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Aus: Ausgabe vom 20.06.2019, Seite 8 / Abgeschrieben

»Wir sind alle Antifa«

Am 3. Mai 2019 hielt der Hamburger Senator Carsten Brosda (SPD) eine Rede auf einer Gedenkfeier vor und mit Überlebenden des KZ Neuengamme, in der er von »sogenannter Antifa« sprach. Esther Bejarano, Vorsitzende des Auschwitz-Komitees, schrieb daraufhin einen offenen Brief an den Kultursenator. Darin heißt es:

»Vorbei ist nicht vorüber«, schrieb Elias Canetti. Das ist für uns als ­Vereinigung der Überlebenden der Konzentrationslager, ihrer Angehörigen und Freunde tägliches Erleben. Und daraus folgt für uns: Wir sind alle Antifa – Antifaschisten und Antifaschistinnen! Und Menschen wie ich, die den NS-Terror und die Konzentrationslager überlebt haben, sind froh über jeden einzelnen, der mit uns streitet für eine andere, bessere Gesellschaft ohne ­Diskriminierung, Verfolgung, Antisemitismus, ­Antiziganismus, gegen Ausländerhass. Und der gegen die Ausbeutung der Menschen und unseres Planeten kämpft, Hilfesuchende unterstützt und Geflüchtete aus Seenot rettet. (…)

Heute Antifaschist zu sein, bedeutet für uns, sich der schweren Aufgabe der Auseinandersetzung mit den Ursachen, den Erscheinungsformen des Nationalsozialismus, des Nationalismus und der Menschenfeindlichkeit zu stellen. Heute Antifaschist zu sein, bedeutet für uns, alles uns Mögliche zu tun, um nie wieder zuzulassen, dass Menschen verfolgt und ermordet werden, dass die Menschheit durch Kriege bedroht oder vernichtet wird.
Für uns Shoah-Überlebende, für unsere Angehörigen und Freunde ist das eine Aufgabe, die unser ganzes Leben bestimmt. Und wir würden unter dieser Aufgabe zusammenbrechen, wenn da nicht gemeinsam mit uns viele Menschen streiten würden. Und über jeden einzelnen dieser Vielen freuen wir uns, sie sind unsere Freunde, unsere Hoffnung auf eine bessere und friedliche Welt, in der nichts und niemand vergessen ist! Diese Hoffnung setzen wir besonders auf die jungen Leute, die jungen Antifa. (…)

Und jetzt, in Zeiten, in denen die rechte Szene sich zunehmend radikalisiert, weil viel zu viele einfach nur zuschauen und den Mund halten, in Zeiten, in denen die NSU-Morde nur unzureichend aufgeklärt sind und in Kassel ein Regierungspräsident vermutlich von einem Neonazi erschossen wird, weil er sich für Geflüchtete eingesetzt hat, in diesen Zeiten empfiehlt Herr Gauck, der ehemalige Bundespräsident, eine weitere Öffnung nach rechts. Und in Hamburg sprechen Sie als Senator für Kultur und Medien von der »sogenannten Antifa« auf einer Gedenkfeier vor und mit Überlebenden des KZ Neuengamme. Und dabei hatten Sie, Dr. Brosda, Ihre Rede so eindrucksvoll begonnen, sprachen von »gemeinsamer Verantwortung im Kampf gegen den Rechtsextremismus«. Um dann aber von einer »sogenannten Antifa« zu sprechen, deren weitere ideologische Positionen keine gesellschaftliche Resonanz erwarten dürfen; (…). Wir erwarten nun Terminvorschläge des Senators für ein Gespräch und freuen uns über gewogene Berichte.