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Aus: Ausgabe vom 27.06.2019, Seite 5 / Inland
Notstand im Krankenhaus

Starkes Zeichen im Tarifkampf

Mehr als 3.500 Beschäftigte an Mainzer Uniklinik fordern höhere Gehälter und mehr Personal
Von Daniel Behruzi
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An den meisten Kliniken in Deutschland herrscht Personalnotstand (Demonstration in Düsseldorf, 12.7.2018)

Eine solche Petition hat es in einem deutschen Krankenhaus wohl noch nicht gegeben. Am Mittwoch überreichten Beschäftigte der Universitätsmedizin Mainz ihrem Vorstandsvorsitzenden ein meterlanges Plakat mit insgesamt über 3.500 Unterschriften. Damit unterstützt mehr als die Hälfte der Belegschaft die Gewerkschaftsforderungen nach höheren Gehältern und mehr Personal. Dass die Aktivisten eine solche »Mehrheitspetition« in einem Krankenhaus mit Schichtbetrieb hinbekommen haben, ist im Vorfeld der am heutigen Donnerstag beginnenden Tarifverhandlungen ein klares Zeichen: Die Beschäftigten der Mainzer Uniklinik sind kampfbereit.

»Diese breite Unterstützung – quer durch alle Berufsgruppen – zeigt uns, dass wir mit unseren Forderungen richtigliegen«, erklärte Verdi-Verhandlungsführer Frank Hutmacher in einer Mitteilung. Angesichts dieses starken Signals solle die Klinikleitung »verhandlungstaktische Spielchen unterlassen und direkt ein verhandlungsfähiges Angebot vorlegen«. Verdi will im neuen Haustarifvertrag unter anderem sechs Prozent, mindestens aber 200 Euro monatlich mehr sowie 120 Euro für Azubis durchsetzen. Examinierte Pflegekräfte sowie Hebammen sollen eine zusätzliche monatliche Zulage zwischen 350 und 400 Euro erhalten. Zudem fordert Verdi, auch Auszubildende der Gesundheitsfachberufe – wie Therapeuten und medizinisch-technische Assistenten – endlich zu bezahlen. Bislang bekommen diese trotz hoher Praxisanteile keinen Cent.

»Für ihre anspruchsvolle, engagierte und oft auch sehr belastende Arbeit haben die Beschäftigten der Universitätsmedizin Mainz eine gute Bezahlung verdient«, stellte Hutmacher klar. Der kaufmännische Vorstand der Universitätsmedizin, Christian Elsner, bezifferte die Verdi-Forderungen auf insgesamt rund 40 Millionen Euro. Das ist ziemlich genau die Summe, die die Uniklinik für 2018 voraussichtlich als Verlust ausweisen wird, wenn die Jahresbilanz an diesem Freitag verkündet wird. »Je nach Abschluss muss ich überlegen, wo ich das Geld einspare«, drohte Elsner in der Lokalpresse.

Für die Hebamme Silke Bunse ist das vor allem ein Versuch, die Belegschaft zu spalten. »Doch das lassen wir nicht zu – wir kämpfen für alle Mitarbeiter«, so die 38jährige am Mittwoch auf jW-Nachfrage. Sie ist eine von 139 »Teamdelegierten«, die an der Mainzer Uniklinik aktiv geworden sind. Systematisch gingen sie in den vergangenen Wochen durch die Stationen, um die Unterstützung für die Gewerkschaftsforderungen zu testen. Dies ist Teil einer neuen Strategie, die Verdi an dem Uniklinikum anwendet. Das von der US-Autorin Jane McAlevey entwickelte Konzept setzt darauf, Belegschaften in Tarifkämpfen nahezu vollständig zu organisieren und einzubeziehen. In den USA haben Gewerkschaften damit einige beeindruckende Erfolge erzielt. Das soll nun auch in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt klappen. Der Auftakt jedenfalls ist vielversprechend.

»Ganz viele Mitarbeiter aus unterschiedlichen Beschäftigtengruppen schließen sich zusammen, um gemeinsam zu kämpfen«, berichtete Bunse. Das sei »total ermutigend«. Ihr geht es dabei nicht nur ums Geld, sondern auch und vor allem um bessere Arbeitsbedingungen. »Egal, in welchen Bereich man geht, alle sind am Ende ihrer Kräfte – und stinksauer.« Bis vor Kurzem hat Bunse den Kreißsaal geleitet. Doch angesichts der Personalnot wollte sie diese Leitungsfunktion nicht mehr ausüben. Jetzt engagiert sie sich mit der Gewerkschaft, um die Verhältnisse zu ändern. »Man hat das Gefühl, dass man endlich etwas bewegen kann.«

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