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Aus: Ausgabe vom 14.06.2019, Seite 16 / Sport
Freizeitsport

»Kolibri« vor Murano

Im DDR-Faltboot durch Venedig: die 45. Vogalonga
Von Matthias Krauß
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Große Schiffe raus aus Venedig!

Venedig. Wenige Tage vor der diesjährigen »Vogalonga« in Venedig rammte ein Kreuzfahrtschiff ein kleineres Boot. Der Schaden hielt sich in Grenzen, doch fühlten sich die bestätigt, die schon länger fordern: Lasst die großen Schiffe nicht mehr in die Lagune hinein!

An die 2.000 nur von Muskelkraft angetriebene Boote starteten dann am Pfingstsonntag bei der 45. Vogalonga (das heißt nicht die lange Woge, sondern das lange Ruder). Nach dem traditionellen Kanonenschuss um neun Uhr nahmen Kanus, Kajaks, Ruder- und Drachenboote aus ganz Europa, aber auch Übersee, den 30 Kilometer langen Kurs in Angriff. Für motorisierte Schiffe waren die Gewässer weiträumig gesperrt.

Schlagmann Eckart und ich hatten in meinem kleinen »Kolibri« aus der DDR-Faltbootproduktion keine Aussicht auf vordere Plätze – zu tief liegt das Faltboot im Lagunenwasser. Bei der »Konkurrenz« waren wesentlich leichtere, deshalb schnellere Boote im Gebrauch. Es fuhren aber auch – wie bei einem Seifenkistenrennen – die originellsten Kreationen mit. Vom Markusplatz ging es in die Inselwelt vor Venedig, vorbei an der weltberühmten Glasinsel Murano. Auf der Schlusspassage durch den Canale Grande wurden, vorbei an vielen »Raus mit den großen Schiffen«-Plakaten, letzte Kräfte mobilisiert. Wer das Ziel erreichte, bekam Urkunden und Medaillen ins Boot geworfen.

Ins Leben gerufen wurde die Vogalonga von Venezianern, die die Heimsuchung ihrer Stadt durch die Gigaliner der Tourismusindustrie nicht länger hinnehmen wollen. Sie haben nicht nur Schiffseigner und -betreiber gegen sich, sondern auch Italiener, die viel Geld mit den Touristenmassen verdienen. Die wollen keine »armen« Paddler, sondern reiche Gäste. Und so bleiben die Kanäle der Stadt bis auf weiteres an 364 Tagen im Jahr den teuren Gondeln für zahlungskräftige Kunden und den PS-starken Motorbooten vorbehalten, die für einen Wellenschlag sorgen, der die Stadt auf Dauer zu zerstören droht. Wo die Zukunft der »Perle an der Adria« liegt, ist bei der 45. Vogalonga klargeworden.

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