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Aus: Ausgabe vom 01.07.2019, Seite 5 / Inland
Klimaproteste

IG Metall for Future

Berlin: Großdemo für die »soziale Transformation«. IG Metall wünscht sich von »Arbeitgebern und Politik« mehr »Zukunftsinvestitionen«
Von Susanne Knütter
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Auf uns kommt es an: Auch die IG-Metall-Jugend demonstrierte am Sonnabend in Berlin

Würstchenstände, Eis- und Bierverkäufer, eine Grillbude namens »Knobi Bobby«: Diese doch ziemlich unpolitischen Akteure dominierten am Samstag bei der Kundgebung am Brandenburger Tor in Berlin, zu der die Gewerkschaft IG Metall bundesweit mobilisiert hatte, die Szene. Zwischendrin und eher unauffällig Infostände des »Unteilbar«-Bündnisses, des Naturschutzbundes NABU und von »HU for Future«. Es ging ums »Zusammenhalten«, um Zukunft und Natur. Mehr als 50.000 Menschen waren dem Aufruf der Gewerkschaft gefolgt. Unter dem Motto »Fairwandel. Nur mit uns« haben die Metaller ein Zeichen für eine soziale, ökologische und demokratische Transformation der Arbeitswelt gesetzt, wie es am Samstag in einer Pressemitteilung der IG Metall hieß. Ob das »Arbeitgeber und Politik«, an die die Gewerkschaft ganz offen appelliert, beeindruckt?

Mitglieder der Gewerkschaftsjugend spielten mit übergroßen Bällen, auf denen »Ausbildungsplätze fairteidigen« stand. Neben großen Quadern, die am Rande des Tiergartens gestapelt waren und auf denen Botschaften standen wie »Chancen ergreifen«, »Gerechtigkeit durchsetzen« oder »Teilhaben«, konnten Kundgebungsteilnehmer sich auf A4-großen Pappkarten mit eigenen Mitteilungen verewigen. Auf der Straße des 17. Juni wurden Besucher aufgefordert, Stoffstücke mit antirassistischen Stellungnahmen zu beschriften, die sodann zum »längsten Banner der Welt« zusammengenäht werden sollten. Die »Respekt!«-Initiative der IG Metall will so »gegen die Spaltung der Gesellschaft« werben und hat sich, wie zu erfahren war, schon mal um einen Eintrag in das Guinessbuch der Rekorde beworben. Die Aktion soll bis zum Gewerkschaftstag der IG Metall im Oktober laufen. Entlang der Fressmeile warteten noch andere Ablenkungen; wer wollte, konnte auch einfach nur zur Musik von Interpreten wie Silly und Clueso wippen.

Die Politik blieb am Wochenende einmal mehr den hauptamtlichen Funktionären überlassen. Die erste Bevollmächtigte des IG-Metall-Bezirks Berlin-Brandenburg-Sachsen, Birgit Dietze, kritisierte, dass Siemensbeschäftigte im Osten Berlins noch immer drei Stunden mehr arbeiten müssen als ihre Kollegen in Westberlin. Sie bekommen dafür nicht mehr Gehalt, müssen aber die gleichen Preise für Essen und Mieten bezahlen. Und das 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, über den sie sich, wie sie die Zuhörer wissen ließ, sehr gefreut hat. Jörg Hofmann, der Bundesvorsitzende der IG Metall, wurde etwas grundsätzlicher und warnte vor der zerstörerischen Kraft des Kapitalismus: »Ohne die Gewerkschaften, ohne eine demokratische Zivilgesellschaft würde dieses Wirtschaftssystem keine Rücksicht nehmen, weder auf den Menschen noch auf die Natur.« Deshalb müsse der technische Wandel mit sozialem Fortschritt verbunden werden und das gehe nur gemeinsam mit den Gewerkschaften und nicht gegen diese.

Jedes zweite Unternehmen habe seinen Betrieb noch nicht auf die Zukunft vorbereitet. Allein in den letzten drei Monaten haben deutsche Industriekonzerne den Abbau von 90.000 Arbeitsplätzen angekündigt, warnte Hofmann. »Strukturanpassungen« seien die Politik der sozialen Kälte. Die IG Metall fordere »Brücken zwischen der alten und der neuen Arbeitswelt, die für die Kollegen auch gangbar sind«. Wenn Aufträge für die alten Produkte auslaufen, wie etwa im Zuliefererbereich bei Verbrennungsmotoren, und neue Produkte, wie zum Beispiel Komponenten für die Elektromobilität, noch nicht hergestellt werden, »können nicht Entlassungen die Lösung sein«. Statt dessen brauche es Qualifizierungen für die Beschäftigten, forderte Hofmann und erneuerte den IG-Metall-Vorschlag, ein Transformationskurzarbeitergeld einzuführen.

Er stellte auch Widersprüche in der Mobilitätswende heraus. Im Jahr 2030 solle jedes zweite ausgelieferte Fahrzeug ein elektrisches sein – aber heute seien es erst zwei Prozent. Die Industrie sei in der Lage, die Produkte für die Energiewende zu liefern, aber es mangele bei den Rahmenbedingungen. Ganz ähnlich wie die Interessenverbände der Unternehmen forderte Hofmann ein flächendeckendes Ladestationsnetz. Dafür reiche aber das heutige Stromnetz nicht aus. »Und grüner Wandel geht nur mit grüner Energie.« Tausende Kollegen im Windanlagenbau hätten indes zuletzt ihre Jobs verloren, kritisierte Hofmann. Und »Regionen, die vom Verbrennungsmotor abhängen, drohen zu veröden«. Standorte hier zu schließen und in Osteuropa neue Fabriken hochzuziehen, könne keine Option sein. Der Gewerkschaftschef verlangte »Zukunftsinvestitionen statt Standortsterben«.

Und schlussendlich könnten die Pariser Klimaziele mit der »Umstellung auf Elektro« allein nicht erreicht werden. »Das geht nur mit weniger Verkehr.« Deshalb gehört der Gütertransport auf die Schiene und muss der öffentliche Personennahverkehr ausgebaut werden, in der Stadt und auf dem Land. Wegen der nötigen Milliardeninvestitionen appellierte Hofmann an die Bundesregierung: »Wer an der ›schwarzen Null‹ festhält und nicht in die Zukunft investiert, verspielt die Zukunft.« Die Beschäftigten übernähmen »Verantwortung«, rief Hofmann, und das verlange sein Verband auch von der Politik und den Unternehmen.

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