Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 21.06.2019, Seite 10 / Feuilleton
Was’n los dahinten?

Vorstadtgeschichten: McNazi und die Popantifa

Von Pierre Deason-Tomory
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»Hier ist alles in Ordnung, okay?«

Ein heißer Nachmittag in der Vorstadtwüste. In einer gekühlten McDonald’s-Filiale sitzen an einem Tisch zwei Nazis, ein dünner mit einem Milchshake und ein riesengroßer mit Stiernacken, Hals und Hände tätowiert. Der Große verschlingt gerade einen Big Mac. Weiter weg eine junge Mutter mit Kind, sie trinkt einen geschredderten Eiskaffee, ihre kleine Tochter hat eine kleine Portion Pommes und quetscht drei Tüten Ketchup aufs Tablett. In einer Ecke ein baumlanger 18jähriger in schickem Outfit, Typ Antifa. Er isst seinen Cheeseburger nicht, wischt über sein Handy.

Keiner bemerkt, wie ein Mann dazukommt und sich alleine an einen Tisch setzt. Nur der große Nazi sieht hin und grunzt leise. Der Mann ist schon älter, im grauen Anzug, billig, aber sauber, kurze, dunkle, angegraute Haare, ein gestutzter Vollbart. Er wickelt einen McChicken Classic aus, legt ihn vor sich hin, senkt den Kopf und verharrt still. Der dünne Nazi bemerkt das und stößt den großen an: »Guck mal! Der Ziegenficker betet!«

Der große grunzt und isst weiter. Die Frau grinst und starrt den Bärtigen an. Das Mädchen tunkt mit einer Fritte in den Ketchup-Berg und malt eine Linie aufs Tablett. Der junge Linke blickt auf, sieht sich den Bärtigen an und schaut vorsichtig zu den Nazis.

Der Dünne: »Ey, hör mal! Ziegenficker! Hey! Darfst du das Zeug überhaupt essen, Ziegenficker?« Der Große: »Lass den Mann in Ruhe.«

Der Dünne: »Was willst Du? Der Ziegenficker sitzt hier und betet zu seinem scheiß Allah!«

Die Mutter grinst und starrt noch mehr, das Kind malt weiter an seinem Ketchupbild und murmelt »Zie-gen Figg-herr«. Der Große knurrt den Dünnen an: »Sag noch einmal Ziegenficker, o. k.? Sauf deine Zuckerscheiße hier und halt’s Maul, ich will in Ruhe essen! Verdammt.«

Der Dünne ist sprachlos, der Antifajunge nervös. Der Bärtige sitzt regungslos da. Es ist kurz ruhig. Dann doch wieder der Dünne: »Seit wann hast du’s denn mit den Ziegenfickern? Und ...«

Das Mädchen: »Zieh-Genn-Figggern!«

Der Große dreht sich schnell zum Dünnen, quetscht mit seiner Rechten dessen Unterkiefer, zieht den Kopf an den eigenen und spuckt ihm ins Gesicht: »Du hältst jetzt das Maul!« Er knallt den Kopf des Dünnen nach hinten gegen die Wand.

Vom Tresen: »Was’n los dahinten?«

Der Bärtige will aufstehen, aber der Stiernacken dreht sich zu ihm um und sagt: »Bleiben Sie sitzen! Mein Freund hier ist jetzt still!«

Der Bärtige setzt sich, sagt leise: »Ich möchte lieber gehen.«

Großer: »Nein!«

Dünner: »Sage mal ...«

Tresen: »Wir rufen die Polizei, wenn nicht ...«

Großer: »Ruhe jetzt!« Er drischt den Dünnen heftig auf die Brust, ruft zum Tresen: »Hier ist alles in Ordnung, o. k.?« Wendet sich an den Bärtigen: »Und Sie essen jetzt Ihr Hühnerteil!«

Die Mutter packt ihr Kind und zerrt es aus dem Laden. Der Linke steht auch auf, zögerlich, da brüllt ihn der Große an: »Und du Kunde gehst jetzt stiften, oder was?«

Die 1,90-Meter-Popantifa zuckt schockiert zusammen und bleibt stehen.

Großer: »Da kommt so ein Scheißnazi und macht deinen Zeckenbruder an und du gehst stiften, oder was?« – »Aber ich ...« –

Der Bärtige steht nun doch auf und geht zur Tür. Er geht langsam. Sein linkes Bein ist steif. Der Dünne glotzt blöde, der Linke auch, jetzt ist es still. Der Bärtige dreht sich an der Tür noch einmal um und sagt zum Großen: »Auf Wiedersehen.«

Der junge Kerl steht weiter da, weiß nicht, was tun. Der Große: »Verpiss Dich, Scheißzecke!« Er stößt den Dünnen in die Seite. »Lass uns gehen. Scheißladen.«

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