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Aus: Ausgabe vom 28.06.2019, Seite 2 / Inland
Neonazi-Terror

Lübcke-Mord: Neue Festnahmen

Tatverdächtiger Stephan Ernst belastet in Aussage Waffenlieferanten
Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe
Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe

Nach dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) haben die Ermittler zwei Männer festgenommen, über die sich der mutmaßliche Täter Stephan Ernst die Tatwaffe besorgt haben soll. Ihnen wird Beihilfe zum Mord vorgeworfen.

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ließ nach Angaben vom Donnerstag den 64jährigen Elmar J. und den 43jährigen Markus H. festnehmen. Auch ihre Wohnungen in Kassel und im Landkreis Höxter in Nordrhein-Westfalen wurden durchsucht. Der Beschuldigte J. werde verdächtigt, Ernst im Jahr 2016 die spätere Tatwaffe verkauft zu haben, erklärte die Bundesanwaltschaft. Den Kontakt zwischen den beiden soll H. hergestellt haben. Die beiden Festgenommenen sollen es den Ermittlern zufolge auch für möglich gehalten und billigend in Kauf genommen haben, dass Ernst die Waffe für ein »politisch motiviertes Tötungsverbrechen« einsetzt.

Die Ermittler waren den beiden durch Angaben des Tatverdächtigen Ernst auf die Spur gekommen. Er gab demnach auch an, wie er an Waffen gekommen war und wo sie versteckt sind. In dem angegebenen Versteck seien neben der mutmaßlichen Tatwaffe weitere Waffen, darunter Maschinenpistolen, gefunden worden. Ernst gab laut den Ermittlern auch an, an zwei weitere Beschuldigte selbst Waffen verkauft zu haben. Gegen diese ermittelt demnach die Staatsanwaltschaft Kassel.

Zumindest einer der beiden Festgenommen hatte offenbar einen rechten Hintergrund. Bei der Durchsuchung der Wohnung des mutmaßlichen Waffenvermittlers Markus H. seien NS-Devotionalien beschlagnahmt worden, berichteten NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung. Laut einem Bericht des ARD-Politikmagazins »Panorama« gehörte H. seit Jahren zur Kasseler Neonaziszene. Er wurde demnach im Jahr 2006 auch im Zusammenhang mit dem Mord an Halit Yozgat als Zeuge vernommen. Später stellte sich heraus, dass der 21jährige Yozgat ein Opfer der faschistischen Terrorgruppe »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) war.

In früheren Medienberichten hatte es geheißen, Lübcke sei mit einer »Kleinkaliberwaffe« erschossen worden. Generalbundesanwalt Peter Frank sprach hingegen während einer Sitzung des Bundestagsinnenausschusses am Mittwoch von einer Waffe mit dem Kaliber neun Millimeter (.38 Zoll). Derartige Waffen, die unter anderem von der deutschen Polizei verwendet werden, zählen nicht zu den Kleinkalibern. (dpa/jW)

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