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Aus: Ausgabe vom 14.06.2019, Seite 10 / Feuilleton
Radio

Abrechnung mit Österreich. Das Thomas-Bernhard-Hörspiel »Morgen Augsburg!«

Von Stefan Amzoll
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Sind die heutigen Zustände weniger reaktionär?

»Schimpf und Schande über die Stadt«, grummelt Thomas Bernhard in der zehnten Hörspielminute, »mit ihrem Hochgebirgsstumpfsinn, ihren schlechten Würsten und Weinen«. Der Titel des neuen Stücks, »Morgen Augsburg!«, lässt wenig ahnen von der Bitterkeit, mit der darin über Alpenidylle, Seebäder, Burgendörfer, Waldsiedlungen und deren Bewohner hergezogen wird. Über Unterach, Chur, Trier, Altaussee, Dinkelsbühl, berüchtigt wegen eines verdrängten Verbrechens von 1944. Der akustische Ritt geht dann nach Osnabrück, Ludwigshafen, London oder Lissabon, wo die Krankheit regiere.

»Morgen Augsburg!« bündelt Sittenbilder aus Thomas Bernhards Stücken, Erzählungen und Briefen, verknappt und pointiert als Hörspielcollage. Die Einrichtung besorgte Ruthard Stäblein unter Verwendung von Thomas Bernhards »Städtebeschimpfungen« und einer Lesung des Autoren aus »Die Mütze« (1969).

Kurz vor seinem Tod 1989 erklärte Bernhard seinen Lesern: »Ab und zu gestatte ich mir noch eine Erregung, damit ihr nicht glaubt, ich bin schon tot.« Solche Erregung vervielfältigt das Radiostück, indem es die aufgezählten Bruchstücke zu einer Einheit schmiedet. »Morgen Augsburg!« ist am Ende eine Abrechnung mit dem reaktionären Österreich. Dreh- und Angelpunkt ist die »Städtebeschimpfung«. Der Text erinnert an Josef Bierbichlers Roman »Mittelreich« (2011) über österreichische Verdrängungsgeschichte. Oder an Peter Handkes »Publikumsbeschimpfung«, die Claus Peymann 1966 in Frankfurt am Main uraufführte und zum dauerhaften Skandalon machte. Die Zensurkeule wurde damals noch beherzter geschwungen, traf Bühne und Film, Konzert, Oper und Kabarett. Die Verhältnisse waren so, dass besseren Bürgern das Messer in der Tasche aufging, sobald nur die Namen Adenauer oder Globke fielen. Sind die heutigen Zustände weniger reaktionär?

Ähnlich die Situation in Österreich, das einst als Teil eines Großreichs Kriege mit Millionen Toten führte. Die Mahlströme dieses Imperiums wirken fort. Das Stück ruft solche Klänge herauf, zeigt an, was sich da einst versammelte und heute wieder laut brüllt. Die Straches und Gudenus’, Abkömmlinge der Typen, die das Hörspiel modellhaft vorführt, sind wieder wer, wenn auch angezählt. »Morgen Augsburg!« ist ein Tanz der allgegenwärtigen Gespenster und darum hochaktuell.

Wohin der Autors auch blickt, sein Urteil fällt niederschmetternd aus. Die Städte erscheinen ihm wie Ungeheuer. Unerbittlich und komisch, schamlos und vermessen: Die Welt ist heillos, die Menschen sind schlecht gemacht worden in dem, was herrscht. Bernhard, messerscharfer Analytiker der Verhältnisse, klagt keine Ideale ein, ist Realist, beschreibt den erreichten Grad der Depravation des Menschen und wo die Nester dafür liegen. Das Hörspiel veranschaulicht das radikal. In traditioneller Dramaturgie. Es braucht keine Modernismen der Sprech- und Klangproduktion.

»Morgen Augsburg!« lebt von den Stimmen Peter Simonischeks und Bernhards. In der Story, die er liest, findet ein Mann eine gewöhnliche Schildmütze, sucht emsig nach dem, der sie verloren haben könnte, kann den aber nicht finden. Wie sollte er auch, wo doch alle – die Bauern, die Holzhauer, die Fleischhacker und alle übrigen – , ein und dieselbe Schildmütze tragen. Das Ding, das er aufgesetzt hat, um es ringsum zu zeigen, lastet schwer, beherrscht ihn schon, überwältigt ihn. Eine Front von Schildmützenträgern steht da gegen die tragische, vergebliche Mühe eines Einsamen, Verzweifelten, der glaubt, es gäbe nur diese eine schmutzige, fettbeschmierte Mütze, die er dem Besitzer überbringen müsse. Das Hörspiel anzuhören, ist in diesen Tagen geradezu Bürgerpflicht: Die Ursendung kommt Sonntag nachmittag im Programm von HR 2 Kultur.

»Morgen Augsburg!«, Sonntag, 14.04 Uhr, HR2 Kultur

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