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Aus: Ausgabe vom 15.06.2019, Seite 11 / Feuilleton
Pop

The Night Tripper

Nachlässiges Genie: Zum Tode von Dr. John
Von Ulrich Kriest
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Nur echt mit Totenkopf: Dr. John auf dem New Orleans Jazz and Heritage Festival, 29. April 2001

Im Jahr 1973 hatte Malcolm John Michael Creaux Rebennack Jr., genannt »Mac«, seinen größten Hit. Da war er 32 Jahre alt, hatte gerade sein fünftes Album unter eigenem Namen veröffentlicht und blickte bereits auf eine ziemlich bewegte Zeit im Musikbusiness zurück. »Right Pla ce Wrong Time« war der Titel seines Hits, der davon erzählte, wie es ist, zur falschen Zeit am richtigen Ort zu sein. Oder umgekehrt. Oder in der richtigen Welt, die sich aber falsch anfühlt. Dabei war »Mac« Rebennack tatsächlich am richtigen Ort geboren und aufgewachsen, in New Orleans, diesem musikalischen Schmelztiegel, wo man seit jeher Mardi-Gras-Karnevalsmärsche, Europäisches, Blues, Jazz, karibische Folklore und afrikanische Rhythmen zu einem unvergleichlich kräftigen Eintopf namens »Gumbo« verrührte, der hochexplosiv wurde, als man ihm Rhythm & Blues und Rock ’n’ Roll beimischte.

»Mac« war von Beginn an dabei, saugte die musikalischen Idiome auf, spielte das alles in einer Band mit unübersichtlich vielen Namen, damit ihm kein Gig durch die Lappen ging. Als begabter Gitarrist war er zudem ein vielbeschäftigter Studiomusiker, bis ihm 1960 bei einem Streit der Zeigefinger teilweise weggeschossen wurde. »Mac« wechselte zum Bass, spielte Dixieland, später dann auch Schlagzeug, doch eigentlich galt er in der Szene als »funky Horovitz«. Eine ungesunde, aber habituelle Vorliebe für unterschiedlichste toxische Substanzen und die Erfolge der »British Invasion« verschlugen Rebennack dann an die Westküste der USA, wo er nicht nur Studioarbeit bei Sonny and Cher und Phil Spector erledigte, sondern auch die Muße hatte, sich etwas ganz Besonderes auszudenken: Dr. John, the Night Tripper, eine Voodoo-Rock-Irgendwas-Kunstfigur, für Leute, die noch nie in New Orleans waren.

Das Debütalbum »Gris Gris« erschien 1968 und präsentierte wirklich »far out« sehr afro-perkussive Klänge mit Cembalo, seltsam planlosen Gitarrensoli, Banjos, Flöten, »Exotika«-Sounds, rituellen und soul-geschulten Chorgesängen und allerlei anderen verpeilten Seltsamkeiten. »Gris Gris« ist sicher eines der besten Beispiele für »Incredible Strange Music« und hätte wohl kaum jemanden interessiert, hätte nicht punktgenau der »Summer of Love« die Nachfrage nach Psychedelischem gesteigert. Und Dr. John, the Night Tripper, groß gewachsen, vollbärtig, mit Gesichtsbemalung, abenteuerlich mit magischen Federn, Katzenknochen und Schlangenhäuten behängt, lieferte.

Er lieferte Freeform-Tracks wie »Danse Kalinda Da Boom« oder »Croker Courtbullion«, die Abfahrten von Quicksilver Messenger Service oder The Grateful Dead, nun ja, vergleichsweise »straight« aussehen ließen, und gleichzeitig von Bezügen zur musikalischen Tradition des Südens regelrecht durchschossen waren. 20 Jahre später hätte man »Gris Gris« als postmodern bejubelt, aber bejubelt wurde es natürlich auch schon 1968. Dieses in Los Angeles produzierte High-Brow-Musical-Voodoo-New Orleans war zwar am falschen Ort produziert, aber eben punktgenau zur rechten Zeit da. Und »Mac« Rebennack nutzte seine Chan ce und besetzte in der Popmusik den Platz des Freaks, des nachlässigen Genies, das sich mit den Roots auskennt.

Was ihm allerlei Optionen offenhielt: Mal spielte er seinen psychedelischen Voodoo-Rock, dann »erdete« er bei »The Last Waltz« The Band mit »Such a Night«, er experimentierte mit Funk und sogar einer seltsamen Mischung aus Disco und Yacht Rock, dann wieder zelebrierte er Jazz-Standards in der Manier alter Meister, die wissen, worüber sie singen, und schließlich spielte er augenzwinkernd Soloalben am Klavier ein: »Dr. John Plays Mac Rebennack«.

Mal war er da, mal war er weg. Mal war er ein Geheimtip unter Kennern, dann unvermittelt mit Mainstreamerfolgen gesegnet, die ihm auch ein paar »Grammys« eintrugen. Zum Beispiel für die durchaus unmissverständlich zornige Post-Katrina-New Orleans-Hommage »City that Care Forgot«, bei der ihn Kollegen wie Willie Nelson, Terence Blanchard, Trombone Shorty und Ani DeFranco unterstützten. Aus Dr. John, the Night Tripper wurde über die Jahre Dr. John, ein Charismatiker, der für seinen kreativen Umgang mit der Bayou-Musiktradition geschätzt wurde. Am 6. Juni ist der einflussreiche Musiker, dessen Verhältnis zum Voodoo nie ganz geklärt werden konnte, kurz nach den Aufnahmen für ein letztes Album, einem Herzinfarkt erlegen.

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