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Aus: Ausgabe vom 14.06.2019, Seite 5 / Inland
Tierzucht

Kükenschreddern bleibt legal

Bundesverwaltungsgericht bestätigt Recht von Züchtern, männliche Hühnerbabys in Massen zu töten
Von Ralf Wurzbacher
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Protestaktion vor dem Verwaltungsgericht in Leipzig am Donnerstag

Das massenhafte Töten frisch geschlüpfter männlicher Küken in der Legehennenzucht bleibt vorerst gestattet. Nach einem am Donnerstag gefällten Grundsatzentscheid des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG) in Leipzig darf an der Praxis bis zur Einführung eines alternativen Verfahrens zur Bestimmung des Geschlechts der Tiere noch im Ei festgehalten werden. Weil mit der Marktreife dieser Technik »voraussichtlich in Kürze« zu rechnen sei, stellten die wirtschaftlichen Interessen der Brüterbetriebe weiterhin einen »vernünftigen Grund« für das systematische Vernichten neugeborenen Lebens dar, schrieben die Richter in der Urteilsbegründung. Umwelt- und Tierschutzverbände reagierten gestern mit Unverständnis auf den Beschluss.

In dem mündlichen Verfahren wurden zwei Fälle aus Nordrhein-Westfalen behandelt. 2013 wollte die damals amtierende Landesregierung aus SPD und Grünen das Vorgehen per Erlass mit dem Argument stoppen, dass damit gegen das im Tierschutzgesetz festgelegte Verbot verstoßen werde, einem Tier ohne »vernünftigen Grund« Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Zwei Unternehmen strengten Klagen an und erhielten in den Vorinstanzen recht. Zuletzt hatte das Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster im Mai 2016 befunden, die ökonomischen Erwägungen würden schwerer wiegen als das Bedürfnis der Tiere nach Unversehrtheit.

In Deutschland werden jährlich schätzungsweise bis zu 50 Millionen Küken aufgrund fehlender Verwertbarkeit unmittelbar nach dem Schlüpfen umgebracht, in der Europäischen Union dürften es insgesamt rund 300 Millionen sein. Profit versprechen allein die weiblichen Nachkommen, die es im Schnitt auf 300 Eier pro Jahr bringen, bis sie nach 15 bis 18 Monaten getötet werden und allenfalls noch als Suppenhuhn in der Fleischtheke enden. Ihre Brüder werden dagegen direkt nach der Geburt als sogenannte Eintagsküken entweder mit Kohlendioxid begast oder in großen Häckslern geschreddert. Obwohl gesetzlich zulässig, kommt diese vielfach skandalisierte Methode hierzulande wohl nur noch in Ausnahmefällen zur Anwendung.

Erwartungsgemäß hat der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) den gestrigen Richterspruch begrüßt. Im Vorfeld hatte dieser den Teufel an die Wand gemalt und vor schlimmen Folgen für die hiesige Eierwirtschaft gewarnt. Die Betriebe wollten ohnehin vom Kükenmorden Abstand nehmen, allerdings erst, wenn es eine praxistaugliche Alternative gebe und dazu noch mehrjährige Übergangsfristen gewährt würden. Allerdings ist das durch die Bundesregierung geförderte Verfahren der Geschlechtserkennung im Ei umstritten. Die Forschung schließt nur bis zum siebten Bruttag aus, dass das Embryo Schmerz empfinden kann. Mit dem bislang am weitesten fortgeschrittenen Seleggt-Verfahren wird das Geschlecht aber erst zwischen dem achten und zehnten Bruttag bestimmt. Deshalb lehnt etwa der Deutsche Tierschutzbund die Technik ab.

Kritik am Urteil übte gestern auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). In einer Pressemitteilung forderte Agrarexpertin Katrin Wenz ein »grundsätzliches Umdenken in der Geflügelwirtschaft« und warb für die Umstellung auf sogenannte Zweinutzungslinien. Damit sind Rassen gemeint, die sich sowohl zur Eier- als auch zur Fleischproduktion nutzen lassen. Forschungsergebnisse zeigten, dass diese Hühner entspannter in Gruppen lebten, gesünder seien und weniger Medikamente benötigten, erläuterte Wenz.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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