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Aus: Ausgabe vom 20.06.2019, Seite 15 / Medien
Einschnitte

Heilige Kühe in Not

Teilwerbeverbot, Spitzengehälter deckeln: Niederländische Regierung will öffentlich-rechtlichen Rundfunk reformieren
Von Gerrit Hoekman
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Dauerproblem: Niederländischer Journalistenverband NJV verlangte 2018 Aufklärung über Kürzungen beim NPO

Nederlandse Publieke Omroep (NPO) heißt der öffentlich-rechtliche Rundfunk in den Niederlanden. Und der soll ab dem 1. Januar 2021 in allen drei Programmen werbefrei sein – zumindest vor 20 Uhr. Das hat die Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte beschlossen, wie RTL Nieuws am 14. Juni auf seiner Homepage berichtete. Mit der Maßnahme sollen unter anderem Kinder vor Reklame im Fernsehen geschützt werden. Das Gesetz muss allerdings noch durch das Parlament.

Für NPO ist das problematisch. Dem Senderverbund würden dadurch im Jahr rund 60 Millionen Euro verlorengehen, von denen der Staat künftig nur zwei Drittel über höhere Gebühren kompensieren will. Der Rest muss »eingespart« werden. »Das geht eindeutig zu Lasten von guten und beliebten Programmen und macht den öffentlich-rechtlichen Rundfunk weniger schlagkräftig«, kritisiert NPO den Plan.

Den vom Rundfunkverbund befürchteten Substanzverlust sieht Arie Slob, Minister für Bildung und Medien in unserem Nachbarland, nicht kommen. Er verweist auf genügend Einsparpotential anderswo. Zum Beispiel bei den Gehältern der Moderatoren und Direktoren des Senders. Die sollen in Zukunft tatsächlich nicht mehr verdienen dürfen als der Ministerpräsident. Das wären aktuell 181.000 Euro im Jahr. »Das werden wir schnell mit einem Gesetz angehen«, kündigte Slob laut RTL Nieuws an.

Die exorbitanten Gehälter und Gagen der Fernsehstars würden für viel Irritation bei den Zuschauern sorgen. Das betrifft im Moment 31 Moderatoren und Programmdirektoren der Öffentlich-Rechtlichen. Mit 580.000 Euro im Jahr ist vermutlich Matthijs van Nieuwkerk der Topverdiener bei NPO. Er moderiert die beliebte Talkshow »De Wereld draait door«. Angst um seine derzeitigen Bezüge muss er allerdings erst einmal nicht haben – die Deckelung gilt erst bei Abschluss eines neuen Vertrages.

Ohne die Einnahmen aus der Werbung gerate der Sender in eine noch größere Abhängigkeit von der Politik, warnt auch die Journalistengewerkschaft NVJ in einer Stellungnahme. Grundsätzlich sei es zwar zu begrüßen, wenn das Fernsehen weniger kommerziell wäre, aber »in den vergangenen Jahren haben mehrere Sparrunden gezeigt, dass die Politik kein verlässlicher Partner für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gewesen ist«, erinnert die NVJ in einem Statement.

Der Medienexperte Ruud Hendriks spricht auf der Homepage der Nederlandse Omroep Stichting (NOS) von einem »Geschenk für die Kommerziellen«. Denn erstens würden sich die Werbepartner von NPO in der entsprechenden Zeit für ihre Spots neue Sendeplätze suchen. Zweitens werde das Gerangel vermutlich die Preise nach oben treiben. Die Stiftung NOS versorgt die drei Kanäle von NPO mit Programmen aus den Bereichen Nachrichten, Sport und Wetter. Unter anderem produziert sie das »NOS-Journaal«, sozusagen das Gegenstück zur deutschen »Tagesschau«.

»Wäre ich John de Mol, würde ich um den Tisch tanzen«, sagt Ruud Hendriks. De Mol ist der niederländische Medienhai schlechthin. Seine Schwester Linda ist in Deutschland noch als Moderatorin der früheren Rotz-und-Wasser-Heulshow »Traumhochzeit« bekannt. Der Medienwissenschaftler Piet Bakker bezeichnet die Ankündigung der Regierung auf NOS als eine »Kriegserklärung an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk«. Lobbyarbeit?

Auch der »Bund der Werbeschalter« ist wenig begeistert: »Unternehmen können bald schwerer ihre Zielgruppen erreichen. Darüber hinaus werden die Werbepreise steigen«, sagt die Vorsitzende Henriette van Swinderen bei NOS. Sie glaubt jedoch nicht, dass die privaten Sender in den Niederlanden profitieren, sondern ausländische Onlineunternehmen, weil die ehemaligen Werbepartner von NPO wohl eher auf einschlägige Internetseiten wechseln würden. Ihrer Meinung nach gebe es deshalb nur Verlierer.

Das sehen die Privaten naturgemäß anders. »Wir plädieren schon länger für einen starken, unverwechselbaren öffentlichen Rundfunk – aber einen, der den Markt nicht stört«, sagte ein Sprecher von RTL Nederland. »Die Idee, Reklame zu begrenzen, wäre ein Schritt in die richtige Richtung.«

Es gibt auch Leute, denen der Regierungsplan nicht weit genug geht. »Die Jagd auf den Marktanteil setzt sich fort, während wir davon wegmüssen«, stellt Adriaan ’s-Gravesande fest, der frühere Direktor von AVRO, einem der als Hauptrundfunkgesellschaft firmierenden neun Vereine von NPO. Der Marktanteil in der anvisierten Zielgruppe bestimmt den Preis für die Werbeminute – je höher die Zuschauerzahl, um so teurer die Reklame. »NPO muss sich auf die gesetzlichen Kernaufgaben konzentrieren«, findet ’s-Gravesande. Und die bestehen laut dem niederländischen Mediengesetz von 2008 darin, ein ausgewogenes und neutrales Programm zu senden.

Im hitzigen Disput um die zukünftige Finanzierung der Öffentlich-Rechtlichen ging eine weitere Veränderung fast völlig unter: Aus NPO 3 wird wohl ein Regionalsender, dessen Programm zu bestimmten Zeiten von Landstrich zu Landstrich variiert. Wir kennen das in Deutschland im geringeren Umfang von den Landesstudios der dritten Programme der ARD. Zumindest dieser Teil des Regierungsplans findet Zuspruch bei den NPO-Ablegern in den Provinzen. Die britische BBC habe mit diesem Konzept viele Zuschauer angezogen, sagte Guus van Kleef, der Direktor vom Regionalsender Omroep Gelderland.

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