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Aus: Ausgabe vom 21.06.2019, Seite 11 / Feuilleton
Vogelkunde

Herr Sittich und Frau Safran

Herz, was begehrst du mehr? Ein Morgen in Watzenborn-Steinberg
Von Jürgen Roth
Mönchsgrasmücke.jpg
»Ihr Idioten! Ihr Idioten!« (Mönchsgrasmücke)

Vermutlich ist es so, dass Vögel keine Karriere machen, sondern in Ruhe gelassen werden wollen. Bisweilen wollen sie sich auch zeigen. Warum das so ist, wissen womöglich unsere gewitzten Hirnbiologen. Wir möchten mit denen nicht reden. Das ist unser Recht, noch.

Am Abend zuvor eine Lesung über die gegenwärtigen Naturverhältnisse, im Georg-Büchner-Club in Gießen, auf Einladung des großen und verzweifelten Denkers Götz Eisenberg, der uns bald darauf eine Mail schickt: »Heute morgen stieß ich in der Morgensonne beim Lesen auf dem Balkon auf einen Traum von Max Frisch. Darin trifft Robert Walser Lenin in der Züricher Spiegelgasse und richtet nur eine Frage an ihn: ›Haben Sie auch das Glarner Birnbrot so gern?‹ Das hat mir den Morgen schöngemacht. Kurz darauf legte vorn am Flüsschen eine Motorsense los, und ich musste das Lesen im Freien beenden.«

Einige Wochen zuvor hatte uns diese Mail erreicht: »Bei uns zu Hause war die Rückkehr des Kuckucks immer das Signal, dass nun die Spargelzeit beginnt und der Schinken aus der herbstlichen Hausschlachtung angeschnitten werden kann. Da könnte man heute lange warten«, meinte der Absender und erinnerte an den Spruch: »Mein Auto fährt auch ohne Wald!«

Die Sache mit dem Waldsterben haben Gerhard Polt und Hanns Christian Müller schon 1987, pars pro toto für die Lässlichkeit der sogenannten Natur, erledigt, mit dem Fernsehsketch »Die Verantwortungsnehmer«, in dem sich die Schilda Response GmbH & Co. KG des gesamten Spektrums gesellschaftlicher Debakel und politischer »Schweinereien« annimmt. »Wir übernehmen jedwede Verantwortung – also ideeller Art. Also, wie soll ich sagen: natürlich ohne finanzielle Konsequenzen. Weil, wie gesagt, die übernimmt sowieso der Steuerzahler«, schwadroniert der geniale Polt in der Rolle des Chefs, ergo übernimmt sein Laden auch die Verantwortung fürs Waldsterben: »Der deutsche Wald ist hinüber – eine der größten Naturkatastrophen der letzten Jahrtausende, nicht wahr? Keiner will’s gewesen sein. Wir haben aber schon einen Verantwortlichen. Do sitzt er, unser Herr Sittich. Ja, Herr Sittich, Sie übernehmen die Verantwortung für des Waldsterben?« – »Ja, jederzeit.« Warum der tumb wirkende, wenig gesprächige Herr Sittich ausgerechnet wie ein unablässig schnäbelnder Vogel heißt – das müssen wir den Polt mal fragen.

Eine weitere Nachricht von Götz Eisenberg: »Ich lese gerade ein tolles Buch von William T. Vollmann, in dem er von seinen Erfahrungen als Trainhopper berichtet und vor allem von seinen Begegnungen mit irren Typen. So trifft er eines Tages Bill, einen grauhaarigen Vietnamveteranen. Als er ihn fragte, ob er schöne Dinge gesehen habe, lächelte er und erzählte folgendes: ›Einmal war bei extremer Kälte ein Adler in seinen Waggon geflogen und hatte ihn angestarrt, so, als wollte er sagen, mir ist auch kalt, und Bill gab ihm etwas von seinem Hamburger, und der Adler blieb viele Stunden lang bei ihm. Ich sah, dass diese Erinnerung ihn glücklich machte. Über den Rest schwieg er sich aus.‹«

Mit dergleichen können wir nicht dienen an diesem wie hingehauchten Morgen auf der Terrasse von Frau Safrans Haus in Watzenborn-Steinberg. Das Menschsein übt sich in Dezenz, im Schweigen, im Ruhen. Nichts zu hören aus den Gärten rundherum, kein Geplärre, keine Emanation technischer Gerätschaften, die sträflich missverstandenen Tauben juchheien über die Firste, die Sonne lässt es langsam angehen, und wir haben nicht vor zu denken.

Man sollte bloß diesen Quatsch betrachten. Rechts über uns fliegen ständig zwei Stare die Traufe an, schlagen wirrsinnig mit den Flügeln und meckern und führen Beschwerde, quörrend und knarrend, zeternd und rüffelnd, flitschend und nörgelnd, genervt von der Anwesenheit dieses unbekannten Sackgesichts da unten, das den Unfugsmeistern doch nichts als wohlgesonnen ist und kurz gar erwägt, eine Ode ans Odiose der Stare, falsch: eine Ode an Sturnus vulgaris, an den Unterhaltungsolympier der Städte, Vorstädte und Minderstädte zu verfassen.

Nein, sie mögen uns nicht, das müssen sie ja keineswegs, aber nach einer halben Stunde schlüpfen sie endlich unter der Regenrinne hindurch, ihr Fütterungswerk zu verrichten und fortan fleißig zu sein wie ehedem die Handwerker, nicht versäumend, uns weiterhin ab und zu zu beschimpfen oder vielleicht jetzt eher auszulachen, zu Recht, zu Recht.

Frau Safran geruht zu erscheinen, ein Käsebrot benagend. Rasch gilt es, die Grund- und Vorzüge von Alfred Schmidts Studie »Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx« zu extemporieren und zu erörtern, in einer nahezu ideal habermasianischen Laber- und Faselkonstellation. Herrschaftsfreie Kommunikation at her best – Herz, was begehrst du mehr? Na – dass linker Hand ein Turmfalke behutsam hin- und herschwankend heransegelt und sich in den Wipfel der Douglasie an der Grundstücksgrenze setzt.

In Frau Safrans Garten schläft eine zirka fünfzigjährige Landschildkröte (Westrasse! Testudo hermanni! Nicht irgend so ein Bolschewik!). Die Haus- und Grünflächenherrin weist uns in die Bepflanzung ihres Anwesens ein. Botanik – ein weit schwierigeres Geschäft als die Ornithologie. Stockrose, Nelkenwurz, Feinstrahlaster, Goldrute, Männertreu, Zitronenmelisse, Margerite, Kornblume, Akelei, Sittichfenchel, Goldsafran.

Anstalten machen wir, über Literatur und deren Betriebsförmigkeit zu diskursieren. Wir sollten das lassen. Denn schon seit, mittlerweile, Stunden zeigt uns ein Mönchsgrasmückenmännchen aus dem Background akustisch die Instrumente, und plötzlich, als wolle es seine Zuneigung zu uns oder den Staren oder wem auch immer demonstrieren, landet es auf einem Busch direkt an der Terrasse, richtet die stilvoll konturierte schwarze Kappe gen Firmament und lässt aus seinem winzigen Leib Töne und Melodien hervorströmen, die versuchsweise zu transkribieren unanständig wäre.

Es ist ein Lied an und für die Welt, sprudelnd, schmetternd, hurrarufend, frei und selbstbewusst und lustliebend, der weißgraue Rumpf wiegt sich nach links und nach rechts, kein Windstoß könnte ihm etwas anhaben. »Ihr Idioten! Ihr Idioten!« flötet, zugleich spöttisch schwätzend, der Vogel, es ist vollständig bescheuert und sagenhaft, und das ist Watzenborn-Steinberg.

Man kann überhaupt nur glücklich sein, wenn man so etwas aufschreibt.

In der Serie Minima ornithologica:

Vermutlich ist es so, dass Vögel keine Karriere machen, sondern in Ruhe gelassen werden wollen. Bisweilen wollen sie sich auch zeigen.

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