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Aus: Ausgabe vom 21.06.2019, Seite 12 / Thema
Irland

Vernunft und Fanatismus

Im Kampf gegen die britischen Besatzer griff die nationalistische Bewegung in Irland zu unterschiedlichen Mitteln und Methoden. Die IRA wählte den Weg des Terrors. Zur Geschichte des irischen Republikanismus
Von Priscilla Metscher und Niall Farrell
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Die Romantik des Aufruhrs. Nach dem Tod des im Belfaster Maze-Gefängnis inhaftierten IRA-Aktivisten Bobby Sands, der nach 66tägigem Hungerstreik am 5. Mai 1981 starb, kam es in den Straßen von Belfast zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und britischen Armeeangehörigen

Am 18. April dieses Jahres starb die 29jährige Journalistin Lyra McKee bei gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei im nordirischen Derry. Sie stand in einer Menschengruppe in der Nähe von Polizeifahrzeugen, als eine Kugel ihren Kopf traf. Zur Tat bekannte sich die militante katholisch-nationalistische Gruppe »New IRA«. In einem der Zeitung The Irish News zugespielten Schreiben hieß es: »Im Laufe des Angriffs auf den Feind wurde Lyra McKee tragischerweise getötet, während sie neben den feindlichen Kräften stand.« Auslöser der Krawalle in Derry war der Jahrestag des Osteraufstands von 1916, als irische Nationalisten vergeblich versuchten, die britische Herrschaft in Irland zu beenden.

Die »New IRA« wurde zwischen 2011 und 2012 gegründet. Hervorgegangen ist sie aus mehreren kleineren Splittergruppen der IRA (eigentlich Provisional IRA). Die Aktivitäten der »New IRA« – im März hatte sie sich zu Briefbomben bekannt, die in London und Glasgow aufgetaucht waren, im Januar zur Explosion einer Autobombe in Derry – stehen in der Tradition einer bestimmten Richtung innerhalb der irischen republikanischen Bewegung, durch Ausübung terroristischer Angriffe (physical force) das Ende der Teilung Irlands zu forcieren. Es ist daher angezeigt, noch einmal die Entwicklung des irischen Republikanismus zu skizzieren.

Die Anfänge

Seit der Eroberung Irlands durch England im 16. Jahrhundert gab es immer wieder Aufstände der Bevölkerung gegen das Joch der Kolonialmacht. Die ersten Hinweise auf das Ziel einer irischen Republik sind in einem Dokument von 1627 zu finden, zu einer Zeit, als in Europa nur zwei größere Republiken, nämlich Venedig und die Vereinigten Niederlande, existierten.¹ Die eigentliche Geburt des irischen Republikanismus erfolgte aber erst Ende des 18. Jahrhunderts. In der Einführung zu seiner Schrift »Die Rückeroberung Irlands« aus dem Jahr 1915 schrieb der irische Sozialist James Connolly: »Die Eroberung Irlands war eine soziale und politische Versklavung der irischen Massen. Die Rückeroberung Irlands muss deshalb zur sozialen und politischen Befreiung von dieser Versklavung für jeden Mann, jede Frau und jedes Kind werden.«² Die Geschichte des Republikanismus in Irland ist die Geschichte der Versuche, diese Rückeroberung zu verwirklichen.

Unter dem Einfluss der Ideale der Französischen Revolution war im Oktober 1791 die »Gesellschaft der vereinigten Iren« (Society of United Irishmen) in Belfast gegründet worden. Deren Ziel war, basierend auf Thomas Paines »Rights of Man«, die Verwirklichung der Menschenrechte in Irland, »the greatest happiness of the greatest number«, wie es im Manifest heißt. Später, nach seinem Aufenthalt in Amerika und Frankreich, gelangte Wolfe Tone, einer der Führer der Bewegung, zu dem Schluss, dass nur eine Trennung von England unter einer republikanischen Regierung die Verwirklichung demokratischer Prinzipien auf der Insel garantieren könnte. Tone machte einen wesentlichen Unterschied zwischen Separatismus und Republikanismus aus, denn Republikanismus war auf bestimmte demokratische Prinzipien zu gründen.

1794 wurde die Gesellschaft der United Irishmen verboten, ihre Mitglieder organisierten sich fortan im Untergrund und radikalisierten sich. Sie genossen unter der Bauernbevölkerung große Unterstützung und nahmen Kontakt mit ähnlichen Gesellschaften in Paris, England und Schottland auf. Der Plan war ein Aufstand gegen England mit dem Ziel der Gründung einer demokratischen Republik. Wolfe Tone: »Unsere Freiheit müssen wir trotz aller Risiken erlangen. Sollten die Männer von Besitz uns nicht helfen, so müssen sie fallen: Wir werden uns mit Hilfe der großen, ehrlichen Klasse unserer Gesellschaft befreien – mit Hilfe der Leute ohne Besitz.«³ Der Aufstand von 1798 schlug fehl, doch die Ideen der United Irishmen lebten weiter.

Historisch betrachtet entwickelten die United Irishmen keinen isolierten irischen Nationalismus. Das geschah erst mit der Jung-Irland-Bewegung im 19. Jahrhundert. 1842 wurde die wöchentliche Zeitschrift The Nation mit dem Zweck ins Leben gerufen, eine irische Identität zu begründen, d. h. ein nationales Bewusstsein in der gesamten Bevölkerung zu wecken. Der bedeutendste Autor der Zeitschrift, Thomas Davis, war ein großer Verehrer Wolfe Tones. Sein Nationalismus war eher kulturell als politisch, insofern er die Nation als primär geistiges und kaum geschichtlich entwickeltes Wesen verstand. In den 1840er Jahren propagierte der Jung-Irländer James Fintan Lalor die volle Unabhängigkeit von England, gekoppelt an die Forderung, Grund und Boden der gesamten Bevölkerung zu übertragen, den Großgrundbesitz mithin abzuschaffen. So schrieb er: »Die Erde mit allem, was sie hervorbringt, gehört allen Menschen. Der ganze Besitz Irlands, sowohl der moralische als auch der materielle, bis zur Sonne und bis in die Tiefen der Erde, gehört rechtlich dem gesamten irischen Volk. (…) Der ganze Boden eines Landes gehört dem ganzen Volk des Landes – er ist das Besitztum nicht einer bestimmten Klasse, sondern der gesamten Nation.«⁴ Für Lalor hatte die Nation eine positive, politische Dimension.

Zur gleichen Zeit schrieb der Nordire John Mitchel über die missliche Lage vor allem der Kleinbauern. Wie Lalor war er der Ansicht, dass ein sozialer Aufstand die Voraussetzung für eine nationale Revolution sei. So revolutionär seine Sprache, Mitchel war kein Sozialist. Sein Kommentar zum Pariser Juniaufstand von 1848 lautete: »Sozialisten sind schlimmer als wilde Tiere.« Später in den USA kämpfte er auf der Seite der Südstaaten für die Erhaltung der Sklaverei. Seine revolutionäre Begeisterung war national borniert, auf Irland allein bezogen. Doch für die Weiterentwicklung der nationalen Bewegung in Irland in eine bestimmte Richtung war seine Einstellung von großer Bedeutung: weg von den radikal demokratischen Forderungen der United Irishmen und Konzentration auf Separatismus auf der Basis physischer Gewalt.

Zwei Linien

Von diesem historischen Zeitpunkt an sind zwei Linien in der nationalen Bewegung Irlands zu unterscheiden. Die eine orientiert sich, gerade auch in der nationalen Frage, an den Ideen der Aufklärung, der Menschenrechte und an der Tradition der Französischen Revolution. Die zweite Linie setzt vom Beginn an auf die Mittel physischer Gewalt und verbindet sie gleichzeitig mit einer romantischen Idee von Nation. Dieser Begriff der Nation ist in bezug auf Irland nicht uneingeschränkt reaktionär, da er emanzipatorische Elemente einer kulturellen Nation, wie sie von Thomas Davis verstanden wurde, aufnimmt. Diese Aspekte der kulturellen Nation bewertet auch James Connolly durchaus positiv, aber sie sind für ihn als Sozialisten nicht ausreichend. Aus seiner Sicht musste der Nationalismus eine definitive Antwort auf die sozialen und politischen Probleme geben.

Auch die Fenier-Bewegung der 1860er und ’70er Jahre (auch unter dem englischen Namen Irish Republican Brotherhood bekannt) hatte die Gründung einer demokratischen Republik zum Ziel. Die Landfrage war indes nie Teil des Fenier-Programms, und dennoch genoss die Bewegung unter den Bauern große Unterstützung. Die Führer der Bruderschaft waren kleinbürgerliche Intellektuelle, die große Masse der Fenier aber Landarbeiter oder Industriearbeiter aus den Städten. Die Fenier unterhielten Kontakte zur Ersten Internationale.

Karl Marx unterstützte die irischen Bestrebungen nach Unabhängigkeit. Er war der Ansicht, dass die britische Arbeiterklasse erst dann frei sei, wenn Irland seine Unabhängigkeit von England erwirke. Friedrich Engels sah das ähnlich. Beide aber waren nicht mit deren konspirativen und terroristischen Methoden einverstanden. In einem Brief an Marx vom 29. November 1867 schrieb Engels: »Wir dürfen über die Schweinereien der Engländer nicht vergessen, dass die Führer dieser Sekte meist Esel sind«.⁵ Am 13. Dezember 1867 kamen bei einer Explosion im Gefängnis von Clerkenwell mehrere Menschen ums Leben, 120 wurden verletzt. Engels’ Kommentar: »Die Clerkenwell Dummheit war offenbar das Werk einiger Spezialfanatiker; es ist das Pech aller Verschwörungen, zu solchen Dummheiten zu führen, weil ›doch was geschehn, doch was getrieben werden muss‹«. Marx wiederum nahm an, dass die »Londoner Massen, die viel Sympathie mit Irland gezeigt haben«, infolge dieser Dummheit »der Regierungspartei in die Arme geworfen« würden.⁶

Zu jener Zeit verübte die Bruderschaft mehrere Terrorattentate. Die Engländer reagierten und behandelten die Gefangenen Fenier ausgesprochen grob, etwa Jeremiah O‘Donovan Rossa, der zum Symbol des irischen Widerstands gegen die englische Herrschaft schlechthin wurde. In einem Bericht über die Fenier in L‘Internationale am 27. Februar 1870 schrieb Marx: »35 Tage lang in eine Dunkelzelle geworfen, die Hände Tag und Nacht hinter dem Rücken angekettet. Man befreite ihn nicht einmal von seinen Fesseln, damit er seine Nahrung zu sich nehmen konnte, eine dünne Suppe, die man ihm auf den Fußboden des Gefängnisses stellte.«⁷

Ende des 19. Jahrhunderts gelangte James Connolly zu der Ansicht, dass der Sozialismus in Irland in der Tradition des Republikanismus der United Irishmen stand. Eine sozialistische Republik Irland stehe daher in Übereinstimmung mit den demokratischen Idealen der Republikaner der Vergangenheit. »Eine sozialistische Republik«, schrieb er, »verwirklicht das demokratische Prinzip des republikanischen Ideals in Landwirtschaft und Industrie: im bäuerlichen Betrieb, auf dem Feld, in der Werkstatt.«⁸ 1896 gründete Connolly die Irish Socialist Republican Party (ISRP).

In einem Artikel aus dem Jahr 1899 kritisierte er die Praxis des politischen Terrors. Die sogenannten fortschrittlichen Nationalisten stellte er den sozialistischen Republikanern gegenüber. Die Nationalisten seien ohne Prinzipien und ohne Ziel. Wichtig seien ihnen einzig die Methoden der Gewalt. Connolly fand, der Gebrauch bzw. der Verzicht auf die Mittel der politisch motivierten Gewalt hänge vom Verhalten der Vertreter der herrschenden Klasse ab. Der Unterschied zwischen den Nationalisten und den sozialistischen Republikanern sei der zwischen einer revoltierenden Horde und einer Armee in Vorbereitung: Zuerst die Prinzipien, dann die Methoden.

Nation und Sozialismus

Einige Jahre später, während des Ersten Weltkriegs, schrieb er, »Wir glauben, dass wir in Zeiten des Friedens mit friedlichen Mitteln arbeiten sollten, um die Nation zu stärken, und wir glauben, dass, was immer die Arbeiterklasse stark macht und emporhebt, auch die Nation stärker macht. Aber ebenso glauben wir, dass wir in Kriegszeiten kriegsgemäß handeln müssen. (…) In normalen Zeiten glauben wir an ein Handeln im Rahmen der Verfassung. Jetzt haben wir es mit außergewöhnlichen Zeiten zu tun.«⁹ Connolly und das Supreme Council der Irish Republican Brotherhood (IRB) handelten. Aber ihr Aufstand Ostern 1916 schlug fehl, wurde blutig niedergeschlagen, Connolly zusammen mit weiteren Beteiligten hingerichtet.

Das war der Beginn eines einige Jahre währenden Guerillakrieges. 1919 gründete sich die Irish Republican Army (IRA) – ein Zusammenschluss von Kräften der IRB, den Irish Volunteers und der Irish Citizen Army, einer Gruppe Dubliner Arbeiter. Nach dem Tod Connollys gab es nur wenige in der republikanischen Bewegung, die die Bedeutung seiner Ideen über den Zusammenhang zwischen Sozialismus und Nationalismus erkannten. Einer war der Republikaner Liam Mellows. Den Anglo-Irischen Vertrag von 1921, ausgehandelt zwischen der britischen Regierung und Abgesandten der republikanischen Führung in Irland, der die Entstehung des irischen Freistaates besiegelte, lehnte Mellows, wie viele andere Republikaner ab, da er die Teilung Irlands bedeutete und keine volle Souveränität gestattete. Im darauffolgenden irischen Bürgerkrieg 1922/23 kämpfte er auf seiten der republikanischen Rebellen, geriet in Gefangenschaft und wurde ohne vorherigen Gerichtsprozess erschossen. Mellows erinnerte an Connollys Vermächtnis: »Eine politische Revolution in Irland ohne entsprechende ökonomische Revolution«, schrieb er, »würde einfach ein Wechsel der Herrscher bedeuten«. Und weiter: »Wir müssen ohne Zweifel die irische Arbeiterklasse für die Republik gewinnen, denn sie ist der wichtigste Faktor auf unserer Seite.«¹⁰

1934 wurde der Republican Congress gegründet, ein Bündnis zwischen Republikanern, Mitgliedern der Labour Party, Gewerkschaftern und Kommunisten. Im Gründungsaufruf schrieb der nordirische Republikaner George Gilmore: »Die Arbeiterklasse und die werktätigen Bauern – das sind Menschen, die kein Interesse an einem Kompromiss mit dem Imperialismus haben (…) Wir glauben, eine Republik eines vereinten Irlands wird nur durch einen Kampf verwirklicht, der den Kapitalismus vernichtet.«¹¹ Doch dazu kam es nicht. 1936 verbot der damalige irische Präsidenten Éamon de Valera die Zeitung des Kongresses und startete eine Kampagne gegen führende Mitglieder der Organisation. Auch die IRA wurde für illegal erklärt, viele ihrer Mitglieder wurden verhaftet und interniert.

IRA scheitert

1914 hatte James Connolly geschrieben, dass eine Teilung Irlands zu »einem Karneval der Reaktion im Norden wie im Süden« führen würde.¹² Und so kam es: Im Süden regierten konservative Kräfte unter dem wachsamen Auge des rückständigen katholischen Klerus, Nordirland indessen war, wie James Craig, erster Premierminister und Führer der Unionist Party, formulierte, ein »protestantischer Staat.¹³ In den sechs der neun Grafschaften der Provinz Ulster lebten deutlich mehr Protestanten (die Nachkommen der britischen Siedler) als auf der restlichen Insel. In nordirischen Gegenden mit katholischer Mehrheit (den Nachkommen der kolonialisierten Iren) wurden die Wahlkreise so manipuliert, dass eine protestantische Dominanz gewahrt blieb. Die Diskriminierung der Katholiken war an der Tagesordnung – etwa bei der Vergabe von Jobs oder Wohnungen. Diese Spaltung der Arbeiterklasse begünstigte eine schärfere Ausbeutung, niedrigere Löhne, einen geringeren Lebensstandard und schlechtere Wohnverhältnisse als in Großbritannien.

Nach einem erfolglosen bewaffneten Feldzug in den 1950er Jahren zog die Führung der IRA Bilanz und rückte nach links. In Kooperation mit der irischen kommunistischen Bewegung und zurückkehrenden irischen Einwanderern aus Großbritannien, die in der linken Connolly Association unter der Leitung des marxistischen Historikers Desmond Greaves aktiv waren, wurden Schritte unternommen, um in Nordirland eine breit angelegte Bewegung für Bürgerrechte zu entwickeln.

Die 1967 gegründete Northern Ireland Civil Rights Association (NICRA) setzte sich für gleiches Wahlrecht für alle und ein Ende religiöser Diskriminierung ein, für ein Ende der repressiven Gesetzgebung, die Entwaffnung der Polizei und die Auflösung der unionistischen Miliz. Mit diesen Forderungen war die Teilung des Landes nicht angesprochen, verlangt wurden lediglich britische Rechte für britische Bürger. Letztendlich bedeuteten sie jedoch eine Herausforderung für den sektiererischen »protestantischen Staat«. Sollte die Gleichstellung zwischen Katholiken und Protestanten erreicht werden, wäre der nächste Schritt womöglich eine progressive Regierung in Nordirland und wer weiß, was noch, gewesen. Innerhalb des unionistischen Lagers wurde heftig gestritten, wie mit dieser Bedrohung umzugehen sei.

Letztlich reagierte die unionistische Regierung – wie seit jeher bei IRA-Kampagnen – mit Gewalt. Nach dem Polizeieinsatz mit Wasserkanonen gegen eine friedliche Demonstration 1968 in Derry, angeführt von Gerry Fitt, einem katholischen Westminster-Abgeordneten und drei britischen Labour-Abgeordneten, wurde die Forderung nach Bürgerrechten in Großbritanniens »politischem Slum« weltweit bekannt. Im August 1969 lieferte sich die schwerbewaffnete Polizei in Derry eine Schlacht mit Anhängern einer katholischen Gemeinde, die Steine und Benzinbomben einsetzten. Unmittelbar danach folgte – unter Polizeiführung und Beteiligung der unionistischen Miliz sowie anderer protestantischer Fanatiker – ein Pogrom gegen die von Katholiken bewohnten Bezirke von Westbelfast. Die Häuser vieler Familien wurden niedergebrannt, mehrere Menschen getötet.

Aufgrund des internationalen Aufschreis sah sich die britische Labour-Regierung gezwungen, Truppen nach Nordirland zu entsenden. Das wurde von den Katholiken zunächst begrüßt, da sie hofften, die Soldaten böten Schutz vor den unionistischen Staatskräften.

Innerhalb der IRA war inzwischen das Lager der Gegner eines gemeinsamen politischen Weges, den die Führung mit der Bürgerrechtsbewegung auf beiden Seiten der Grenze eingeschlagen hatte, gewachsen. Nach dem blutigen Sommer ’69 spaltete sich die republikanische Bewegung. Die im Dezember des selben Jahres gegründete Provisorische IRA trat für eine rein militärische Lösung der Irland-Frage ein. Der Status Nordirlands als Teil des Vereinigten Königreichs sollte beendet, die Republik Irland aufgehoben und die Insel zu einem föderalistischen gesamtirischen Staat namens Irische Republik vereint werden.

Die britische Regierung veranlasste unterdessen das Regime in Nordirland, alle von der Bürgerrechtsbewegung geforderten Reformen umzusetzen. Doch führten diese Reformen zu keiner Abschwächung der Militanz der Provisorischen IRA. Deren Antwort lautete: »Wir scheißen auf deine Konzessionen, England. Wir wollen unser Land.« In Verfolgung ihres Ziels kehrten sie die Defensive in eine Offensive. Sie gaben vor, die katholische Gemeinde zu verteidigen und aktiv gegen deren mutmaßlichen Feinde vorzugehen. Ihre Mitglieder, deren Zahl rasch wuchs, waren hauptsächlich junge Menschen aus der Arbeiterklasse, die Zeugen der Gewalt des nordirischen Staates geworden waren.

Willkürliche Anschläge

In den ersten Monaten des Jahres 1970 begann die Provisorische IRA mit sporadischen Bombenanschlägen auf Geschäfte und Fabriken. Die britische Armee reagierte mit Verhaftungen und Hausdurchsuchungen in den katholischen Bezirken. Als die Conservative Party, mit der nordirischen Unionist Party verschwistert, 1971 in London an die Macht kam, wurde die Bürgerrechtsbewegung praktisch ausgegrenzt. Der IRA-Terror sollte eingedämmt werden, die Gleichstellung der katholischen Minderheit wurde ausgesetzt. Auf die Internierung von mutmaßlichen IRA-Mitgliedern ohne Gerichtsprozess im August jenes Jahres und die Ermordung von 14 Bürgerrechtlern durch britische Soldaten am Blutsonntag in Derry im Januar 1972 reagierte die IRA mit einer bewaffneten Kampagne, die ein Vierteljahrhundert dauern sollte.

Die willkürlichen Bombenanschläge der IRA in Großbritannien stießen bei der britischen Arbeiterklasse auf Ablehnung. Die Tötungsakte der IRA, die insbesondere die protestantische Gemeinde betraf, hatten nichts mit der Gesellschaft der Vereinigten Iren und Wolf Tone gemein, an dessen Grab Sinn Féin, der politische Flügel der IRA, allerdings paradoxerweise während des gesamten Konflikts jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung abhielt.

Anfang der 1980er Jahre begab sich Sinn Féin mit der Kampagne zur Anerkennung von IRA-Häftlingen als politische Gefangene in die konventionelle politische Arena. Der Anführer der männlichen IRA-Häftlinge, Bobby Sands, wurde in einer Nachwahl in das britische Parlament gewählt. Das rettete weder sein Leben noch das seiner neun Genossen, die sich an einem Hungerstreik zur Durchsetzung ihrer Forderungen beteiligten, aber es führte dazu, dass Sinn Féin unter der Führung von Gerry Adams den Weg der Verhandlungen einschlug, der schließlich Ende der 1990er Jahre zum dauerhaften Waffenstillstand führen sollte. Die von der Adams-Führung vertretene Politik war entschieden links – eine Ironie der Geschichte, denn einer der Gründe für die Abspaltung der Provisorischen IRA von der ursprünglichen IRA im Jahr 1969 war die Ablehnung von deren linker Politik.

Das Ziel einer irischen Einheit konnte die Provisorische IRA nicht erreichen. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges war seine Realisierung ohnehin unrealistisch. Auch die postulierte Verteidigung der katholischen Gemeinde misslang – 1.000 Katholiken fanden während des sogenannten Krieges den Tod.

Das Karfreitagsabkommen von 1998, mit dem der bewaffnete Konflikt beendet wurde, ist eine Verpflichtung zur Gleichberechtigung von Katholiken und Protestanten im Norden. Im wesentlichen waren damit die Ziele, die 29 Jahre zuvor von der Bürgerrechtsbewegung formuliert worden waren, erreicht.

Als Gerry Adams, der langjährige Anführer der Provisorischen IRA, in die Politik wechselte und das Karfreitagsabkommen unterzeichnete, entstand eine neue Splittergruppe, die Real IRA, die wie seinerzeit die Provisional IRA nur den bewaffneten Kampf als einzig legitimen Weg zu akzeptieren bereit war. Einige Monate später war sie für den unangekündigten Bombenanschlag in der Stadt Omagh verantwortlich, bei dem 31 Zivilisten getötet wurden.

Zwanzig Jahre später tritt eine weitere paramilitärische Gruppe, die die Bezeichnung IRA beansprucht, mit den gleichen alten Parolen auf. Im Januar und nochmals im April führte sie zwei Operationen aus, deren letztere eine Zivilistin das Leben kostete.

Ein Wiederaufflammen des bewaffneten Konflikts, infolge möglicherweise wieder eingeführter Grenzkontrollen im Zuge des »Brexits«, steht sicherlich nicht zu erwarten. Auf den Straßen der katholischen Viertel im Norden wird die Gewalt der »neuen IRA« rundweg abgelehnt. Niemand will eine Rückkehr in alte Zeiten, abgesehen von einer winzigen Gruppe Ewiggestriger, die nichts aus der Vergangenheit gelernt haben.

Anmerkungen

1 Siehe Thomas Ò Fiaich: Republicanism and Separatism in the Seventeenth Century, in: The Republic No. 2 Spring/Summer 2001, S. 25

2 James Connolly (1915): The Re-Conquest of Ireland (1972)

3 Desmond C. Greaves: Theobald Wolfe Tone and the Irish Nation, London 1963, S. 25

4 James Fintan Lalor: The Rights of Ireland and the Faith of a Felon (ohne Datum), S. 15

5 Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 31, Berlin 1974, S. 396

6 Ebd., S. 413 u. 409

7 MEW, Bd.16, S. 401 f.

8 James Connolly: Socialism and Nationalism, 1948, S. 10

9 Ders.: Labour and Easterweek 1949, S. 138 f.

10 Desmond C. Greaves: Liam Mellows and the Irish Revolution, London 1971, S. 364

11 George Gilmore: The Irish Republican Congress, Cork 1978

12 Irish Worker, 14. März 1914

13 Northern Ireland House of Commons Official Report, Vol. 34, col 1.095

Priscilla Metscher ist Autorin unter anderem der Bücher »Republicanism and socialism in Ireland« (1986) und »James Connolly and the Reconquest of Ireland« (2002).

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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