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Aus: Ausgabe vom 28.06.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Arbeitswoche

Bis zu 60 Stunden

Lohnausgleich oder nicht? Russland debattiert über Flexibilisierung der Wochenarbeitszeit. Arbeiter fürchten Lohneinbußen
Von Reinhard Lauterbach
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Produktivität steigern? Mit den Wegen dahin sind nicht alle Arbeiter einverstanden (Präsident Putin zu Besuch im Kohlerevier in Chernigowets, 27.8.2018)

Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew hält die Einführung der Viertagewoche für unausweichlich. Das sagte er Anfang dieses Monats bei einem Vortrag vor der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf. Seitdem hat Russland eine Arbeitszeitdebatte in allen Medien. Ausgespart bleibt dabei zumindest einstweilen die für Beschäftigte zentrale Frage: mit oder ohne Lohnausgleich?

Bei seinem Auftritt in Genf hatte Medwedew »neue Herangehensweisen an Grundbegriffe wie Arbeitstag und Arbeitsplatz« gefordert. Der »technologische Prozess« führe dazu, dass nicht nur Arbeitsplätze wegfielen, sondern auch Arbeitszeit. Insofern sei es »durchaus wahrscheinlich«, dass die Zukunft der viertägigen Erwerbswoche gehöre. Er forderte auch flexiblere Organisationsformen wie mehr Gleitzeit und Arbeit von zu Hause aus.

Hintergrund dafür, dass Medwedew ohne zwingenden Anlass dieses Thema aufmachte, ist vermutlich die Aufgabe, die Präsident Wladimir Putin der russischen Volkswirtschaft in seinen »Mai-Erlassen« vom Frühjahr 2018 gestellt hat: bis 2030 die Arbeitsproduktivität um 20 Prozent zu erhöhen. Der russischen Regierung ist offenbar klar, dass, wenn dieses Ziel ernsthaft angestrebt wird, ein Anstieg der Erwerbslosigkeit nicht zu vermeiden sein wird. In den letzten Jahren war es der Regierung gelungen, die offizielle Arbeitslosigkeit auf einem Niveau von fünf bis sechs Prozent zu halten, 2018 lag sie laut russischer Statistikbehörde Rosstat sogar bei 4,8 Prozent. Sollte das Intensivierungsprogramm greifen, müsste sich das unter gleichbleibenden kapitalistischen Rahmenbedingungen zum Schlechteren ändern – mit allen unkalkulierbaren Folgen für die politische Stabilität des Landes.

Also diskutieren jetzt alle möglichen staatsnahen Experten, wie sich an verschiedenen Stellschrauben des Systems drehen lasse, ohne es als ganzes zu gefährden. Nicht zufällig entspricht die von Medwedew ins Spiel gebrachte Senkung der Arbeitszeit von fünf auf vier Tage rechnerisch genau jenen 20 Prozent Produktivitätssteigerung, die Putin der Wirtschaft abgefordert hatte. Medwedews Stellvertreterin für Sozialpolitik, Tatjana Golikowa, warnte vor Schnellschüssen: das 20-Prozent-Ziel sei »mit leichter Hand« und ohne genaue Berechnungen formuliert worden. Außerdem müsse die erhöhte Produktivität erst einmal erreicht sein, bevor die Arbeitszeit verkürzt werden könne. Darin liegt, als Henne-Ei-Problem formuliert, die Frage des Lohnausgleichs verborgen. Und die Frage, wie die Unternehmen gehindert werden könnten, Produktivitätsgewinne einfach einzustecken – was ja durchaus Ziel der Kampagne ist.

Dagegen argumentierte der Leiter des Instituts für Sozialforschung bei der Finanzhochschule der Regierung, Alexej Subez, in der Regierungszeitung Rossiskaja Gaseta am Montag prägnant für eine generelle Arbeitszeitverkürzung: erstens könne der Mensch sowieso nicht mehr als fünf Stunden am Tag mit maximaler Produktivität arbeiten, so dass eine Arbeitszeitverkürzung nur die unproduktiven Teile des Arbeitstages wie Flurfunk und Zigarettenpausen gegenstandslos mache. Zweitens sei die Alternative zu einer generellen Arbeitszeitverkürzung die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Dies aber sei aus ethischen Gründen zu verwerfen, weil der Mensch mit leistungslosem Einkommen »verkomme«. Eine verkürzte Arbeitswoche dagegen erhalte im Kern die mühsam antrainierte Fabrikdisziplin. Und wenn ohnehin von der Notwendigkeit ständiger Weiterbildung für den Job die Rede sei, erhielten die Beschäftigten durch die Arbeitszeitverkürzung auch die Zeit hierfür. Ebenso werde es Frauen durch die vermehrte Einführung von Arbeit im Homeoffice erleichtert, Familie und Beruf zu verbinden. Nicht einmal den Umweltschutz vergaß Subez zu erwähnen, denn mehr solche Heimarbeit vermindere den Berufsverkehr. Und er endete mit der Aussage, die Arbeit im Homeoffice hebe überhaupt das Problem auf, wie lange die Arbeitswoche dauere. Nämlich – und das sagte er nicht dazu – zur Not auch 60 Stunden. Da soll offenbar gleich der Normalarbeitstag geschleift werden.

Russlands Linke ist durch die von oben eröffnete Debatte über die künftige Arbeitszeit offenkundig auf dem falschen Fuß erwischt worden. Nämlich bei der Hoffnung, eine uralte Forderung quasi geschenkt zu bekommen. Auf der Seite einer »Arbeiterpartei Russlands« erklärte ein Professor für Sozialpolitik unter Hammer und Sichel, eine Arbeitszeitverkürzung wäre für Russland vorteilhaft, weil sie die Unternehmen »zwinge, innovativ zu werden«. Kein Wort davon, was kapitalistische Modernisierung für die Beschäftigten regelhaft bedeutet, wenn sie sich nicht wehren.

Die Bevölkerung macht sich ihren eigenen Reim auf die Debatte. Bei einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM erklärten 48 Prozent der Befragten, sie seien gegen eine Arbeitszeitverkürzung, weil das nur zu einer weiteren Kürzung ihrer Einkünfte führen würde. 29 Prozent waren dafür, vor allem Jüngere und Bewohner der Millionenstädte.

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