Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 28.06.2019, Seite 5 / Inland
#fairdient

Umsonst geschuftet

25 Milliarden Euro Gewinn wegen unbezahlter Mehrarbeit. Gewerkschaft NGG will Beschäftigten Stimme geben und startet Gaststättenkampagne
Von Susanne Knütter
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Genuss auch für die Kellner: Zusammen mit Beschäftigten stellte der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler (Mitte) am Donnerstag in Berlin die Gastgewerbe-Kampagne der Gewerkschaft vor

Die schlimmsten Bedingungen habe es in der Sternegastronomie gegeben. Da sind zwölf, 14, 16, zum Teil sogar 18 Arbeitsstunden möglich, sagte Oliver R. Er hat über die Jahre in verschiedenen Hotels und Gastronomiebetrieben Erfahrungen gesammelt. Mit drei weiteren Kollegen machte er am Donnerstag am Sitz des Hauptstadtbüros der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) auf die verheerenden Arbeitsbedingungen in der Branche aufmerksam.

Die NGG hatte diesmal das Eduard-Pestel-Institut beauftragt, die Anzahl der Überstunden zu ermitteln, die die Beschäftigten in Deutschland im vergangenen Jahr geleistet haben. Das waren demnach knapp 2,15 Milliarden zusätzliche Arbeitsstunden. Davon 1,01 Milliarden zum »Nulltarif«. Im Schnitt arbeitete damit 2018 jeder Beschäftigte 24,9 »Umsonst-Stunden« für den Chef. In Geld umgerechnet mache das etwa 25 Milliarden Euro. Da die Überstundenbilanz in den vorhergehenden Jahren keinesfalls besser, sondern eher schlechter war, hätten die Unternehmen auf diese Weise in zehn Jahren 250 Milliarden Euro gespart. »Man könnte auch sagen«, das ist der Betrag, »den die Beschäftigten den Arbeitgebern geschenkt haben«, sagte der Leiter des Pestel-Instituts, Matthias Günther, am Donnerstag bei der Vorstellung der Ergebnisse.

Allein im Tourismus, in den Hotels und Gaststätten sind, so das Pestel-Institut, nach dem aktuellen Mikrozensus 45 Prozent aller Überstunden unbezahlt. »Und das, obwohl mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze im Hotel- und Gaststättengewerbe Mini-Jobs sind«, sagte der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler. Nach Einschätzungen von Matthias Günther werde gerade durch die Anstellung von Minijobbern und Nebenberuflern ein hohes Maß an Flexibilität für den Unternehmer gewährleistet. Aber ein 450-Euro-Job lässt keinen Extra-Euro beim Verdienst zu. Geringfügig Beschäftigte würden gerade auch in der laufenden Sommersaison zu Mehrarbeit gedrängt. Zeitler befürchtete, »entweder werden Überstunden dann nicht oder mit ›Schwarzgeld‹ bezahlt«.

Oliver R. machte klar, dass der Personalmangel das Problem ist. Am Ende müssten die Angestellten, die da sind, die Arbeit erledigen. Dieser Mangel wird sich aber erst beheben lassen, wenn die Arbeitsbedingungen besser werden. Gegenwärtig müsse selbst mehr als die Hälfte der Vollzeitbeschäftigten in Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufen mit einem monatlichen Entgelt von unter 2.000 Euro über die Runden kommen, sagte Günther. Bei 45 Arbeitsjahren kämen sie damit aktuell auf einen Rentenbetrag in Höhe der Grundsicherung.

Für den Leiter des Pestel-Instituts ist die unzureichende Kontrolle das Problem. Bei 15.200 Betriebskontrollen im Jahr 2017 und fast 3,5 Millionen Unternehmen ergebe sich ein Prüfturnus von 230 Jahren. Das heißt, ein Unternehmen hat die Chance einmal in 230 Jahren überprüft zu werden. Die Konsequenz sei, dass Unternehmen sich auch nicht für die Regeln interessieren, so Günther. Im Gegenteil fordert der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) eine Reform des »lebensfremden Arbeitszeitgesetzes«, wie es in einer Presseerklärung von Montag hieß. Guido Zeitler machte klar, dass das Arbeitszeitgesetz bereits flexible Regelungen ermöglicht. Dem Unternehmerverband gehe es nun nicht mehr nur um Flexibilität, sondern um die Entgrenzung von Arbeitszeit. »Im Klartext geht es um ein Durchlöchern des Arbeitszeitgesetzes und die Ausweitung der täglichen Höchstarbeitszeit auf bis zu 13 Stunden«, so Zeitler.

Dem entgegen setzt die NGG nun eine bundesweite Gaststättenkampagne. Unter dem Motto »#fairdient« wird man von nun an in Großstädten wie Köln, Hamburg, München oder Berlin Großplakate sehen können. Damit und über die sogenannten sozialen Medien will sie den gut 1,7 Millionen Beschäftigten in Hotels und Gaststätten eine öffentliche Stimme geben. Eine entsprechende Konferenz soll im Oktober folgen.

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