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Romane

Von Helmut Höge
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»Wärmestuben der Seele« – Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin-Kreuzberg

Viel zu oft ist in dieser Kolumne von Büchern die Rede und nicht vom »Leben selbst«, das lässt sich mit einem Satz des Kommunikationsforschers Jim Haynes erklären: »A book a day keeps reality away.« Der Semiologe Roland Barthes, der ebenfalls in Paris lehrte, meinte, der Schriftsteller sei zum Sinn verurteilt, auch wenn er selbst von Sinnen sein sollte. Wenn einem also »draußen« alles zunehmend unsinniger, um nicht zu sagen sinnloser vorkommt, flüchtet man ins Buch. Erinnert sei an die adligen jungen Damen und Pfarrerstöchter, die zu Hause hockten und lasen – so entstand der erste wirtschaftlich interessante Markt für Romane. Goethes Briefroman »Die Leiden des jungen Werther« sorgte für den Ausbruch eines »Werther-Fiebers«. Der Dichter gestand: »Ich schreibe eigentlich nur für junge Frauen!«

Längst schreiben die Frauen zurück. Ein Buch im Jahr veröffentlichen hält die Realität fern, wobei die meisten Bücher natürlich über Bücher geschrieben werden, wie Michel Foucault anmerkte.

Vieles gibt es heute nur noch online. Lesesüchtige und solche, die auf dem besten Wege dahin sind, brauchen jedoch den »Stoff« in fester Form – zum Anfassen, Umblättern und Mitnehmen. »Unter dem Schlagwort der Lesesucht wurde im ausgehenden 18. Jahrhundert die Debatte um falsche Lektüre und gefährliche Literatur geführt«, weiß Wikipedia. »Einen sehr frühen Beleg für das Wort ›Lesesucht‹ fand man in Rudolf Wilhelm Zobels ›Briefen über die Erziehung der Frauenzimmer‹ (1773)«. Später hätten Vertreter der Aufklärung bemängelt, dass die Romanlektüre bloß dazu missbraucht würde, »Langeweile zu verhindern«.

In Russland sollen »Frauenzimmer« beim Aufkommen von interessanten Gefühlen oft nicht sicher gewesen sein, ob es wahre Gefühle waren oder bei Puschkin angelesene. Der Hamburger Dichter Peter Rühmkorf seufzte: »Ach, könnte man doch seine angelesenen Gedanken vererben«.

Die Literaturkritikerin Sabine Vogel hat sich in den Stadtbibliotheken Berlins umgeguckt, wer dort alles so am Buch arbeitet. In der wunderschönen Bibliothek in Schöneweide sah sie »einen dünnen jungen Mann, der vor einem Bildschirm kauert: Sein Hab und Gut quillt aus einem Rucksack, den er irgendwie hereingeschmuggelt hat. Vielleicht kennt man ihn hier, er schreibt an seinem Blog über das Leben auf der Straße. Die Bibliothek ist sein Büro, sein Denkraum, sein Wohnzimmer, der Rückzugsort für sein Selbst. Hier hat er einer Weile Ruhe vor den Zumutungen der Welt.«

In der Kreuzberger Amerika-Gedenkbibliothek beobachtete die Vielleserin ein tuschelndes Liebespaar: »Blicke und Beine haben sie fest ineinander verflochten. Sie himmeln sich an, die Außenwelt existiert nicht mehr. Sie tun nicht mal so, als seien sie hierher gekommen, um irgendeine der Millionen ›Medieneinheiten‹ zu nutzen.« Vogel ist selbst Nutzerin: »So wie die Stadtbibliotheken manch Unbehaustem als Wärmestube dienen, sind sie mir Wärmestuben der Seele. Hört sich kitschig an, aber Bücher, besonders jene, die so schön Belletristik heißen, sind eben auch Schatztruhen der Gefühle.«

Die »Stabi West« (Staatsbibliothek am Kulturforum in Berlin) hat übrigens auch am Schalter für die Neuausstellung eines abgelaufenen Nutzerausweises elektronisch aufgerüstet: Dort wird man jetzt sogleich von links oben fotografiert und das Bild kommt automatisch in den neuen Leseausweis, für den man dann bezahlen muss. Deutschland gibt pro Kopf deutlich weniger für Bibliotheken aus als etwa Finnland oder die USA. Und wenn investiert wird, dann in die Elektronisierung interner Abläufe.

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