Gegründet 1947 Freitag, 19. Juli 2019, Nr. 165
Die junge Welt wird von 2201 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 01.07.2019, Seite 4 / Inland
LPG-Vollversammlung

Kurs halten

Haupteigentümer der Verlag 8. Mai GmbH für kommende Aufgaben gewappnet. Vollversammlung der Genossenschaft verurteilt Angriffe auf junge Welt
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Dietmar Koschmieder, Geschäftsführer der Verlag 8. Mai GmbH, Eckehard Schlauß, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Genossenschaft LPG, und jW-Chefredakteur Stefan Huth (v. l. n. r.) am Sonnabend in der jW-Ladengalerie

Am Samstag trafen sich in Berlin 58 Genossinnen und Genossen auf der ordentlichen Vollversammlung der Genossenschaft LPG junge Welt e G. Der Vorsitzende des Vorstands, Simon Zeise, hob die erarbeitete gute Ausgangslage hervor, die es ermögliche, die Herausgabe der jungen Welt zu gewährleisten und Weichen für die Zukunft zu stellen. »Die Kampfkasse ist gut gefüllt«, sagte Zeise. Dem Verlag 8. Mai GmbH konnte dank hoher Bankrücklagen und steigender Mitgliederzahlen ein Kredit über 50.000 Euro gewährt werden. Außerdem habe die LPG mit jeweils 1.000 Euro geholfen, die M&R-Künstlerkonferenz und die Soliveranstaltung »Hände weg von Venezuela!« abzusichern. 2.201 Mitglieder haben sich mittlerweile der Genossenschaft angeschlossen. Im kommenden Jahr, zum 25jährigen Jubiläum von Verlag 8. Mai und LPG, sollen es »2.500 plus x« werden. Ohne Gegenstimmen bestätigte die Versammlung den Jahresabschluss und legte fest, dass der Jahresfehlbetrag in Höhe von 2.138,06 Euro mit den bisher angesammelten Verlusten auf neue Rechnung vorgetragen werden soll. Mitglieder, die zum Jahresende ausgeschieden sind, erhalten pro Anteil 307,57 Euro ausbezahlt.

Dietmar Koschmieder, Geschäftsführer der Verlag 8. Mai GmbH, hob hervor, in welch schwierigem Umfeld sich die junge Welt behaupten müsse. Da mit dem Tageszeitungsgeschäft immer weniger Profite zu erzielen seien, wollten sich immer mehr Verlage davon verabschieden. Viele Menschen hätten sich mittlerweile das tägliche Lesen einer gedruckten Zeitung abgewöhnt, während junge Menschen so eine Leseerfahrung oft noch gar nicht gemacht hätten. Eine progressive Tageszeitung sei aber elementare Voraussetzung für Aufklärung und Veränderung. Mit der aktuellen Kampagne »Ich will ein Print von Dir!« sollen möglichst viele neue Leserinnen und Leser gewonnen werden.

Im vergangenen Geschäftsjahr 2018 konnte der Verlag zwar einen Jahresüberschuss in Höhe von 2.345,75 Euro erzielen, im laufenden entstünden jedoch über 300.000 Euro zusätzliche Kosten. Fast ein Drittel davon kassiere allein die Deutsche Post AG für unverschämte Preissteigerungen. Die bescheidene Abopreiserhöhung vom Juni reiche nicht aus, um dies zu schultern, zusätzlich müssten die Verkäufe von Abonnements und am Kiosk deutlich gesteigert werden. Um verstärkt auf die jW aufmerksam zu machen, werde der Online-Auftritt ausgebaut. Zudem sollen eine Smartphone-App und ein Videopodcast der Kolumne »Der Schwarze Kanal« noch in diesem Sommer zur Verfügung stehen.

Mit heftigen Angriffen auf die junge Welt soll verhindert werden, dass sich die verkaufte Auflage der Zeitung weiter positiv entwickelt. Darüber berichtete jW-Chefredakteur Stefan Huth, der auf die offensichtlichen Lügen im aktuellen Verfassungsschutzbericht hinwies. Er sei dort als einziger Chefredakteur der Republik namentlich genannt. Während die junge Welt wegen ihrer aufklärerischen Haltung denunziert werde, würden rechte Gruppierungen wie etwa Pegida nicht genannt. Die beabsichtigten Folgen: Die Deutsche Bahn AG habe es untersagt, bezahlte Plakatwände in Bahnhöfen zu nutzen, Radiosender weigerten sich, Spots zu senden, Bibliotheken sperrten die Website der Zeitung – jeweils mit der Begründung, die jW werde im Verfassungsschutzbericht aufgeführt.

Aber auch aus vermeintlich linker Ecke kämen weiter Angriffe: In einer von antideutscher Sichtweise geprägten Ausstellung im Anne-Frank-Haus in Frankfurt am Main zu »Antisemitismus in der Linken« sei als abschreckendes Beispiel ein junge Welt-Leser mit Palituch zu sehen. Die Rote Hilfe habe in ihrem Mitgliederheft einen Artikel über den langjährigen jW-Chefredakteur Arnold Schölzel gebracht, der »mit allen journalistischen Standards gebrochen« habe. In einem Beitrag des Verdi-Magazins Menschen machen Medien werde die Rhetorik des Verfassungsschutzberichts aufgenommen und junge Welt als »Kampfblatt« bezeichnet.

Aktuell werde vom Bundestagsabgeordneten Diether Dehm (Die Linke) und Klaus Hartmann, Vorsitzender des Freidenker-Verbandes, eine Kampagne initiiert. Über diverse Netzwerke werde ein Aufruf verbreitet, mit dem, so Hartmann in einem Begleitschreiben, daran gearbeitet werden soll, den Kurs der jW zu ändern. So soll unter anderem die »nationale Frage« stärker ins Zentrum der Berichterstattung rücken. Huth wies auch diesen Angriff scharf zurück. Verlag und Redaktion lassen sich weder vereinnahmen, noch auf diese Art unter Druck setzen, sondern beharrten auf ihrer Unabhängigkeit. Andernfalls wären sie überflüssig. Die junge Welt habe einen internationalistischen Anspruch und stelle die Eigentumsverhältnisse ins Zentrum ihrer Berichterstattung. In der ausführlichen Diskussion plädierten die anwesenden Genossinnen und Genossen dafür, sich durch solche Angriffe nicht vom Kurs abbringen zu lassen. (jW)

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus Nürnberg ( 1. Juli 2019 um 07:15 Uhr)
    Ich habe die jw abonniert, weil sie eben ein entschiedenes „Kampfblatt“ ist, das täglich eine Fülle fundierter, klassenorientierter Informationen und Meinungen liefert für die Auseinandersetzung mit dem systemkonformen Establishment, mit rechten Kräften, aber auch mit pseudolinken Irrlichtern. Weiter so.
  • Beitrag von Barbara W. aus Berlin ( 1. Juli 2019 um 09:55 Uhr)
    Bitte weiter so! Man kann nie mit allem einverstanden sein, aber der Kurs muss stimmen und der stimmt bei der jungen Welt. Was mich aber empört ist die Tatsache, dass Leute wie Diether Dehm (Die Linke) und Klaus Hartmann, Vorsitzender des Freidenker-Verbandes eine Kampagne initiiert haben mit deren Hilfe der Kurs der jungen Welt geändert werden soll. Die junge Welt wird demokratisch von ihren Genossinnen und Genossen herausgegeben, mit linker Richtung, aber nicht parteiabhängig. Auch dem Freidenker-Verband ist die junge Welt nicht verpflichtet. Demokratie ist eine gute Sache, der Kampf dafür aber sehr schwer - wie sich an der Haltung der oben genannten zeigt. Barbara Wolterstädt, Berlin
  • Beitrag von Klaus H. aus Offenbach am Main ( 1. Juli 2019 um 10:08 Uhr)
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    • Beitrag der jW-Redaktion ( 1. Juli 2019 um 14:51 Uhr)
      An dieser Stelle stand ein Kommentar von Herrn Klaus Hartmann mit weiteren Vorwürfen und Falschaussagen gegen die junge Welt. Damit versucht Herr Hartmann auf anderem Wege erneut, uns eine Debatte unter anderem über eine »nationale Frage« aufzuzwingen. An welcher Stelle und worüber die junge Welt diskutiert und berichtet, wird von der Redaktion entschieden. (jW)
      • Beitrag von josef w. aus Hefei, VR China ( 1. Juli 2019 um 15:34 Uhr)
        Dann antworten Sie auf die Argumente von Klaus Hartmann, die für mich plausibel klingen.

        Seinen Leserbrief zu zensieren, zeigt nicht gerade intellektuelle Souveränität.
        • Beitrag der jW-Redaktion ( 1. Juli 2019 um 16:51 Uhr)
          Wir »zensieren« nicht, dies bleibt staatlichen Stellen vorbehalten. Verstöße gegen die Netiquette der Online-Kommentarfunktion können wir allerdings nicht dulden. Dies wurde begründet. (jW)
  • Beitrag von josef w. aus Hefei, VR China ( 1. Juli 2019 um 11:29 Uhr)
    Es gibt Angriffe auf die jw, z.B. durch den Verfassungsschutz, und es ist klar, dass sich die jw und ihre Leser gegen diese Angriffe zur Wehr setzten müssen.

    Es gibt aber eben auch Kritik an der jw, und ich kann diese Kritik durchaus verstehen, wenn ich den Betrag von Klaus Hartmann lese. Der Beitrag über die Vollversammlung setzt die Angriffe und Kritik gleich, indem er unison von Angriffen auf die jw spricht. Das finde ich durchaus bedenklich. Der Kritik an einem nationalen Nihilismus, wie Hartmann sie formuliert, kann ich zustimmen, nur wäre es insgesamt besser, wenn sie in dieser Zeitung an einzelnen Beirträgen geführt würde. Leider ist die Diskussionsfreudigkeit in dieser Zeitung ziemlich schwach ausgeprägt und nur die Beiträge über Sahra Wagenknecht schlagen einigermaßen Wellen.

    Die Leser sollten m.E. mehr in die Tasten greifen und ihre kritische Meinung äußern, nur so kann die jw Kurs halten und das verhindert auch die Bildung einer Art Wagenburgmentaliät, die ich jedenfalls aus solchen Sätzen wie "Verlag und Redaktion lassen sich weder vereinnahmen, noch auf diese Art unter Druck setzen, sondern beharrten auf ihrer Unabhängigkeit. " herauslese.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Herbert Schadewald, Berlin: Kampfblatt Warum wehrt ihr euch gegen den Begriff Kampfblatt? Natürlich seid ihr ein Kampfblatt – gegen Ausbeutung, Dummheit, Hass, Kapitalismus, Kriegstreiberei, Lügen … sowie – für Arbeitnehmerrechte, (Welt-...

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