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Aus: Ausgabe vom 01.07.2019, Seite 2 / Inland
Festnahme auf Lampedusa

Kapitänin verteidigt Entschluss

Unerlaubt angelegt: »Sea-Watch 3«-Schiffsführerin in italienischer Haft
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Die »Sea Watch 3« und ein Boot der italienischen Küstenwache am Donnerstag vor Lampedusa

Die Kapitänin des Rettungsschiffs »Sea-Watch 3«, Carola Rackete, steht nach Angaben ihres Anwalts zu ihrer Entscheidung, unerlaubt in den Hafen von Lampedusa zu fahren. Die 31jährige war dort am frühen Samstag morgen von der italienischen Polizei festgenommen worden. Ihr Ziel sei es gewesen, die verzweifelten Migranten an Bord des Schiffes an Land zu bringen, sagte Rechtsanwalt Alessandro Gamberini laut der Deutschen Presseagentur (dpa) am Sonntag. Nach mehr als zwei Wochen auf See hätten die Nerven an Bord blank gelegen. Die italienische Tageszeitung Corriere della Sera berichtete, die Kapitänin habe Suizide von Geretteten befürchtet.

Mit 40 Migranten an Bord hatte sie das Schiff in der Nacht zum Samstag unerlaubt in den Hafen von Lampedusa gesteuert. Nach Angaben der Polizei wäre deren Schnellboot von der »Sea-Watch 3« beinahe »zerstört« worden, wäre es nicht ausgewichen. Italiens Innenminister Matteo Salvini von der ultrarechten Lega nannte das Manöver »eine kriegerische Handlung«. Am Sonntag verteidigte Rackete ihr Vorgehen. Es sei »kein Akt der Gewalt, sondern nur des Ungehorsams« in einer verzweifelten Situation gewesen, teilte sie dem Corriere della Sera über ihre Anwälte mit. Sie habe das Polizeiboot sicher nicht rammen wollen. »Ich hatte nicht die Absicht, irgend jemanden in Gefahr zu bringen«, sagte sie und bat um Entschuldigung.

Linksparteichef Bernd Riexinger nannte sie am Samstag auf seiner Facebook-Seite »Heldin der Sea-Watch 3«, forderte ihre sofortige Freilassung und verlangte von der Bundesregierung, sich ebenfalls dafür einzusetzen. Deutschlands Außenminister Heiko Maas (SPD) äußerte sich diplomatisch: »Seenotrettung darf nicht kriminalisiert werden«, twitterte er am Samstag. Vor dem Hintergrund, dass sie eine humanitäre Verpflichtung sei, müsse die italienische Justiz die Vorwürfe nun schnell klären.

Laut der dpa drohen der Kapitänin Anklagen wegen mutmaßlicher Gewalt gegen ein Kriegsschiff, Beihilfe zur illegalen Einwanderung sowie Verletzung italienischer Hoheitsgewässer und im Ernstfall mehrere Jahre Haft. Die 40 Migranten konnten derweil von Bord gehen. Sie wurden am Samstag in das Aufnahmelager auf Lampedusa gebracht. Fünf europäische Länder, darunter Deutschland, hatten am Freitag zugesagt, Flüchtlinge von Bord des Schiffes aufzunehmen. (dpa/jW)

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. ( 1. Juli 2019 um 07:25 Uhr)
    Die Kapitänin hat wohl die formalen Gesetze gegen sich, aber Moral und Menschlichkeit ohne Zweifel auf ihrer Seite. Sie ist in der Tat eine Heldin und wäre nach objektiven Maßstäben erste Anwärterin für den Friedens-Nobelpreis.

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