Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 24.06.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Erderwärmung

Bagger stehen still

Demonstrationen, Blockaden und Polizeischikanen: Tausende Klimaaktivisten im rheinischen Braunkohlerevier. Das war das Protestwochenende
Von Wolfgang Pomrehn, Erkelenz
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Kohleversorgung des Kraftwerks unterbrochen: Demonstranten blockieren am Sonnabend Schienen nahe Rommerskirchen

Dieses Wochenende wird vielen in lebhafter Erinnerung bleiben: 40.000 Menschen am Freitag auf dem internationalen Schulstreik von »Fridays for Future« in Aachen, zeitgleich mit Aktionen in fast 800 Städten rund um den Globus. Dann 6.000 Aktivisten, die mit »Ende Gelände« Kohlebahnen und -bagger im benachbarten rheinischen Braunkohlerevier blockierten. Und weitere 8.000 auf der Demonstration, dem Fahrradkorso und der Sitzblockade an der Tagebaukante am Sonnabend in Keyenberg. Und überall dabei war der Geist der Solidarität, der Wunsch, sich nicht durch Kriminalisierungstaktik und Aggressivität der Polizei einschüchtern, in »gute« und »böse« Kohlegegner auseinanderdividieren zu lassen.

Der Zug von Aachen nach Erkelenz ist am Samstag morgen brechend voll. Und es ist laut. Die jungen Leute – Schüler aus Dresden, Oranienburg, Salzburg, Warschau, aus Aachen und vielen anderen Städten – sind in ausgelassener Stimmung. Sprechchöre hallen durch die Wagen, Evergreens des Protests erklingen mit neuem Text, besingen den Widerstand gegen die Braunkohle, verleihen der Sorge um die Zukunft der Menschen in einer sich erhitzenden Welt Ausdruck. Viele Schilder und Wimpel werden mitgeführt. Hier und da wird auf ihnen Solidarität mit den Aktionen von »Ende Gelände« bekundet oder an den Widerstand gegen die Räumung des Hambacher Forsts erinnert.

Dieser liegt einige Dutzend Kilometer weiter südlich zwischen Köln und Aachen. Heute geht es zum Tagebau Garzweiler II, der an den Stadtgrenzen von Erkelenz nagt. Einige der Dörfer am östlichen Stadtrand sollen der Braunkohleförderung geopfert werden. Mehr als 2.000 Erkelenzer Bürger wurden schon zwangsweise umgesiedelt, einigen hundert droht das gleiche Schicksal. Die Menschen, erzählt eine freundliche Taxifahrerin, hätten aufgegeben. In einem Dorf würden als letzte Einwohner noch ein 80jähriger Bauer und dessen Sohn ausharren. RWE, der Betreiber der Tagebaue und Braunkohlekraftwerke in der Region, habe ihnen einen neuen Hof angeboten, aber kein Ackerland.

Seit dem 19. Jahrhundert wird in der Region Braunkohle abgebaut. Passagiere, die auf dem nahegelegenen Flughafen Köln-Bonn starten oder landen, können von oben die pockennarbige Landschaft sehen. Aus der Vogelperspektive prägen alte Tagebauseen und aktive Gruben das Bild. Die vielen Seen lassen es mitunter sogar idyllisch erscheinen. Doch der Preis für die Anwohner sind nicht nur Staub und Lärm von den Riesenbaggern, sondern um viele Dutzend Meter abgesenktes Grundwasser. Später, an der Tagebaukante in Keyenberg, können die Kohlegegner und klimaschützenden Schüler aus nächster Nähe sehen, wie Dutzende Pumpen das Wasser aus dem Boden holen und in die Bäche laufen lassen. Diese sind von einem rötlichen Schaum bedeckt. Das aus tieferen Schichten stammende Wasser ist offensichtlich verockert – ein Problem, mit dem auch die aus dem Lausitzer Braunkohlerevier abfließende Spree zu kämpfen hat. Durch den Kontakt mit dem Luftsauerstoff fällt das im Wasser gelöste Eisen aus und kann in Filtern, Pumpen und Rohren dicht wuchern. Außerdem tötet es Kleinstlebewesen in den Gewässern ab, so dass auch Fischen und Vögeln die Nahrungsgrundlage genommen wird. Dennoch führt RWE das abgepumpte Grundwasser in den Rhein ab.

RWE am Drücker

Garzweiler II war lange umkämpft. Im März 1995 hatte die von Johannes Rau angeführte SPD-Landesregierung kurz vor der Landtagswahl die Ausweitung des benachbarten Tagebaus Garzweiler I beschlossen. Gegen den Widerstand der Umweltverbände, trotz des Unmuts vieler Anwohner und unter Protest der Grünen, die im bereits laufenden Wahlkampf heftig gegen das Projekt wetterten. Das hielt sie allerdings nicht davon ab, anschließend mit der SPD eine Koalition einzugehen. Die endgültige Entscheidung wurde von den beiden Koalitionspartnern aufgeschoben. Erst elf Jahre später, in Düsseldorf regierte inzwischen eine schwarz-gelbe Koalition unter Jürgen Rüttgers (CDU), wurden die Bagger in Bewegung gesetzt. Weitere zehn Jahre später, im Landtag hatten wieder SPD und Grüne die Mehrheit, beschloss eine neue Koalition, das genehmigte Abbaugebiet zu verkleinern. Zuvor hatte RWE allerdings schon laut darüber nachgedacht, den Tagebau ganz einzustellen. Davon ist heute keine Rede mehr. Rund 1.500 Beschäftigte fördern nach RWE-Angaben in Garzweiler II insgesamt 35 bis 40 Millionen Tonnen Kohle jährlich.

Nach 40 Minuten Fahrt kommen die Schüler am Erkelenzer Bahnhof an. Die örtlichen Verkehrsbetriebe stellen kostenlose Shuttlebusse zum Auftaktort ihrer Demonstration zur Verfügung. Mehrere Tausend Menschen werden mit ihnen am frühen Nachmittag über die Dörfer nach Keyenberg zur Kundgebung von Umweltverbänden und des bundesweiten Anwohnerbündnisses »Alle Dörfer bleiben« ziehen.

Fünf Finger

Einige Dutzend Kilometer weiter nördlich, im Protestcamp von »Ende Gelände« in Viersen, machen sich derweil verschiedene Demonstrationszüge auf den Weg, die Braunkohleinfrastruktur des Reviers zu blockieren. Finger nennen die Aktivisten diese Aktionsform. Ein roter, ein pinker, ein grüner, ein goldener und ein bunter Finger werden gebildet. Der grüne war sogar schon am Freitag losgezogen, um die Kohlebahn des Kraftwerks Neurath zu blockieren. Die sieben Blöcke der Anlage bilden zusammen eine der größten Treibhausgasquellen Europas. Noch 2012 sind hier zwei neue Blöcke in Betrieb genommen worden. Bis Sonntag mittag werden die Demonstranten die Kohleversorgung des Kraftwerks unterbrechen. Michel Brandt von der Linksfraktion im Bundestag, der die Proteste als parlamentarischer Beobachter begleitete, wird auf Twitter von einer hervorragende Stimmung trotz allerlei Polizeischikanen berichten.

Um 11 Uhr macht sich der Zug der Schüler auf den Weg. Vorbei an kleinen Feldern mit grünem Weizen, schon fast reifer Gerste, vorbei am noch schmächtigen Mais und blühenden Kartoffelpflanzen. Eine frisch gemähte Wiese verbreitet ihren Duft. Die Sonne brennt vom Himmel. Aber das ist alles kein Vergleich zur Hitzewelle des letzten Jahres, die die Zahl der Waldbrände 2018 auf ein Rekordniveau getrieben hatte. 1.708 mal hatte es nach Angaben der Bundesregierung in hiesigen Wäldern gebrannt, und in diesem Jahr erlebte Brandenburg Anfang Juni bereits seinen schwersten Waldbrand seit mindestens vier Jahrzehnten. Jedoch nichts gegen Temperaturen von fast 54 Grad Celsius, wie sie in Kuwait und Pakistan 2016 und 2017 gemessen wurden. Oder gegen die Hitzewelle, die derzeit mehrere indische Bundesstaaten heimsucht, dort bereits Dutzende Menschenleben gefordert und eine schwere Dürre ausgelöst hat.

Die Schüler sind auf dem Weg zur Tagebaukante. Dort ist eigentlich eine »Schulstunde« geplant. Ein Wissenschaftler soll vom Stand der Klimaforschung berichten. Doch die Polizei ist anderer Meinung. Schließlich ziehen die Schüler und viele Unterstützer älteren Semesters weiter, denn die Zeit drängt. Sie werden in Keyenberg zur Aktion der Anwohner erwartet. Überhaupt nehmen es die Beamten mit dem Versammlungsrecht an diesem Woche nicht so genau. Immer wieder werden angemeldete und von der Behörde genehmigte Kundgebungen verhindert, wird den Menschen der Weg dorthin versperrt, berichten vor allem die Aktivisten von »Ende Gelände«. Auf dem Bahnhofsvorplatz in Viersen seien Teilnehmer der Proteste 13 Stunden in der prallen Sonne festgehalten worden, nachdem die Polizei dort den Bahnverkehr eingestellt hatte. Über Stunden hätten die Beamten die Versorgung der eingeschlossenen Menschen mit Wasser und Essen verhindert, heißt es in einer Pressemitteilung der Kampagne.

Erst der Anfang

Doch einschüchtern lässt sich davon keiner. Rund 6.000 Menschen nehmen am Samstag nachmittag an einer symbolischen Sitzblockade zwischen dem Tagebau und dem bedrohten Dorf Keyenberg teil. Dabei sei in den Tagebauen der Region noch genug Braunkohle, um die Kraftwerke in den nächsten Jahren auslaufen zu lassen, berichtet Barbara Ziemann-Oberherr. Sie ist Keyenbergerin und berichtet in bewegten Worten von dem Dorf, in dem ihre Familie seit dem 17. Jahrhundert ansässig ist. Weder die Dörfer noch der Hambacher Wald müssten zerstört werden.

Einige hundert Meter hinter der Sitzblockade geht es in den Abgrund der bis zu 250 Meter tiefen Grube hinab. Dort hat inzwischen ein »Finger« von »Ende Gelände« den Boden erreicht und wird für viele Stunden den Betrieb lahmlegen. In Keyenberg kommt Jubel auf, als die Nachricht bekannt wird. Die Kohlegegner halten zusammen. Und aufgeben werden sie nicht. BUND-Vorsitzender Hubert Weiger fordert die Kundgebungsteilnehmer in Keyenberg auf, sich am 20. September am internationalen Aktionstag der Schüler zu beteiligen. Dann sollen nicht nur die Schulen, sondern auch Büros und Betriebe bestreikt werden. Der Protest scheint erst begonnen zu haben.

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