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Aus: Ausgabe vom 17.06.2019, Seite 12 / Thema
Internetmedien

Beunruhigende Botschaften

Sofort wurde über Macher im Hintergrund spekuliert: Rezos Youtube-Video »Die Zerstörung der CDU« erfreute sich binnen kürzester Zeit millionenfacher Zugriffe. Ein solches Ärgernis für etablierte Parteien könnte Zensurmaßnahmen zur Folge haben
Von Sönke Hundt
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Au Backe. Rezo hat der CDU eingeheizt, die Partei der Lüge und Unfähigkeit überführt. Deren Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer fiel zunächst nichts anderes ein als Zensur

Rezo, der 26jährige Youtuber und Influencer, dessen Klarname weiter nicht öffentlich ist, hat es mit einem 55minütigen Video geschafft, die Ergebnisse der Wahlen am 26. Mai 2019 zum EU-Parlament zu beeinflussen. In welchem Ausmaß ist nicht genau zu quantifizieren. Je jünger die Wählerinnen und Wähler, desto deutlicher vermutlich der Einfluss: Bei den unter 30jährigen erhielten Bündnis 90/Die Grünen mehr Stimmen (nämlich 30 Prozent) als CDU (13 Prozent), SPD (neun Prozent) und Die Linke (sieben Prozent) zusammen. Besonders durchgeschüttelt wurde die SPD: Bei den Erstwählern wurde sie hinter der Satirepartei DIE PARTEI mit sieben Prozent der Stimmen nur noch sechststärkste Kraft.

Die schiere Reichweite des Rezo-Videos war bemerkenswert. Binnen kurzer Zeit nach der Veröffentlichung am 18. Mai stiegen die Klickzahlen rasant an, und inzwischen verzeichnet es mehr als 14 Millionen Zugriffe. Auch wenn ein Vergleich kaum zulässig ist: Die verkaufte Auflage von Bild liegt mittlerweile bei nur noch 1,5 Millionen Exemplaren und die »Tagesschau«, der Quotensieger im deutschen Fernsehen, kommt auf knapp sechs Millionen Zuschauer.

Ein solches Interesse wirft die Frage nach dem Inhalt auf. Im Video spricht Rezo in hohem Tempo und unterstützt durch viele Grafiken und Ausschnitte aus anderen Videos (fast) all jene neuralgischen Themen der Politik an, die vom Mainstream jahrzehntelang entweder verschwiegen oder verzerrt dargestellt worden waren: Klimapolitik, Einkommens- und Vermögensverteilung, Sozialpolitik, Steuerpolitik, Bildungspolitik, Medienpolitik, Kriegspolitik. Besonders erstaunlich: Sogar die Airbase Ramstein, die Relaisstation der USA für die völkerrechtswidrigen Drohnenkriege im Nahen Osten, attackierte Rezo direkt. Und tatsächlich stiegen nach Veröffentlichung des Videos die Klickzahlen für die »Stopp Airbase Ramstein«-Kam­pa­ gne rasant an. Eine Einschränkung ist allerdings zu machen. In seinem zweiten Video, in dem Rezo zur Unterstützung mehr als 90 You­tube-Influencer zusammenbrachte (»Ein Statement von 90+ Youtubern«), ist nur noch vom Klimawandel die Rede. Die anderen Politikfelder werden nicht mehr erwähnt.

Bemerkenswert war auch die Machart. Nach endlosen Debatten in linken alternativen Medien, sich verständlicher, einfacher, gar »populistischer« auszudrücken, trägt Rezo in knapper, direkter und anschaulicher Umgangssprache vor. Er und seine hunderttausenden Follower, dieser Eindruck stellt sich ein, dürften nur noch selten Zeitungen lesen und auch nicht mehr abends vor dem Fernseher hocken, mithin von der allgegenwärtigen Propaganda der Mainstreammedien kaum mehr erreicht werden und von den vielen Tabus und Stereotypen, die in der öffentlichen Meinung vorherrschen, unberührt bleiben. Entsprechend unbefangen sagt Rezo einfach und ohne Schere im Kopf, dass und wie sie lügen (und überführt Kanzlerin Angela Merkel direkt mit zwei Videoausschnitten), dass und wie inkompetent sie sind (umwerfend komisch und hilflos Umweltministerin Svenja Schulze und Regierungsvertreter in den Videozitaten aus der Bundespressekonferenz) und dass sie gesicherte Erkenntnisse der Wissenschaft ignorieren.

Zweifel an der Authentizität

Kann es wirklich sein, dass ein Video mit diesem Inhalt, mit einer solchen Reichweite und mit einer solchen Wirkung quasi aus dem Nichts auftaucht? Dazu produziert von einem Youtuber und Influencer, der bisher auf seinen beiden Kanälen »Rezo« (mit 1,6 Millionen Abonnenten) und »Rezo ja lol ey« (mit 0,9 Millionen) sein jugendliches Publikum mit Musik- und Spaßvideos unterhalten und von den damit verbundenen Werbeeinnahmen gelebt hatte? Das Netz war sofort voll von Zweifeln über die Authentizität des »Zerstörervideos« vor allem auch deswegen, weil die Wahlen zum EU-Parlament gezeigt hatten, dass die Grünen die eigentlichen Nutznießer geworden waren.

Sofort nach Erscheinen des Videos verbreitete die rechte Webszene (z. B. Politically Incorrect) Gerüchte, wonach das Video Teil einer von den Grünen bezahlten bzw. gesteuerten Kampagne sei. Dieser Verdacht wurde ziemlich schnell auch in eher linken Blogs geäußert. Al­brecht Müller von den Nachdenkseiten anerkannte zwar die große Leistung (»Rezos Video ist ein großer Beitrag zur dringend notwendigen Stärkung des Interesses für politische Zusammenhänge«), stellte aber dann, vor allem nach dem zweiten Video, kritische Fragen, die er gleich selbst beantwortete. Kann so etwas »ohne Organisation und Koordination zustandekommen? Das glaube ich nicht. Die Einheitlichkeit der Aussagen und die große Zahl der Unterstützer spricht für eine organisierende Hand. Wer ist das?« Auch der Rechercheaufwand sei so groß gewesen, dass daran mehrere Leute gearbeitet haben müssten.

Stellten die Nachdenkseiten noch Fragen, gab sich ein Hartmut Barth-Engelbart in seinem Blog am 30. Mai schon fest davon überzeugt, dass es sich hier »tatsächlich um einen lange vorbereiteten PR-Coup« gehandelt habe und eine Arbeit von Spindoktoren vermutet werden müsse. Beweise besaß er allerdings nicht, konnte nur darauf hinweisen, dass im Impressum der Rezo-Video-Kanäle die Medienagentur Tu be one genannt wird, die wiederum zum Ströer-Konzern gehört. Außerdem habe eine andere Ströer-Tochter, die Nachrichtenwebsite t-online, das Video mit Artikeln gepusht und so erst richtig in die Medien gebracht. Tatsächlich ist die Ströer SE & Co. KGaA eines der größten und international tätigen Unternehmen im rasant wachsenden Onlinewerbemarkt (Vermarktung von Online- und Außenwerbung und von Out-of-Home-Medien wie giga.de, spieletipps.de, t-online.de, wetter.info, zuhause.de, wanted. de, desired. de, feelgreen.de u. v. a. m.). Die Ströer-Tochter Tube-one-Networks GmbH ist im Social-Media-Bereich aktiv und betreut viele Influencer. Barth-Engelbart nannte in seinem langen Blogbeitrag noch viele weitere Quellen aus dem eher »machtelitenkritischen Lager«, um seine These zu unterstützen – Geraune, keine Beweise für die vermutete Arbeit von Spindoktoren aus dem Hintergrund.

Thomas Röper titelte in seinem Anti-Spiegel-Blog vom 28. Mai zwar vielversprechend: »Recherche: Welche PR-Agenturen das Rezo-Video als lange geplante Aktion zur EU-Wahl plaziert haben« und nannte ebenfalls Tube-one-Networks, Ströer und t-online.de als Drahtzieher einer Kampagne. Aber auch er, ähnlich wie vor ihm schon Albrecht Müller, vermochte bloß Fragen zu stellen: »Jetzt wäre es interessant, wenn jemand belegbare Informationen zu folgender Frage hätte: Wer hat den EU-Wahlkampf für die Grünen organisiert? Gibt es da eine Verbindung zur Ströer-Gruppe, vielleicht zu einer der Konzerntöchter des Unternehmens?« Eine hieb- und stichfeste Antwort hatte er ebenfalls nicht parat.

Mathias Bröckers, gemeinsam mit Paul Schreyer Verfasser des Buchs »Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren«, schätzte die Situation etwas zutreffender ein. Er habe, nachdem er auf seinem Blog broeckers.com am 27. Mai das »Zerstörervideo« ordentlich gelobt hatte, geradezu einen Shitstorm erlebt. Von 1.200 Kommentaren hätten gefühlt mehr als 1.000 ihre Abneigung gegen Rezo bekundet und ihre Meinung bekräftigt, dass der doch nur die Marionette eines Werbekonzerns sein könne. Bröckers: »Ich kannte Rezo bis vor ein paar Tagen auch nicht, auch nicht seine Musikvideos, die er für einen Onlinekonzern produziert und damit Geld verdient. Jetzt macht er ein Video mit politischen Themen, und seine Fans – und viele andere, ich auch – finden es prima. Er redet Klartext und belegt seine Aussagen – was kann man denn mehr verlangen? Seine Ansichten muss niemand teilen, aber er hat die von sehr vielen Zuschauern offenbar auf den Punkt gebracht, die das Video geliked und weiterempfohlen haben. Wer da gleich wieder Großverschwörungen wittert, sollte mal einen Allergietest beim Konspirologen machen.«

Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam schließlich, seit einigen Jahren auf ihrem Blog »Ständige Publikumskonferenz« kritische Begleiter der Arbeit der öffentlich-rechtlichen Nachrichtenredaktionen, hielten mit ihrer Sympathie für Rezo ebenfalls nicht hinterm Berg: »Mit Rezo hat endlich einer die notwendige Sprache und Präsentationsform gefunden, die unsereiner nicht (mehr) drauf hat, mit der man aber erweislich ›ankommt‹. Inhaltlich hat er ohnehin recht (…) Nichts, was Rezo anspricht, ist wirklich neu und nicht längst in aller Entschiedenheit angeprangert worden (…) Aber er hat es geschafft, mit seiner Kritik ein Millionenpublikum zu erreichen, das zudem noch jung und flexibel genug ist, um konsequent zu reagieren.« Die Maßeinheit für gepfefferte Kritik müsse in Zukunft »Rezo (Rz)« genannt werden.

Abwegige Annahmen

Auf Cicero.de erschien am 29. Mai ein Interview mit dem Kommunikationswissenschaftler Lutz Frühbrodt. Dass die Grünen hinter dem Video stecken könnten, hält er für einen eher abwegigen Verdacht. Es gebe dafür keine belastbaren Beweise. Die Verbindung von Rezo zu Ströer und Tube one seien weder geheimnisvoll noch unüblich in der Szene: »Die bekannten Influencer arbeiten in der Regel mit einer oder teils auch mehreren Agenturen wie Tube one, Studio71 oder Mediakraft zusammen. Diese erhalten für ihre Dienstleistungen einen Teil der Einnahmen des Influencers, die dieser vor allem aus Werbeaufträgen erzielt. Die Zusammenarbeit reicht zuweilen auch bis zur Konzeption und Produktion einzelner Videoformate. Aber dass eine Agentur einem Influencer vorgibt ›So, jetzt mach mal das Thema hier!‹ halte ich für absurd. Die Influencer-Szene funktioniert anders, sie ist nicht so leicht steuerbar. Schon eher kann ich mir vorstellen, dass man die Köpfe zusammengesteckt hat, um zu überlegen, wie man noch mehr Menschen erreichen kann.«

Solcherlei sachdienliche und plausible Hinweise hatten Jasper von Altenbockum offenbar nicht erreicht. Der Innenpolitikchef der Qualitätszeitung FAZ, der das Video zuvor schon als Symptom für die »Verflachung, Verrohung und Verdummung« des politischen Diskurses im Internet und als »linkspopulistisches Machwerk«, als »pure Demagogie« bezeichnet hatte, empfahl noch am 8. Juni via Twitter ein anderes Youtube-Video, in dem die gleichen Mutmaßungen eines konspirativen Hintergrunds bei Rezos Video angestellt werden. Bei einem Blick ins Impressum hätte Altenbockum allerdings herausfinden können, dass hinter dem empfohlenen Video ein Mann namens Huseyin Özoguz steckt, der auch das islamistische und homophobe Onlineangebot »Offenkundiges« betreibt.

Die medienkritische Website »Übermedien« kommentierte: »Tja, man muss wirklich aufpassen wie ein Luchs, bei diesem Youtube, sonst ist man in ganz komischer Gesellschaft, und wenn es jemanden gibt, dem man dieses Wissen zugetraut hätte, dann eigentlich doch dem FAZ-Innenpolitikchef.« Und in einer Twitter-Reaktion auf Altenbockums Bockschuss wurde gefragt, ob nicht ein Workshop zum Thema Onlinevermarktung am Beispiel von Youtube für alle FAZ-Kollegen organisiert werden könne, »damit Ihre Autoren nicht komplett den Eindruck erwecken, die FAZ sei das neue KenFM

Was sagt nun Rezo selbst zu den Gerüchten um seine Person und seine Videos? Er bleibt zwar weiterhin anonym, hat aber Bento, dem Jugendformat von Spiegel online am 3. Juni ein Interview gegeben und sich zu seiner Arbeitsweise und zu den Umständen seines 14 Millionen mal angeklickten Videos geäußert. Er habe mit zwei Mitarbeitern Hunderte Stunden in dieses Video investiert und in den letzten zwei Wochen vor Veröffentlichung quasi durchgearbeitet. Mehrere Freunde und auch sein Vater hätten es auf Fehler überprüft. Rezo sagt von sich selbst, er sei ein politisch interessierter Mensch, engagiere sich privat für den Tierschutz, lebe vegan, habe einen Master in Informatik gemacht und interessiere sich für Wissenschaft und Forschung. Wie andere prominente Youtuber habe auch er gegen die mittlerweile beschlossene EU-Urheberrechtsreform gekämpft. Und nein, verdient habe er mit seinem Video nichts. Im Gegenteil, weil ohne Werbung, habe er mit dem Video sogar ein Minusgeschäft gemacht, da er seine Mitarbeiter habe bezahlen müssen und in der Zeit eben keine anderen Videos produzieren konnte. Bento stellte auch die Frage, ob er vorhabe, noch öfter politische Videos zu drehen. Rezos Antwort: »Irgendwann bestimmt. Ideen habe ich schon.«

Auf seinem Twitter-Account hatte sich Rezo bereits am 29. Mai zu den Gerüchten geäußert. »Wer mehr dahinter vermutet, offenbart vor allem ein grundlegendes Missverständnis darüber, wie ich und übrigens auch viele andere freie Medienschaffende ticken. Ich mache schon immer Videos, weil ich Bock darauf habe und nicht, um damit Geld zu verdienen. Wenn ich wie hier etwas mit meinen Zuschauern teilen kann, was mich schon lange beschäftigt und mir intrinsisch wichtig ist, dann wäge ich nicht ab, wieviel Geld mich das womöglich kostet oder wo ich das wieder reinbekomme. Wem das merkwürdig vorkommt, sollte vielleicht weniger mit BWL-Studenten abhängen. Es gibt halt wirklich viele Menschen, die einfach Sachen machen, weil sie dahinter stehen, unabhängig von den Nachteilen. Schockierend, ich weiß.« Und: »By the way: Hätten wir Klarnamen-Pflicht im Internet, hätte ich nun schon ein paar Steine durchs Fenster geworfen bekommen, und nach dem, was man mir so androht, wären ich und meine Familie tot. Aber ja, gibt ernsthaft noch Politiker, die das fordern. lol alter …«

Reaktionen der Politik

Das »Zerstörervideo« muss ein Schock für die politischen und medialen Eliten gewesen sein. Es ist ihnen auch bisher nicht gelungen, trotz vieler Versuche, Rezo wirksam zu kritisieren. Seine Fakten und Quellen (252 Quellenangaben auf 13 eng bedruckten Seiten) sind bis auf Kleinigkeiten wasserdicht. Die Reichweite seines Videos übertrifft alle Massenmedien und selbst seine eigenen Erwartungen. Was die attackierten Politiker besonders beunruhigen muss und auch beunruhigt, ist das hohe Maß an »Credibility«, wie es in der Szene heißt, über die er verfügt, und die sie eben nicht mehr besitzen.

Gabor Steingart kommentierte das in seinem »Morning Briefing« vom 24. Mai ganz treffend so: »Alle etablierten Mächte spüren den Gezeitenwechsel: Die klassischen TV-Talkshows werden von der Jugend nicht boykottiert, sie bleiben nur ausgeschaltet. Die etablierten Politiker werden nicht bekämpft, nur ignoriert. Reklame wirkt, aber oft abstoßend. Die Verbandsfürsten senden weiter ihre Botschaften, aber es fehlt an willigen Empfängern. Das Epizentrum der politischen Veränderung befindet sich inmitten der jüngeren Generation (…) Aber: Dieses Interesse kommt den etablierten Parteien nicht zugute. Laut Forsa würden Union und SPD bei Schülern und Studenten derzeit nur jeweils elf Prozent der Stimmen erhalten.«

Dass Annegret Kramp-Karrenbauer als Vorsitzende der CDU ziemlich offen die Einführung der Zensur forderte, brachte ihr erst einmal viel Hohn und Spott ein, weil diese schließlich vom Grundgesetz verboten sei. Aber das Ziel, das sie formulierte, nämlich wieder die mediale Oberhoheit zu erlangen, ist durchaus ernst zu nehmen. Gegen die Anarchie des Internets sowie Reichweite und Wirksamkeit der Youtuber müssten zuerst demokratietheoretisch, dann medienpolitisch und schließlich auch juristisch neue Antworten gesucht werden. Der Direktor der Landesmedienanstalt von NRW, Tobias Schmid, gab denn auch entsprechende Hinweise. In einem längeren Interview, das die FAZ am 30. Mai veröffentlichte, forderte er »einfache und klare Regeln gegen Desinformation«. »Alle journalistisch-redaktionellen Medienangebote – also Zeitungen, Fernsehen, Radio und eben auch Angebote im Netz – (müssten) gewisse Standards einhalten.« Es gebe für die Presse die diversen Pressegesetze und den Presserat, für die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender die Landesrundfunkgesetze und für die privaten Sender die Landesmedienanstalten, die die Aufsicht führten. »Ausgerechnet bei der Gefährdung durch Desinformation in journalistischen Inhalten im Netz können wir nicht einschreiten, weil das Gesetz genau diesen Fall ausgenommen hat. Eine Regelung, die aus einer vergangenen Zeit stammt und bestenfalls historisch verständlich ist, bei der wir aber aufpassen müssen, dass das Absurde nicht zur Tragödie wird.«

Maßnahmen, den bisher unkontrollierbaren Youtubern beizukommen, könnten folgende sein: Entweder man erklärt sie zu »Rundfunkern« und definiert ihre Kanäle als ein »fernsehähnliches Medium«, um von ihnen einen entsprechenden Antrag und die Zulassung bei den Landesmedienanstalten verlangen zu können. Oder aber man könnte sie wie die Printmedien auf die Einhaltung der »anerkannten journalistischen Grundsätze«, die dann entsprechend passend zu formulieren wären, verpflichten.

Die deutsche und europäische Medienlandschaft mit ihrem Geflecht aus Print- sowie öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkmedien ist wahrscheinlich viel zu kompliziert und in viel zu viele Zuständigkeiten auf Bundes- und Landesebene zersplittert, als dass man hier in nächster Zeit zu Regelungen und neuen Gesetzen kommen dürfte. Viel wahrscheinlicher ist der Weg über die großen Internetplattformen Google (mit Youtube), Facebook (mit Whats-App und Instagram) und Twitter, wo erste Zensurmaßnahmen bereits greifen.

An der Oberfläche werden zwar als Schlüsselbegriffe Hatespeech, Fake News und innere Sicherheit genannt, aber diese Begriffe sind alles andere als harmlos, können ihnen doch ohne weiteres politische Zwecke subsumiert werden. Da die Internetriesen private Unternehmen sind, entziehen sich ihre Zensurpraktiken jeder rechtlichen und politischen Kontrolle. Welche Seiten oder Accounts warum gelöscht, der Zugang zu ihnen erschwert, sie im Ranking herabgestuft oder welche Vernetzungen gekappt werden, ist allein Obliegenheit der Unternehmen selbst, und eine unabhängige, gar richterliche Überprüfung sowieso ausgeschlossen. Zur Zeit lässt sich geradezu täglich nachverfolgen, wie Big Data, Künstliche Intelligenz, die Erfassung von Bewegungsdaten und Mustererkennung in hohem Tempo immer weiter entwickelt und getestet und so die Schlingen der Zensur immer enger gezogen werden.

Besonders viel Protest hat in der letzten Zeit die Urheberrechtsreform der EU mit ihren geplanten Uploadfiltern hervorgerufen. Am 23. März 2019 demonstrierten in europäischen Städten Hunderttausende. Das Thema elektrisierte besonders jüngere und netzaffine Menschen, denn schnell wurde klar, dass diese Pläne direkt die Praxis von Youtubern bedrohen, nämlich auf eine kreative Art und Weise die verschiedensten Inhalte aus verschiedenen Medien und Genres zu kombinieren und zu remixen, um daraus neue Produkte zu schaffen. Sind die Youtuber als Influencer unterwegs, nutzen sie also ihre Popularität und ihren Einfluss für Werbezwecke und verdienen ihr Geld damit, bedroht die Zensur auch direkt ihr Geschäftsmodell. Rezo hat selber auf seinem Twitter-Account erzählt, wie ihn und viele andere die Proteste gegen die Uploadfilter politisiert haben.

Sönke Hundt schrieb an dieser Stelle zuletzt am 5. März über Techniken der Cybersicherheit in Israel.

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus Nürnberg (17. Juni 2019 um 08:11 Uhr)
    Die Herrschaftsmethoden des Establishments sind scheinbar umfassend und perfekt, aber halt eben doch nur im Bereich ihrer üblichen »Mainstream-Instrumente«. Der unkonventionelle Überraschungscoup dieses Rezo (oder wer auch immer dahinterstecken mag) hat blitzartig ihre Hilflosigkeit aufgezeigt, wenn die Wahrheit einmal ungefiltert einen riesigen Personenkreis aufrüttelt, den sie meinungsmäßig im Griff wähnten. Bleibt die Frage, warum das linke Spektrum solche Möglichkeiten nicht als kreatives Kampfmittel wahrnimmt?

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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