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Aus: Ausgabe vom 22.06.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Uganda

Weißer Mann im Nebel

Naturschutzgebiete in Afrika sind vor allem exklusive Tourismusziele. Zu Besuch bei den Berggorillas in Uganda
Von Michael Unruh
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Meist gibt es nur einen von ihnen in einer Berggorillagruppe: Silberrücken im »undurchdringlichen« Bwindi Impenetrable National Park in Uganda. Die Hälfte der weltweiten Population lebt hier (24.5.2013)

»Mzungu in the mist«, steht auf dem T-Shirt, das uns der Ranger verkauft. Mzungu heißt auf Suaheli weißer Mann, und der Spruch parodiert den berühmten Titel »Gorillas in the mist« über das Leben der Anthropologin Dian Fossey, die 18 Jahre lang in den Wäldern Ruandas mit den Berggorillas lebte. Wir sind im Nebelwald Ugandas in Begleitung von Rangern einer habituierten, also an Menschen gewöhnten Berggorillagruppe auf der Spur. Seit dem Ende des Bürgerkrieges in Ruanda, der vor Uganda nicht Halt machte, hat sich die Situation dieser Menschenaffen entscheidend gebessert. Mittlerweile gehören die sympathischen Riesen zu den am besten geschützten Arten weltweit.

Schon die Anmeldung ein Jahr vor Beginn der Reise mit einzureichender Reisepasskopie lässt ahnen, welche Sicherheitsvorkehrungen seitens des Nationalparks getroffen werden, um einerseits den überwiegend weißen Touristen die limitierte Begegnung zu garantieren und andererseits dafür zu sorgen, dass es der allein in Ugandas Nebelwäldern 400 Tiere umfassenden Population mit einem Höchstmaß an Sicherheit, wissenschaftlicher Betreuung und fast militärisch organisiertem Trecking gutgeht. Ein schwieriges Unterfangen in dem rund 330 Quadratkilometer großen Gebiet. Berggorillas sind ausgesprochene Vegetarier, die sich von einer Vielzahl von Pflanzen ernähren und deren Tisch im Regenwald dank stetig nachwachsender Kost immer gedeckt ist. Das Problem ist die scharf gezogene Grenze zum dicht besiedelten und intensiv genutzten Kulturland, das unvermittelt endet und vom Regenwald in Höhe eines dreistöckigen Hauses umklammert wird. Wie lange die den Gorillas zur Verfügung stehende Fläche noch ausreichen wird, um ihrem erfreulich wachsenden Bestand die erforderlichen Ressourcen zu sichern, weiß niemand. Sicher ist, dass sowohl die geschützten Tiere hin und wieder den Wald verlassen als auch Dorfbewohner in ihn eindringen. Leidtragende sind in Umkehrung der einstigen rücksichtslosen Verfolgung der Affen nunmehr Bergbauern und ihre Familien. Verstöße gegen die restriktiven Schutzbestimmungen werden mit Polizeizugriff und Gefängnis geahndet.

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Bergwanderungen zu den Gorillas sind eine exklusive Angelegenheit für vermögende Touristen. Ranger, in deren Verantwortung das Wohlergehen der zahlenden Gäste liegt, erhalten nur einen Bruchteil (24.5.2013)

Andererseits hat sich in den Dörfern an der einzig befahrbaren Straße durch den Tourismus ein sich entwickelndes Gewerbe etabliert. Geschäfte bieten u. a. Gorilla-Souvenirs in allen möglichen und unmöglichen Varianten an, Gaststätten und kleine Pensionen werben mit der Nachbarschaft zu unberührter Natur, die neben den Berggorillas auch Schimpansen beherbergt. Die habituierten Affengruppen sind infolge jahrelanger behutsamer Gewöhnung mit Menschen vertraut und werden an 365 Tagen im Jahr durch Mitarbeiter der Verwaltung von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang beobachtet. Wenn sich die Tiere ihre Schlafnester bauen, können die Ranger sicher sein, die Gruppe am nächsten Morgen an gleicher Stelle wieder anzutreffen, um dann mittels Sprechfunk oder manchmal auch durch Rufe den Standort an die erwartungsvoll wartende Touristengruppe weiterzugeben. Damit es unseren Vettern nicht zuviel wird, bleibt die Begegnung auf eine mit 600 US-Dollar sehr teure Stunde begrenzt, auch die Gruppenzahl der Besucher ist streng reglementiert.

Nach einem Begrüßungschor der Bewohner eines Dorfes in der Nähe des Hauptquartiers erfolgen eine strenge Kontrolle der vorgeschriebenen Ausrüstung und Hinweise zum Verhalten während des Treckings. Der uns begleitende Ranger kennt den Lebenslauf jedes Mitglieds der Gorillagruppe sowie Namen und kennzeichnende Eigenschaften. Nach einem zweistündigen Marsch bedeutet uns die erhobene Hand des Rangers erhöhte Aufmerksamkeit. Gepäck, Verpflegung und Trinkflaschen bleiben zurück, der bis auf wenige Meter mögliche Kontakt soll unnötige Gefährdungen durch Krankheitsüberträger ausschließen. Die beiden Begleiter unserer Ranger bahnen uns einen Pfad durch das undurchdringliche Gewirr aus meterhohen Farnen, Lianen, überwucherten Baumriesen und Gestrüpp. Der Name des Schutzgebietes verweist auf die Realität: »Bwindi Impenetrable National Park« – der undurchdringliche Regenwald. Jetzt sind wir inmitten der sich tatsächlich unbeeindruckt von unserer Nähe verhaltenden Tiere. Die Gruppe besteht aus Müttern, Tanten, Onkeln, dem Nachwuchs und einem oder manchmal auch zwei »Silberrücken«. Hin und wieder sind Laute der Verständigung zu hören, Grunzen nicht unähnlich; die Ruhe wird nur durch das gelegentliche Abknicken von Ästen unterbrochen. Wir folgen der Gruppe von zwölf Gorillas bergab und sind fasziniert: Auch die Nationalparkmitarbeiter bekommen trinkende, mit dem klaren Wasser des Bergbaches spielende Gorillas aus nächster Nähe nur selten zu sehen. Es gibt unvergessliche Momente im Leben – dieser gehört zweifellos dazu. Gar nicht so selten kommen Touristen wieder mit dem unstillbaren Verlangen nach einer weiteren Begegnung. Man darf nicht vergessen, dass uns kaum ein Jahrhundert von kolonialen Greueltaten trennt, von weißen Großwildjägern, Abenteurern und geschäftstüchtigen Buchautoren. Schutzgebiete als Tourismusobjekte sind in vielen afrikanischen Ländern eine der Haupteinnahmequellen.

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Wohlhabendes Bergbauerndorf am Bunyonyi-See: Die fruchtbaren Berghänge ermöglichen ein gutes Einkommen

Naturschutz und Vertreibung

Seit Begründung der Nationalparks Mitte des 19. Jahrhunderts geht die Etablierung dieser Schutzzonen mit der Vertreibung indigener Völker einher. Ausgehend von den USA, wo der erste Park vorrangig dazu diente, die Jagdleidenschaft betuchter »Naturfreunde« zu sichern, zeigt sich gegenwärtig vor allem in Afrika und Asien die Kehrseite des Naturschutzes auf brutale Weise. Nachdem Uganda Anfang der 1990er Jahre zum Schutz der Bergregenwälder an der Grenze zur Republik Kongo und zu Ruanda zwei Nationalparks ausgewiesen hatte, erfolgte parallel dazu die euphemistisch »Umsiedlung« genannte Vertreibung der Batwa aus ihrem Lebensraum, dem tropischen Regenwald. Da das fruchtbare Umland in der südlichen Bergregion Ugandas aufgrund klimatischer Gunst und ertragreicher Böden zu den am dichtesten besiedelten Gebieten des tropischen Afrika gehört, wurden sie auf mehrere Gebiete außerhalb der Nationalparks verteilt. Jetzt sichert karges Land kaum das Überleben, dem Boden der neuen Siedlungen können nur mit größter Mühe Erträge abgerungen werden. Die Batwa verloren damit nicht nur ihre Kultur, sondern auch ihre Lebensgrundlage – die Nutzung der natürlichen Ressourcen des Regenwaldes. Die Regierung soll zwar nach Angaben Einheimischer das Land für die nunmehr Landlosen und Entwurzelten gekauft und zur Verfügung gestellt haben. Seitdem sind sie aber bar jeder staatlichen Unterstützung auf sich allein gestellt.

Das Interesse der Öffentlichkeit richtet sich in Zeiten des unerbittlichen Kampfes um letzte Lebensräume auf die Berggorillas. Das Schicksal der hier lebenden, einstigen Regenwaldvölker interessiert kaum. Ein Besuch des Batwa-Reservates, das eher Elendsquartier genannt zu werden verdient, auf den südlichen Bergrücken am Bunyonyi-See ist mit einer einstündigen Bootsfahrt von unserem Quartier möglich und wird von einer Agentur organisiert. Was sich nach einem steilen Anstieg dem Auge bietet, ist eine scheinbar planlose und chaotische Ansammlung von Hütten auf staubigem Boden. Auf dem Plateau angekommen, breiten Frauen und Mädchen das wenige, was sie besitzen – selbstgebastelte Souvenirs und Feldfrüchte –, im Staub der Straße vor unseren Augen aus. Es folgt ein Tanz der Dorfgemeinschaft, aufgewirbelter Staub zieht über den Bergsporn. Die aufgesetzt wirkende Inszenierung besteht aus einem monotonen Gesang, dazu stampfen Kinder, Mütter, Großmütter und Männer den Takt. Dargestellt wird die einst ihr Leben prägende Kultur, die der Jäger und Sammler mit Bogen, Pfeil und Speer. Jetzt teilen sie sich mit Disteln die ausgedörrten Anbauflächen für Mais und Süßkartoffeln. An den infolge der aufsteigenden Thermik frischen Berghängen wachsen dagegen zahlreiche Gemüsekulturen, Kartoffeln, Maniok und Früchte. Aber diese fruchtbaren Hänge werden seit jeher von Bauern bewirtschaftet, für die Waldmenschen war hier kein Platz. Es verwundert deshalb nicht, dass Übertritte in das Reservat vorkommen und Wilderei nicht selten ist. Werden die Männer erwischt, drohen empfindliche Gefängnisstrafen. Trotzdem schwingt in den Gesprächen unterwegs ein gewisser Stolz auf Schutzgebiete und Gorillas mit, obwohl der Gedanke an einen Besuch außerhalb jeder Vorstellung der einfachen Bevölkerung liegt. Allerdings soll ein Teil der Einnahmen aus dem Tourismus der Region und den dort lebenden Menschen zugute kommen, wie es im Einführungsvortrag ausdrücklich betont wurde.

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Faszinierende Flora im Ruwenzori-Gebirge in 3.700 Metern Höhe. Hier gibt es eine baumhohe, mit Flechten behangene Erika-Art (Mitte hinten), Schopfbäume mit extrem hellgrünen Blättern, Lobelien und Strohblumen

Naturschönheit und Last

400 Kilometer nördlich, in den sagenumwobenen Mondbergen des Ruwenzori an der Grenze zum Kongobecken, buchen wir eine Treckingtour mit dem Ziel der Besteigung des Margherita-Gipfels in 5.109 Metern Höhe. Der Margherita Peak gehört zum Mount-Stanley-Massiv und ist innerhalb der faszinierenden Bergwelt des Ruwenzori-Gebirges eine der Preziosen von Ugandas noch weitgehend erhaltenen Naturschönheiten. Nirgendwo wechseln sich abenteuerliche Aufstiege durch Tieflandregenwald, Bambusvegetation, alpine Matten mit Riesenlobelien unterhalb eisbedeckter Gipfel so dicht in unmittelbarer Nachbarschaft ab wie im Nordwesten Ugandas. Je fünf Tage Auf- und Abstieg durch diese paradiesische Lebensfülle sind auch für Europäer mit guter Kondition kein ungetrübtes Vergnügen. Ab 4.000 Metern Höhe wird die Luft dünn, die Temperaturen fallen mitunter nahe an den Gefrierpunkt. Nach jeder Etappe steht ein bescheidenes Camp als Nachtlager zur Verfügung. Ganz oben, im Margherita-Camp auf 4.400 Metern Höhe, peitschen auch tagsüber kalter Regen und Schnee über den Gebirgskamm, dazwischen reißen die Wolkenfetzen auf, und die Temperaturen erreichen dank der Nähe zum Äquator schnell Plusgrade. Nachts zerrt eisiger Wind an den Zeltbahnen. Der Morgen in dieser Höhe ist trotz blauen Himmels und Sonnenscheins bitterkalt, die Bergflanken des uns gegenüber liegenden Weismann Peaks sind weiß gepudert. Unsere Begleiter, »Packer« genannt, sind seit dem Morgengrauen emsig in der winzigen Küche mit Wasserkochen beschäftigt. Wenn wir in dicken Jacken bereit zum Aufbruch sind, schultern junge Frauen und Männer unser Gepäck mit durchschnittlich 15–20 Kilogramm Gewicht, die freien Hände tragen zusätzlich einen großen Beutel mit Kochtöpfen und Proviant. Wir dagegen tragen einen Bruchteil dessen und sind froh über jede kurze Rast. Die Träger überholen uns währenddessen und bereiten im nächsten Camp das Abendessen vor.

Der Aufstieg zum vergletscherten Margherita Peak droht zum Fiasko zu werden, einer unserer Mitreisenden ist stark erkältet, selbst die geringste Anstrengung ist zuviel in dieser Höhe. Innerhalb weniger Stunden kommen aus den umliegenden Tälern des Ruwenzori-Gebirges junge Männer in stundenlangem Marsch zum letzten Basislager, um den Rücktransport zu übernehmen. Eine Art Krankenliege wird gebaut, und die jungen Frauen und Männer tragen den Patienten die nächsten zweieinhalb Tage mehr als 40 Kilometer durch Regen und Nebel in unwegsamem Gelände. Meist zu viert, an besonders riskanten Stellen auch zu sechst. Wir folgen der Gruppe und benötigten für den Rückmarsch trotz zügigen Laufens drei Tage. Nach der für alle erleichternden Ankunft im Nationalpark-Büro werden Packer und Ranger entlohnt. Das Tagegeld ist gestaffelt, die Träger bekommen etwa 2,50 Euro pro Tag, die Ranger erhalten 3,50 Euro. Für einen geglückten Aufstieg bis zum Gletscher legt die von einem Europäer privatwirtschaftlich betriebene Agentur nochmals etwas dazu. Versicherung oder Krankengeld sind bei diesem gefährlichen Job Fremdwörter. Wir geben beschämt einen eingesammelten Betrag dazu und lassen auch Schuhe oder warme Sachen, die hier dringend gebraucht werden, zurück. Unser Patient hat die Träger der Krankentrage extra entlohnt, ein unerwartetes zusätzliches Einkommen für viele Familien.

Unterwegs ergab sich manchmal die Gelegenheit, mit unseren Begleitern ins Gespräch zu kommen. Sylvia, eine junge Frau aus einem der Dörfer des Ruwenzori-Gebirges, verrichtet die Arbeit gern und kann auf keinen Fall auf Touristen verzichten. Ihre Zukunftsplanung richtet sich auf wachsende Besucherzahlen in den Nationalparks Ugandas aus. So finanziert sie ihr Studium, Tourismusmanagement. Wenn sich ihr Wunsch nach einem baldigen Diplom erfüllt, hofft sie, nicht mehr auf diese Kärrnerarbeit angewiesen zu sein. Sie begleite die Touristen zwar gerne, aber es gebe schon Unterschiede zwischen ihnen. Bei manchen hätten sich die scheinbar ererbten kolonialen Denk- und Verhaltensweisen verstetigt. Wie viele junge Leute in den afrikanischen Nationalparks im Tourismus arbeiten, ist unbekannt. Sie kennen den alternativlosen Unterschied im Kapitalismus– entweder ausgebeutet zu werden oder eben nicht ausgebeutet zu werden und damit ohne verlässliches existenzsicherndes Einkommen zu sein.

Michael Unruh ist Biologe und hat mehrfach an Exkursionen in die Savannen-, Wüsten- und Hochgebirgsregionen Ostafrikas teilgenommen.

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