja nicht, nicht länger engagiert zu sein, aber zu akzeptieren: Der Mensch, so wie er geht und steht, ist der richtige (…) Wir müssen sie [die Menschen] nicht umerziehen – und wir dürfen es auch nicht.« (Ebd.) Das hat er also von der Frau Arendt gelernt, die Pluralität des Menschen betreffend. So plural der Mensch auch sein mag: Summa summarum hat er sich, »wie er geht und steht«, offenbar zu seiner kompletten Zufriedenheit eingehaust in seinen Lebensverhältnissen, wie die nun einmal so gehen und stehen. Also gebietet der Respekt vor dem Menschen auch den Respekt vor dem, wozu er sich in all seiner Freiheit entschlossen hat – verbietet also jede Kritik gleichermaßen an seinen Lebensverhältnissen wie an ihm, der sich in denen wohlfühlt: Pure Anmaßung ist es für den Realisten Kretschmann, zu dieser natürlichen, wahrscheinlich von Gott befohlenen Harmonie zwischen einer Ordnung, die es nun einmal gibt, und den Menschen, die sich willig nach ihr richten, überhaupt auf Distanz zu gehen und mit Einwänden – welcher Art auch immer – aufzuwarten, die diesen wunderschönen Zustand zu zersetzen drohen.

Freilich: Den Menschen aus lauter Respekt vor ihm und Abscheu vor dessen Bevormundung einfach sich selbst zu überlassen, kommt für Kretsch­mann nicht in Frage. Kritik hält er für eine Vergewaltigung der Menschennatur, ein politisches Regime über die Menschen, wie sie gehen und stehen, hingegen für die Betreuung der Drangsale, die in ihrer Natur stecken, und daher für einen Akt der Verantwortung ihnen gegenüber. Der Mann, der sich so überaus glaubwürdig vom Kritiker zum Prediger der demokratischen Lebensverhältnisse durchgearbeitet hat, »engagiert« sich, weil er der Menschheit den natürlichen Wunsch abgelauscht hat, von ihm höchstspeziell regiert zu werden – denn er ist ganz grundsätzlich naturverbunden: »Es war die Liebe zur Natur, die mich zu den Grünen gebracht hat. 1979 habe ich die baden-württembergischen Grünen mitbegründet, und 1980 wurde ich in den Landtag gewählt. Heute kann ich als Ministerpräsident meine Liebe zur Natur in praktische Politik gießen.« (winfried-kretschmann.de)

Ein Gottesgeschenk

Was für ein Gottesgeschenk, wenn man zwar bei null anfängt, aber schon da mit so einer politiktauglichen Begabung gesegnet ist, die einen erst zur Gründung einer Partei und dann auch noch ins Amt des Regierungschefs leitet! Aber eine ziemlich apokryphe Macht scheint diese Liebe zur Natur schon auch zu sein, wenn Winfried von ihren Wallungen berichtet: Immer wenn er es bei den Grünen mit »irgendwelchen Fundi-Geschichten« zu tun hat, hat er diese, »wie soll ich sagen, fast rücksichtslos bekämpft. Einfach aus einer persönlichen Erfahrung, wohin so ein Sektierertum führt: ins Nirwana.« (Spiegel online, 20.8.2016)

Auch die Liebe zur Natur führt also ins Nichts, wenn man sie nicht in einer ordentlichen politischen Partei auslebt und in der mit missionarischem Eifer alles ausrottet, was nicht umstandslos nach »Regierungsverantwortung« drängt – und seiner Parteikarriere in die Quere kommt. Das zeigt, wie leidenschaftlich er ist, wie zielstrebig und beharrlich er verfolgt, woran er glaubt. Und dann schreibt er die Prinzipienlosigkeit seiner Prinzipienreiterei auch noch ins Poesiealbum der goldenen Lebensregeln und gibt zum besten, »dass es sich lohnt, an seinen Überzeugungen festzuhalten« (winfried-kretschmann.de). Man muss sich eben die richtigen Überzeugungen aussuchen, an denen man dann gnadenlos festhält, und der Fanatismus lohnt sich dann, wenn einem, wie in seinem Fall, der Erfolg recht gibt und man seine Partei schlussendlich auf die Linie bringt, auf die es ankommt: »Aus einer Protestpartei (…) ist eine Partei geworden, die eigentlich jederzeit in die Regierung könnte, aus dem Stand heraus, ja, weil sie eine Opposition macht, die so ist: ›Was könnten wir machen, wenn wir an der Regierung wären.‹ Also wir sind eine Partei geworden, die will das Gesamte gestalten und nicht nur gegen einzelne, wenn auch wichtige Dinge protestieren.« (gruenebw, youtube, 2.10.2009)

Recht bekommt Kretschmann zusätzlich und vor allem dadurch, dass sich das Wählerpublikum für diese Variante guten Regierens erwärmt und die Grünen andernorts zu einer zu jeder Koalition bereiten Partei werden, die nichts weiter will, als ihre unbedingte Regierungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Der als »Waldschrat aus Schwaben« verschriene »sture Eigenbrötler, den sie nur ungern ans Mikrofon ließen« (Spiegel online, 20.8.2016), mutiert zum liebenswerten Dickkopf (Parteifreund Joseph Fischer). Was zum Erfolg in der Konkurrenz der herrschenden Parteien führt, ist richtig, um so mehr, wenn es den eigenen befördert, weshalb der Mann nicht vermessen ist, wenn er berichtet: »Wie Phönix aus der Asche bin ich da irgendwie ganz nach vorne geschnellt.« (Ebd.)

Kretschmann ist ein Glücksfall für seine Partei, und mit beiden meint es die Vorsehung weiterhin gut. Den nächsten Glücksfall beschert sie in Gestalt eines GAUs in Japan, der die Asche frei Haus nach Deutschland liefert, aus der unser Phönix etwas für sich machen kann: Unter dem Eindruck der Katastrophe adoptiert die Kanzlerin AKW-kritische Bedenken, forciert eine ohnehin beschlossene »energiepolitische Wende« – und mit einmal sieht sich der »Markenkern« grüner Politik in den Adelsstand eines offiziellen Hauptanliegens der Regierung versetzt. Das eröffnet Kretschmann die wunderbare Gelegenheit, sich in der anstehenden Landtagswahl als schwäbischer Urheber dieses Umbruchs in Szene zu setzen, der, vorausschauend, wie er ist, schon immer auf der Höhe der Zeit bzw. seiner Zeit schon immer weit voraus ist. Und dann fällt ihm noch ein Stück Glück in den Schoß: Regierungschef Stefan Mappus (CDU) lässt die Proteste gegen »Stuttgart 21« niederknüppeln und denunziert anständige Schwabenbürger als »Berufsdemonstranten« – für Kretschmann ein gefundenes Fressen, in der Konkurrenz ums Amt des Ministerpräsidenten als Bürger Oberschwabe Punkte zu sammeln. Er verspricht den Bürgern, sie und ihr Anliegen ernst zu nehmen und ihre Einwände als von ihnen gewählter Regierungschef in einem Volksentscheid zur Abstimmung zu stellen. Derart günstige politische Umstände zum eigenen Vorteil auszunutzen, zeichnet den Konjunkturritter als pragmatisch aus. Sein Coup, mit dem er die SPD und »s’Büble« Nils Schmid zum Juniorpartner macht und den Christdemokraten ihr »Stammland« abluchst, dokumentiert, dass er nicht nur den nötigen Willen zur Macht hat, sondern auch alle miesen Tricks und Methoden demokratischer Parteienkonkurrenz beherrscht, sie erfolgreich an sich zu reißen. Auch taktisch ist er also äußerst geschickt.

Ein großartiger Chef

Im Amt angekommen, ist Kretschmann endlich dort, wo er fürs große Ganze wirken darf, und der erste Dienst, den er dem Land schuldig ist, besteht darin, sich vor dem Amt ganz klein zu machen und die Reihenfolge umzudrehen, in der er es dorthin geschafft hat: »Erst das Land, dann die Partei, dann die Person« (Zeit online, 28.3.2011) – verkündet einer bei seinem Amtsantritt, der mit nichts anderem als sich und seiner höchstpersönlichen Qualifikation fürs Regierungsgeschäft als Argument politisch Karriere gemacht und seine Partei zu dem Wahlverein hindressiert hat, der ihn an die Macht bringt. Natürlich ist er auch als grüner Kretschmann ganz dem Land verpflichtet, und wie kompetent er dafür ist, stellt er gleich unter Beweis: Der Parteipolitiker und seine Grünen stimmen im Landtag gegen den mit Dreiviertelmehrheit beschlossenen Bau von »Stuttgart 21«. Mit einem gleichzeitig vereinbarten landesweiten Volksentscheid lässt der Ministerpräsident den Stuttgarter Protest gegen den Bahnhof beerdigen und ordnet dessen Bau an.

Verantwortungsbewusst erweist er sich vor allem darin, einen kapitalistischen Vorzeigestandort nach dessen Erfordernissen zu kommandieren, und was dafür zu tun ist, zeigt dem Schwaben ein Blick hinein ins Schwabenland: »Wer wie ich in Baden-Württemberg aufgewachsen ist und lebt, der weiß, wie sehr der Geist der Tüftler und Denker zur DNA unseres Landes gehört. Beim Besuch von Unternehmen und im Gespräch mit Ingenieuren, Mechanikern oder Gründerinnen bin ich jedes Mal von ihrer Innovationskraft fasziniert. Sie zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg immer wieder aufs neue erarbeitet werden muss. Mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben – nach diesem Motto möchte ich wirtschaftlichen Erfolg und Ökologie verbinden. Dabei ist die Wirtschaft unser natürlicher Verbündeter. Längst haben viele Unternehmen erkannt, dass grüne Technologien nicht nur gut für die Umwelt sind, sondern weltweit ein riesiger Wachstumsmarkt sind.« (winfried-kretschmann.de)

In der bescheidenen Berechnung, dass nicht wenig von dem Glanz dieses großartigen Landes auf den großartigen Chef zurückfällt, der es regiert, überschüttet er sein Land und sein menschliches Inventar mit Komplimenten: Weil er dort aufgewachsen ist und lebt, wo viel getüftelt wird, will er gleich von einem Erbgut wissen, mit dem das Tüfteln vom Land in die Köpfe der Tüftler übertragen wird. In den Profiten, die Unternehmer womit auch immer machen, sieht er seine grünen Ideen praktisch wahr geworden; ihre schwarzen Zahlen stehen für den Naturschutz, den sie praktizieren, und wenn der heimische Mittelstand den Weltmarkt aufmischt, ist die im Schwabenland erfundene »ökosoziale Marktwirtschaft« unterwegs, die mit ihrer Versöhnung von Ökologie und Ökonomie den weltweiten Siegeszug antritt. Weil mit ihm die Liebe zur Natur den Kapitalismus regiert, tut es dieser schönen Harmonie im Dreieck von Geschäft, Gewalt und Gesundheit keinerlei Abbruch, wenn der Wirtschaftsfreund »die Autoindustrie beim Thema Feinstaub in Schutz« nimmt, partout nicht glaubt, »dass Daimler bei Abgasen trickst«, und es unter ihm »auch bei der Rheintalautobahn« vorangeht (Schwäbische Zeitung, 17.5.2018).

Schließlich brauchen die »natürlichen Verbündeten« in der Automobilindustrie für ihre Lösungen keine Vorschriften, sondern – wie er wissen lässt – »Heidenrespekt« in Gestalt staatlicher Unterstützung. Weil das seine Schwaben genauso sehen, die Freiheit ihrer Daimler, Porsche und Audi beim profitträchtigen Produzieren und Verscherbeln ihrer Schwindelprodukte mit sicheren Arbeitsplätzen übersetzen, kann sich Kretschmann mit seinen Phrasen von der »ökologisch-sozialen Erneuerung« unmöglich blamieren – in der DNA dieses blitzsauberen Landes ist eben auch die Versöhnung von Feinstaub und Bronchien mit einprogrammiert. So verhilft das kapitalistische Vorzeigeland mit seiner »hervorragenden Verfassung« (winfried-kretschmann.de) dem eingebildeten Urheber des Erfolgs zu Ansehen – aber natürlich adelt schon auch er in gewisser Weise das Land, das er regiert: »Wir sind ein starkes Bundesland und stellen den einzigen grünen Ministerpräsidenten Deutschlands, der sich eines gewissen Ansehens erfreuen darf.« (taz.de, 17.2.2018) Deshalb mögen die Leute den Kretschmann, wenn er ihnen vorsagt, »dass es mir um die Sache geht und nicht um irgendwelche taktischen Spielchen oder persönliche Interessen oder so etwas« (Spiegel online, 20.8.2016). Er ist sachorientiert, wenn er ihnen erklärt, was sie von der Sache haben, die er als Standortverwalter vorantreibt, und schon früh klarstellt, dass, »wenn die Grünen regieren werden, es auch Verlierer geben wird« (FAZ, 5.2.2011).

Und auch sonst ist er immer ehrlich, wenn er in Abgrenzung zu seinen Politikerkollegen daheim und in Berlin – »dieses interessens­taktische Geflecht ist mir abhold« (Spiegel online, 20.8.2016) – mit treuherziger Arglosigkeit kokettiert: »Ich bin naiv, und das werde ich mir auch erhalten« (ebd.) und gleichzeitig versichert, dass er natürlich eine intrigante Sau ist wie alle anderen: »Ich mauschel schon immer (…) Bitte schreiben Sie’s: Auch Kretschmann mauschelt! (…) Ich meine: Alles andere ist doch hochgradig naiv. Es geht halt nicht anders.« (Ebd.) Er macht eben – in aller Naivität – nur, was es braucht, um erfolgreich zu regieren; und sich offen zu allem zu bekennen, was es an berechnender Verstellungskunst und sonstigen Winkelzügen dazu so braucht, ist Zeichen höchsten politischen Anstands, wie ein Stuttgarter Parteifreund weiß: »Winfried Kretschmann ist der anständigste Mensch, der je in Deutschland Regierungschef wurde.« (Ebd.)

Der kann es unmöglich allen recht machen, hört aber allen zu – »die Zeit des Durchregierens ist vorbei«. Er praktiziert eine »Politik des Gehörtwerdens (…) auch außerhalb der Wahltage« (baden-wuerttemberg.de, 25.5.2011) – bevor er den von ihm regierten Leuten dann die Abfuhr erteilt: »Die Politik des Gehörtwerdens heißt nicht, dass man erhört wird.« (baden-wuerttemberg.de, 20.8.2015) »Ich habe eine Bürgergesellschaft versprochen, kein Bürgerparadies.« (Zeit online, 17.3.2016)

Bodenständig, mit Leberkäswecken

In dieser Bürgergesellschaft heißt der Schwabe Kretschmann alle willkommen, die er regiert. Allein sein breiter Dialekt ist ein einziges Kompliment an sämtliche Tugenden seiner Landsleute, denen er, bodenständig und geerdet, wie er ist, so gleicht. Am Nachbarn im dörflichen Laiz, der die Stuttgarter Dienstvilla bescheiden ablehnt, vor laufender Kamera im Hobbykeller schreinert, als Ehrenmitglied schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte das Zepter schwingt, zu Anzug und Krawatte Gesundheitsschuhe trägt, »wann immer es sein Terminkalender zulässt, mit seiner Frau raus in die Natur geht« (winfried-kretschmann.de) und danach seinen 70. mit Leberkäswecken in der Garage feiert, dürfen die arbeitsamen, bescheidenen und auf ihre Heimat stolzen Mitbürger den Inbegriff ihres Anstands und ihrer Vortrefflichkeit bewundern. Der Mann verstellt sich nicht, um zu veranschaulichen, dass die Herrschaft des grünen Biedermanns ganz im Sinne des Volks ist, zu dem er sich herablässt. Winfried Kretschmann ist der erste und einzige grüne »Minischterpräsident« Deutschlands und als solcher am Ziel seiner Träume. Bundespräsident kommt für ihn nicht in Frage weil »er sich nichts mehr beweisen müsse. Schließlich habe kein Mensch geglaubt, dass ein Grüner mal Ministerpräsident würde.« (Spiegel online, 20.8.2016) Und das soll einem Schwabensack erst mal jemand nachmachen.

Theo Wentzke ist Redakteur der Zeitschrift Gegenstandpunkt. Das aktuelle Heft 2/2019 versammelt Beiträge unter anderen zu den Themen Bayer-Monsanto, Trumps Lateinamerika-Politik und zur Kritik der Geschichtswissenschaft. Bestellung unter: ­de.gegenstandpunkt. com

Debatte

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Frank Rehberg: So what? Und nun? Ratlosigkeit bleibt wie bei fast allen Schriften der MG (meist lang, verschwurbelt, ohne praktische Handlungsvorschläge) zurück. So auch bei den beiden Themenseiten »Der grüne Biedermann« in ...
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