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Aus: Ausgabe vom 26.06.2019, Seite 15 / Antifa
AfD-Flügel zoffen sich

Innerrechter Schlagabtausch

Vor Landtagswahlen verschärfter Flügelkampf im AfD-Umfeld: David Berger setzt Tiefschläge gegen Verleger Götz Kubitschek
Von Volkmar Wölk
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»Neurechter« Wortfechter: Chefideologe Götz Kubitschek (Schnellroda, 22.10.2008)

»Fight Club«, ein literarisches und cineastisches Meisterwerk, gehört paradoxerweise zu den Kultfilmen der extremen Rechten. Allerdings ist ihr »Projekt Chaos«, im Gegensatz zur Filmhandlung, keineswegs eine straff organisierte Kaderorganisation. Immer wieder entpuppt sich ihre Version des »Fight Club« in der Realität als Kampf aller gegen alle. Während einzelne Protagonisten wie der »Antaios«-Lektor Benedikt Kaiser von einer »Mosaikrechten« träumen, zu deren wenigen Voraussetzungen die Solidarität aller Beteiligten untereinander gehört, zerstreuen andere Akteure die Einzelteile des Puzzles. Und wenn der Kampf erst richtig tobt, dann folgen unweigerlich die Schläge unter die Gürtellinie.

Besonders heftig toben die Auseinandersetzungen dort, wo Einfluss zu gewinnen ist, wo gut dotierte Posten zu vergeben sind. Der Kampf von David Berger gegen Götz Kubitschek, der Blogger gegen den Verleger, ist das jüngste Beispiel. Auf der Seite des bekennenden homosexuellen Theologen und Islamfeindes Berger steht die »Vereinigung der Freien Medien« im Umfeld von Vera Lengsfeld, auf der anderen Seite das Netzwerk Kubitscheks und sein »Institut für Staatspolitik« sowie »Identitäre« und rechte Medien wie die Jugendzeitschrift Arcadi. Dabei sind die Protagonisten in diesem innerrechten Kampf selbst nur Stellvertreter. Sie stehen für die unterschiedlichen Flügel der AfD.

Berger, der den aktuellen Streit vom Zaun gebrochen hatte, ist Kuratoriumsmitglied der Desiderius-Erasmus-Stiftung, die dem nach baldiger Regierungsbeteiligungen strebenden AfD-Flügel nahesteht. Der Verleger Kubitschek dagegen gilt als Vertrauter des AfD-Fraktionschefs in Thüringen, Björn Höcke, und als Stratege dessen völkisch-rassistischer Strömung »Der Flügel«.

Bergers erster Schlag ist ein tiefer. Er schreibt in einem Tweet von »intellektuell parfümierten Nazis« um Kubitscheks Zeitschrift Sezession. Anlass war dessen Kommentar zur ersten »Konferenz Freier Medien«, die einige AfD-Bundestagsabgeordnete ausgerichtet hatten. Über den dortigen Stargast Milo Yiannopoulos, einem zwielichtigen rechten Blogger aus den USA, urteilte er abfällig: »So sieht der Heilsbringer aus, wenn die Welt wirklich zur allerletzten Welt geworden ist.« Kubitscheks Hauptgegner seien laut Berger inzwischen »die Juden und Katholiken, Israel, die USA, Steve Bannon und die offene freiheitliche Gesellschaft«. In Methodik und Feindbildern träfen sich Kubitscheks Anhänger »mit den Antifalinken«, beide seien »kollektivistisch Denkende«. »Hinter den Kulissen« der »Identitären Bewegung« (IB) finde eine »Scheidung der Geister« statt. Durch diese Bewegung gehe längst ein Riss.

IB-Chef Martin Sellner kontert. Der Österreicher sieht eine »Lust an der Selbstzerfleischung« im eigenen Lager. »Seit einigen Monaten« herrschten in der Mosaikrechten »wechselseitige Angriffe vor. Antipathie wird offen zur Schau gestellt, und konstruktive Kritik oder Solidarität verabschieden sich langsam.« Sellner erinnert daran, dass es »nicht um Sympathie, sondern Solidarität« gehe. Der »strategische Zweck der Arbeitsteilung, der Einheit in Vielfalt und der Solidarität« gehe verloren.

Zu spät für Versöhnung. Kubitschek holt, auch im Namen seiner Mitarbeiter, zum Gegenschlag aus. Das Netzwerk »Freier Medien« leide von Anbeginn an darunter, dass es von Berger, »diesem ebenso narzisstisch wie spalterisch veranlagten Herrn geführt wird«. Besonders übel nimmt er den anderen Mosaiksteinchen um Berger einen »Offenen Brief« zum Mord am Regierungspräsidenten Lübcke – davon ganz besonders den Satz: »Und oft sind es gerade wir, die Freien Medien, die aufgrund unserer eher liberal-konservativen Weltanschauung, unserer Israel- und Homosexuellenfreundlichen Haltung von den Rechtsextremisten beschimpft und bedroht werden.« Das sei, wettert Kubitschek, ohne »eine Ahnung von Pietät, von Peinlichkeit, von Schwätzerfrüherkennung«. Die erste Runde ist gekämpft. Ohne Ringrichter. Je näher die Wahlen im Osten rücken, desto heftiger wird der Kampf entbrennen. Tiefschläge sind schon heute regelkonform.

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