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Aus: Ausgabe vom 15.06.2019, Seite 8 / Inland
Widerstand gegen Gentrifizierung

»Jeglicher Rest an Vertrauen ist verspielt worden«

Berlin: Fotoausstellung in der Rigaer Straße zeigt Kampf gegen Verdrängung linker Projekte. Ein Gespräch mit Karlson von Bodden*
Interview: Martin Dolzer
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Farbenfroher Widerstand in Berlin-Neukölln vor der von Räumung bedrohten Kiezkneipe Syndikat

An diesem Sonnabend eröffnet die Ausstellung »One Struggle – One Fight« im Jugendwiderstandsmuseum in der Rigaer Straße in Berlin. Was ist dort zu sehen?

Es geht um linke Freiräume, die derzeit akut von Räumung bedroht sind. Es handelt sich um ein Fotoprojekt als Wanderausstellung, in dessen Rahmen die aktuelle Bewegung gegen Verdrängung begleitet wurde. Zu sehen sind Unterstützer linker Projekte in Berlin, wie dem Syndikat, Potse und Drugstore, Meuterei, G17a und Liebig34. Die Porträts zeigen die Wut, den Tatendrang, aber auch den Humor der Aktivisten. All das braucht es in diesen schwierigen Zeiten, um sich weiterhin gegen den Ausverkauf der Stadt zu stellen. Es wird gezeigt: Wir sind viele, und wir lassen uns den Spaß nicht nehmen! Und: Wir bleiben alle!

Die Künstlerin, die die Ausstellung fotografiert hat, ist Teil des Bündnisses »Let’s Get United Against Racism, War and Gentrification«. Wer oder was ist dieses Bündnis?

Wir sind eine offene politische Gruppe, die sich gegen Diskriminierung jeglicher Art, Sexismus, Krieg und Rassismus ausspricht und aktiv gegen Unterdrückung, Ausbeutung, Spekulation, Gentrifizierung sowie Überwachung und Kontrolle kämpft. Dabei legen wir Wert auf einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt und den Ressourcen und menschlichen Kontakt auf Augenhöhe. Unser Hauptprojekt zielt darauf, die schon vorhandenen Strömungen und Strukturen zusammenzuführen.

Seit einiger Zeit setzen wir uns aktiv für den Erhalt der beiden selbstverwalteten Jugendzentren Potse und Drugstore ein, die vom Gentrifizierungswahn bedroht sind. Beide Projekte sollten zu Jahresbeginn ihre angestammten Räumlichkeiten verlassen. Das Potse-Kollektiv verweigert dies bis zum heutigen Tag und erhält seine Besetzung aufrecht.

Wie ist die aktuelle Situation dort?

Die Lage ist für beide Jugendzentren schlecht: Bisher weigert sich das Land Berlin, sich dieses Problems anzunehmen. Die Regierung schiebt die Verantwortung auf den Bezirk Tempelhof/Schöneberg ab, der eine Räumungsklage gegen das Potse-Kollektiv eingereicht hat. Jeglicher Rest an Vertrauen der jungen Menschen ist so verspielt worden. Weder Bezirk noch Land waren in den letzten Jahren in der Lage, angemessene Ersatzräume bereitzustellen – oder haben es schlicht politisch nicht gewollt. Wir werden nicht hinnehmen, dass mehrere Jahrzehnte aktive selbstverwaltete Jugendarbeit einfach so, mir nichts, dir nichts, wegen der Ignoranz von geldgierigen Investoren und politisch Verantwortlichen aus dem Berliner Stadtbild verschwinden!

Welche weiteren Schritte sind in der nächsten Zeit zum Erhalt der bedrohten Jugend- und Kultureinrichtungen geplant?

Aktuell sind wir, neben der Fotoausstellung, mit den Vorbereitungen einer größeren Protestkundgebung zur Unterstützung von Potse und Drugstore beschäftigt, die Mitte August stattfinden soll. Es geht dabei um unsere Forderung, den Hochbunker in der nahegelegenen Pallasstraße als Ersatzort für die Jugendzentren zu öffnen. Auch viele weitere Projekte aus sozial engagierten Gruppen, Kunst und Kultur mit antifaschistischem Hintergrund könnten davon profitieren.

Zur Zeit bemühen wir uns um einen Termin für den 16. August bei Berlins Regierendem Bürgermeister, Michael Müller von der SPD, und seinem Stellvertreter, Kultursenator Klaus Lederer von Die Linke, zur Übergabe unserer Petition zur Öffnung des Hochbunkers, die bereits über 4.700 Menschen unterschrieben haben. Im Gepäck haben wir zudem ein Konzept zur Realisierung des Umbaus des Bunkers. Wenn das politisch gewollt ist, kann also durchaus die Jugendkultur, die in Potse und Drugstore stattfand, dort weitergeführt werden.

Karlson von Bodden ist aktiv im Bündnis »Let’s get united« (* Es handelt sich um einen Künstlernamen, der richtige Name ist der Redaktion bekannt)

Ausstellungseröffnung mit Konzerten: Sonnabend, ab 15 Uhr, Jugendwiderstandsmuseum in der Rigaer Straße 9/10

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