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Aus: Ausgabe vom 15.06.2019, Seite 1 / Titel
USA gegen Iran

Beweise à la USA

Kriegsgefahr steigt: Washington macht Iran für Angriff im Golf von Oman verantwortlich. Nebulöse Belege für Anschuldigungen
Von Knut Mellenthin
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Keine Beweise, aber schöne Bilder: US-Außenminister Pompeo nach der Pressekonferenz am Donnerstag in Washington

Die US-Regierung macht Iran für die Angriffe auf zwei Tanker verantwortlich, die am Donnerstag morgen im Golf von Oman stattfanden. Mit dieser Aussage eröffnete Außenminister Michael »Mike« Pompeo am Donnerstag nachmittag eine Pressekonferenz in Washington. Er fuhr fort: »Diese Einschätzung gründet auf nachrichtendienstlichen Erkenntnissen, auf den verwendeten Waffen, auf dem Niveau der Erfahrung, das zur Durchführung einer solchen Operation erforderlich ist, und auf ähnliche iranische Schiffsangriffe in jüngster Zeit.«

Mit dem Hinweis auf ähnliche frühere Aktionen waren die Anschläge auf vier Tanker am 12. Mai in einem anderen Teil des Golfs von Oman gemeint. Auch für diese hatten vor allem Pompeo und der Nationale Sicherheitsberater John Bolton den Iran verantwortlich gemacht, aber nicht einmal Indizien für diese schwerwiegende Anschuldigung vorgelegt. Beweise gab es auch bei der Pressekonferenz des Außenministers am Donnerstag nicht.

Erst einige Stunden später reichte das für den Nahen und Mittleren Osten zuständige Kommando Mitte der US-Streitkräfte etwas nach, was offenbar einen Beweis ersetzen soll: Auf einem unscharfen Video ist mühsam zu erkennen, wie sich ein kleines Schiff einem der angegriffenen Tanker nähert und ein Mann anscheinend einen dunklen Gegenstand von der Bordwand nimmt. Dem Kommentar des Centcom zufolge sieht man ein Schnellboot der iranischen Revolutionsgarden beim Entfernen von Beweismaterial, nämlich einer nicht explodierten Magnetmine.

Klar erkennbar und beweiskräftig ist dieser Vorgang jedoch nicht. Es gibt auch keine Erklärung dafür, dass diese Aktion nach Angaben der Kommandos Mitte erst gegen 16 Uhr Ortszeit stattfand, also neun Stunden, nachdem die Besatzung dieses Tankers eine Explosion gemeldet hatte. Auch die starke US-amerikanische Präsenz durch ein nahes Kriegsschiff und mehrere Beobachtungsflugzeuge im betroffenen Meeresgebiet macht die Behauptungen Washingtons nicht überzeugender.

Iranische Politiker und Sprecher haben die Anschuldigungen als »substanzlos« und »lächerlich« zurückgewiesen. Sie verweisen darauf, dass beide Schiffe unter anderem auch Fracht für Japan an Bord hatten und dass die Angriffe ausgerechnet während des Staatsbesuchs des japanischen Premierministers Shinzo Abe in Teheran stattfanden. Hinter der Operation stünden Kräfte, die die Diplomatie stören wollen, twitterte Irans Außenminister Dschawad Sarif.

Pompeos Aussage, die »unprovozierten Angriffe« auf die Tanker seien »eine klare Gefährdung des internationalen Friedens und der Sicherheit« und »ein offener Angriff auf die Freiheit der Schifffahrt«, die »nicht akzeptabel« seien, enthält darüber hinaus die deutliche Drohung einer militärischen Eskalation, bis hin zu sogenannten Vergeltungsschlägen.

Der Abgeordnete der Linken im Bundestag, Alexander S. Neu, erklärte zu den Schuldzuweisungen gegen den Iran: »Die Glaubwürdigkeit der US-Außenpolitik ist spätestens seit den Fakes um angebliche Chemiewaffen im Irak oder dem sogenannten ›Racak-Massaker‹ im Kosovo, die beide als offizielle Kriegsgründe dienten, erschüttert. Auch im jetzigen Fall ist eine Inszenierung durch die USA nicht auszuschließen. (...) Die Linke fordert ein internationales Untersuchungsteam im Auftrag des UNO-Sicherheitsrates. Das Team muss aus Experten der fünf ständigen Sicherheitsratsmitglieder zusammengesetzt sein.«

Debatte

  • Beitrag von Josie M. aus J. (15. Juni 2019 um 17:55 Uhr)
    Ja, es erinnert alles zu sehr nicht nur an die Version des »Zwischenfalls« im Golf von Tonkin, mit der einer leichtgläubigen US-Öffentlichkeit eingeredet wurde, dass der Krieg gegen Vietnam zu befürworten sei, sondern an so viele andere US-Interventionen in aller Welt seit 1946, mit der sie ihre eigene »Prosperity« mehren und absichern wollten. – Danke übrigens für das heutige »Zitat des Tages«. Es macht Hoffnung.
    Insbesondere anlässlich von »9/11« 2001 tippten sich US-Intellektuelle wie Noam Chomsky, William Blum mit seiner Liste der US-Interventionen seit 1946, James Bamford, »Body of Secrets: Anatomy of the Ultra-Secret National Security Agency« (Doubleday, 2001, dt.: »Geheimsache: Anatomie der ultrageheimen nationalen Geheimdienste«), um nur wenige zu nennen, die Finger wund, um die Welt zu warnen.
    Bestens in Erinnerung sind den meisten von uns ja noch die »Fake News« zum Irak-Krieg.
    Und wie lange hatte es gedauert, bis durchsickerte, es zumindest im Internet bei Global Research nachzulesen war, welchen Beitrag die USA schon 1979 zum Ausbruch des Afghanistan-Kriegs 1980 geleistet hatten? – Auch bis »9/11« 2001.
    Wenn auch die britischen »Tories« die »Beweisvideos« für »glaubwürdig« zu halten scheinen, es bleibt zu hoffen, dass die EU diesmal aus ihrer Vasallentreue ausbricht.
    Josie Michel-Brüning, Wolfsburg-Vorsfelde

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Werner Hillenbrand: Wer einmal lügt … Wieder einmal betreiben die Kriegstreiber in der US-Regierung ein tödliches Spiel. Da soll der Iran verantwortlich für den Angriff auf zwei Tanker sein. Teheran bestreitet dies. Für mich stellt sich d...
  • Istvan Hidy: Kampf um den Petrodollar Die USA drohen mit Krieg, um die Ölversorgung »des Westens« zu schützen, aber schleichen sie nicht wirklich in den Krieg, um die Fortsetzung des Petrodollar-Systems zu gewährleisten? Wenn der Dollar s...
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