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Aus: Ausgabe vom 14.06.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Leben im Imperium

Armut in den USA

Überschuldung, keine Wohnung, sinkende Lebenserwartung: Ein Blick auf die Schattenseite des Wirtschaftsbooms in den Vereinigten Staaten
Von Simon Zeise
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Zukunftsaussichten für die Arbeiterklasse in den USA (Los Angeles, 26.5.2015)

Jubelmeldung aus dem Weißen Haus: Laut Daten des US-Arbeitsministeriums hätten sich die Lohnabhängigen in den Vereinigten Staaten im April über 7,4 Millionen offene Stellen freuen können. Seit über einem Jahr gebe es mehr angebotene Arbeitsplätze als Erwerbslose, teilte die US-Regierung am 10. Juni mit. Die Erwerbslosigkeit sei »immer noch nahe dem historischen Tief«.

Auch der Internationale Währungsfonds stimmte in den Chor ein. Die US-Wirtschaft werde in diesem Jahr »das längste Wachstum in der Geschichte verzeichnen«, sagte IWF-Direktorin Christine Lagarde am 6. Juni, anlässlich des IWF-Länderberichts zu den USA. »Die Arbeitslosigkeit ist seit Ende der 1960er Jahre nicht mehr zu beobachten, und die Löhne und Haushaltseinkommen steigen«, erklärte Lagarde überschwenglich. Der IWF geht deshalb davon aus, dass die Wirtschaftstätigkeit 2019 um 2,6 Prozent und im Jahr 2020 um 1,9 Prozent wachsen werde. Der Wachstumsprognose setzte sie noch einen drauf: Um 0,3 Prozent hob sie die Aussicht für die US-Ökonomie an.

Profitiert haben davon die wohlhabenden Schichten. Das Vermögen der US-Haushalte stieg im ersten Quartal 2019 auf einen Rekordwert, teilte die US-Notenbank Federal Reserve am 6. Juni mit. Das Nettovermögen der privaten Haushalte sei nach einem Rückgang von 3,7 Prozent in der Vorperiode um 4,69 Billionen US-Dollar oder 4,5 Prozent auf 108,6 Billionen US-Dollar gestiegen. Der Wert von Aktien, die direkt und indirekt von privaten Haushalten gehalten wurden, stieg gegenüber dem Vorquartal um 3,23 Billionen US-Dollar, die Immobilienpreise zogen um 387 Milliarden US-Dollar an.

Nach ihrer Jubelarie musste Lagarde kleine Einschränkungen vornehmen: »Wir sind jedoch besorgt darüber, dass die Vorteile dieser jahrzehntelangen Expansion im allgemeinen nicht so weitverbreitet waren, wie es hätte sein können.« Sehe man sich die sozialen Indikatoren genauer an, käme ein »herausforderndes Bild« zum Vorschein. So sei die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA in den letzten Jahren gesunken, die Einkommens- und Vermögenspolarisierung habe zugenommen, die soziale Mobilität sei stetig zurückgegangen, die Bildungs- und Gesundheitsergebnisse seien »suboptimal«, und obwohl die Armutsquote sinke, sei sie nach wie vor höher als in anderen Industrieländern.

Verbessert werden könnte die Lage für die Lohnabhängigen durch die Einführung eines bezahlten Familienurlaubs, die Ausweitung der Einkommenssteuergutschrift und die Unterstützung der arbeitenden Familien bei Kinderbetreuung und Pflege. »All dies würde den Familien eine Rettungsleine bieten und die soziale Mobilität unterstützen, indem es ihnen erleichtert wird, in die Arbeitswelt einzusteigen und eine erfüllende Karriere zu verfolgen,« sagte Lagarde.

Der IWF warnt zudem vor der rasant steigenden Zahl von Drogentoten: »Ich möchte auch die wichtige Arbeit hervorheben, die von Bund, Ländern und Kommunen zur Bewältigung der aktuellen Opioidkrise in den USA unternommen wird«, fügte Lagarde hinzu. Die Zahl der Menschen, die an einer Überdosis gestorben sind, ist in den USA von 4.000 Personen 1999 auf mehr als 72.000 Menschen 2017 angestiegen.

Über einen weiteren »beunruhigenden Trend« berichtete die Financial Times (FT) am 19 Mai. Viele Menschen, die sich nach dem Zusammenbruch des Hypothekenmarkts 2008 keine eigene Wohnung mehr leisten konnten, leben seither in Wohnwagensiedlungen. Die Haushalte, die in einem Heim auf Rädern wohnen, verfügen im Durchschnitt nur über ein Jahreseinkommen von unter 50.000 US-Dollar. Nun gerieten auch diese immer stärker ins Visier von Spekulanten. Große Private-Equity-Fonds wie The Carlyle Group, Blackstone und Apollo sowie andere große institutionelle Investoren wie der Pensionsfonds der Angestellten öffentlicher Schulen in Pennsylvania (PSERS) und der singapurische Staatsfonds GIC konzentrierten sich zunehmend auf Investments in Trailerparks. Die großen institutionellen Anleger hätten 2018 17 Prozent der Branchentransaktionen in Höhe von vier Milliarden US-Dollar getätigt, 2013 waren es mit 1,2 Milliarden US-Dollar noch neun Prozent.

Etwa 22 Millionen Menschen lebten in den Vereinigten Staaten in Wohnwagensiedlungen – ungefähr einer von 15 US-Amerikanern. Die meisten besitzen ihre mobilen Heime, mieten aber das Land, auf dem sie parken. Diese Flächen seien für Investoren »Cash Cows«, heißt es in der FT. Sie böten relativ starke und konstante Renditen von vier Prozent oder mehr – etwa das Doppelte der durchschnittlichen Rendite von US-Immobilieninvestmentfonds. Die Zahl der neuen Wohnwagen steige seit 2009 stetig an, was zum Teil darauf zurückzuführen sei, dass sich immer mehr Menschen in vielen städtischen Gebieten keine Wohnung mehr leisten können. Mittlerweile hätten sich in manchen Wohnwagensiedlungen die Preise binnen der vergangenen zwei Jahre um bis zu 15 Prozent verteuert. Dauercamper müssten umziehen oder könnten sich ihren Anhänger nicht mehr leisten. Das plötzliche Interesse der Wall Street an Wohnwagensiedlungen sei »gefährlich«, heißt es in der FT. Denn seit 2008 hätten zu viele US-Amerikaner zu hohe Kredite aufgenommen. »Zehn Jahre später haben wir immer noch einen dysfunktionalen Immobiliensektor, Finanzmärkte, die Anreize für Vermögensblasen bieten, und eine Öffentlichkeit, die von Aufsichtsbehörden und Politikern, die dies fortgesetzt haben, enttäuscht ist.«

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