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Aus: Ausgabe vom 14.06.2019, Seite 10 / Feuilleton
Jazz

Nächster Halt Mars

Das war das Moers-Festival 2019
Von Jürgen Schneider
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Den Rettich zum Klingen bringen: das japanische Duo Akaten

Mit den virtuosen Saxophonläufen des kanadischen Musikers Colin Stetson ging am Pfingstmontag das Moers-Festival zu Ende. Stetson waren noch die Strapazen anzumerken, die sein Auftritt am Abend zuvor mit der grandiosen Band Ex Eye mit sich gebracht hatte. Die Klänge von Ex Eye zeichnen sich durch Komplexion und Dichte des Komponierten, durch einen ungeheuren Drive und eine unglaubliche Intensität aus. Ähnliche Qualitäten sind der Band Anguish eigen, die vor Stetson zu hören war und in der neben dem schwedischen Ausnahmesaxophonisten Mats Gustafsson der Drummer Andreas Werliin (beide Teil der schwedischen Freejazz-Combo Fire!), der Gitarrist und Keyboarder Mike Mare sowie der Sänger und Elektromusiker Will Brooks (beide von der HipHop-Crew Dälek) und last, but not least, der Keyboarder Hans-Joachim Irmler (von Faust) furios extemporierten.

Dadaistische Röchelvokale

Das Moers-Festival entstand vor fast 50 Jahren als Jazzfestival. Heute entzieht es sich einer einfachen Klassifizierung und nähert sich damit der Erfüllung des Anspruchs genuiner Musikalität, die sich in der Bereitschaft konkretisiert, sich mit dem noch nicht Eingeordneten einzulassen. Bei keinem anderen Festival dürfte sich eine Reihenfolge wie diese erleben lassen: Auf die Röchelvokalisen und spätdadaistischen Laute des fast 80jährigen englischen Gesangsmeisters Phil Minton folgten die slowenischen Multiinstrumentalisten der Neofolkband Širom, die ihre sylphidenhaften Weisen in der Natur einübten. Nach Širom ließen die Youngsters der Londoner Band Black Midi Gitarrengewitter und Feedbackgeräusche auf die Bühne krachen. Das von Midi-Mann Morgan Simpson bearbeitete Schlagzeug, so urteilte das Musikmagazin Pitchfork treffend, klinge, als werde Gepäck aus einem fahrenden Zug gefeuert. Dies allerdings mit äußerster Präzision und darin dem Drummer Christian Lillinger von der Combo DBLW ähnlich, der die Robotik in das Schlagzeugspiel einführte.

A propos Schlagzeuger: Einen ersten Höhepunkt hatte das Festival mit dem Auftritt des altgedienten Dresdner Schlagzeugers Günter »Baby« Sommer, des 95jährigen amerikanischen Saxophonisten Marshall Allen (Sun Ra Arkestra), des brasilianischen Spoken-Word-Artisten Rodrigo Brandão sowie des japanischen Noise-Fricklers Toshimaru Nakamura. Diese Viererbande führte vor Augen, wie ein gutes Kollektiv funktioniert – es bedarf starker, autonomer Individuen, deren Input das Kollektiv erst etabliert, wobei notwendigerweise auftretende Differenzen spielerisch aufgehoben werden. Immer dann, wenn die Klänge dieses internationalen Improvisationsquartetts zu harmonisch zu werden drohten, intervenierte Nakamura mit Dissonanzen aus seinem »no-input mixingboard«.

Klänge aus Japan waren einer der Schwerpunkte des Moers-Festivals. Unter dem Namen Akaten führten die Musiker Tatsuya Yoshida und Atsushi Tsuyama vor, wie es sich anhört, wenn Hosenstallreißverschlüsse geöffnet, Karotten und Rettiche gerieben, Eierschneider wie eine irische Harfe gespielt werden. Neben dem amerikanischen Trompeter Paul Evans, der seinem Instrument alle nur erdenklichen Töne zu entlocken weiß, sowie der deutschen Flötistin Josephine Bode überzeugten die beiden japanischen Spätdadaisten dann an der Gitarre und am Schlagzeug.

Fakewährung Dollar

Unter der Direktion des bereits genannten Marshall Allen spielte das Sun Ra Arkestra auf. Allen führt seit Sun Ras Tod im Jahre 1993 dessen Werk fort. Seit den 60er Jahren erkoren Sun Ra und sein Arkestra das All zu ihrem permanenten Wohnsitz – nächster Halt Mars. Sun Ra verstand sein Arkestra als Verbindung von Arche und Orchester. Die Musik wurde interplanetarisch und atonal. Sun Ra hatte seine exzentrische Big Band zu einem dem Experimentellen verpflichteten Improvisations- und Cosmic-Swing-Ensemble geformt, das es – wie in Moers zu erleben war – noch heute in Perfektion ist.

Auch Musik aus Brasilien wurde in Moers zu Gehör gebracht. Besonders einprägsam war die Darbietung von Tom Zé, der in den 90er Jahren von David Bowie gefördert worden war. Zé sagt von sich, er mache keine Kunst, sondern gesprochenen und gesungenen Journalismus. Sein »Musikstück für Intellektuelle« kennt nur die offenbar dem Qualitätsjournalismus entlehnten Wörter »Oh« und »Ah«. Zé nimmt die »einsame und traurige« Brigitte Bardot ins Visier: Ob wohl ein 20jähriger sie anrufen werde, wenn sie dabei sei, Selbstmord zu begehen? Den Dollar bezeichnet Zé als Fakewährung dieser Amerikaner, denen schon lange die Hosen runterrutschten. Den stramm rechten brasilianischen Staatspräsidenten Bolsonaro und dessen Kameraden nennt er nicht beim Namen, es ist aber klar, wer gemeint ist, wenn Zé singt: »Wir rösten uns den Arsch, und das Land zerfällt … Wir leben in Brasilien, aber Brasilien nicht mehr in uns.«

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