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Aus: Ausgabe vom 14.06.2019, Seite 5 / Inland
Union Busting

Arbeiterblues bei VW

Autokonzern verhindert offenbar Wahl von Betriebsrat im US-Bundesstaat Tennessee. Gewerkschaftsvertretern Zugang zum Werk verweigert
Von Daniel Behruzi
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Beschäftigte im VW-Werk in Chattanooga schrauben Autos vom Typ Passat zusammen (21.2.2012)

Hierzulande gilt Volkswagen als sozialpartnerschaftliches Vorzeigeunternehmen – von Lustreisen für Betriebsräte und einer möglichen Überbezahlung führender Belegschaftsvertreter einmal abgesehen. Doch in den USA macht der Wolfsburger Konzern offensichtlich gern von den dort üblichen Methoden des »Union Busting« Gebrauch, der systematischen Verhinderung gewerkschaftlicher Organisierung.

Das VW-Werk in Chattanooga, Tennessee, sei neben den Werken in China der einzige Konzernstandort, an dem es keine gewerkschaftliche Interessenvertretung gebe, kritisierte der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann am Mittwoch in einer Pressemitteilung. Ob sich das ändert, wird sich bald entscheiden. Denn bis zum heutigen Freitag stimmen die rund 1.700 wahlberechtigten Beschäftigten der Fabrik darüber ab, ob sie von der US-Automobilarbeitergewerkschaft UAW vertreten werden wollen. Laut Medienberichten versucht das VW-Management allerdings immer noch, ein positives Ergebnis zu verhindern.

Die UAW ist an den traditionellen Automobilstandorten im Norden der USA gut organisiert, konnte im gewerkschaftsfeindlichen Süden bislang aber kaum Fuß fassen. Wo auch immer die Arbeiter versuchen, eine gewerkschaftliche Vertretung zu schaffen, beginnen reaktionäre Lobbygruppen und konservative Politiker mit Einschüchterungskampagnen. Dieses Vorgehen war auch in der einzigen Fabrik des deutschen VW-Konzerns in den USA bislang erfolgreich. 2014 scheiterte die UAW knapp bei einer Abstimmung im Werk, die nach US-amerikanischem Arbeitsrecht nötig ist. Als sich im Dezember 2015 mehr als 70 Prozent der Beschäftigten in der Instandhaltung für Gewerkschaft und Tarifverträge aussprachen, blockierte VW die Umsetzung auf juristischem Weg.

Vor der jetzigen Wahl erklärte das Unternehmen, es sei »neutral« und respektiere das Recht der Beschäftigten, selbst über eine gewerkschaftliche Interessenvertretung zu entscheiden. Hofmann zufolge wurde die verkündete Neutralität »in der Vergangenheit allerdings vielfach unterlaufen«. So seien antigewerkschaftliche Flugblätter im Werk verteilt worden, Vorgesetzte hätten darum gebeten, dem Management eine Chance zu geben, die Probleme ohne die Gewerkschaft zu lösen. »Wir haben das Unternehmen auf diese Verstöße gegen die Compliance-Regeln aufmerksam gemacht, und das Unternehmen hat zugesichert diese abzustellen«, so der IG-Metall-Chef.

Doch auch die mächtige IG Metall wird von den VW-Bossen offenbar hinters Licht geführt. Darauf deuten jedenfalls Ereignisse kurz vor und während der Wahl in Chattanooga hin. So wurde dem vom Weltkonzernbetriebsrat entsandten Wahlbeobachter Johan Järvklo der Zutritt zum Werk verweigert. Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh erklärte, er habe dafür kein Verständnis. »Johan Järvklo ist Generalsekretär des Weltkonzernbetriebsrats und Mitglied des VW-Aufsichtsrates. Er ist außerdem sehr erfahren beim Thema innerbetrieblicher Wahlen und darum ein wertvoller Ratgeber. Wir fordern das Unternehmen auf, sich bei diesen demokratischen Wahlen endlich neutral zu verhalten, wie es zugesagt wurde«, so Osterloh gegenüber den Wolfsburger Nachrichten (Donnerstagausgabe).

Laut einem Bericht im US-Gewerkschafterforum »Labor Notes« passt das Vorgehen ins Bild. Demnach versuchte der örtliche Werkleiter Frank Fischer am Montag, die Beschäftigten auf zwei Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht von einem positiven Votum abzuhalten. Nach Teilnehmerangaben stellte er unter anderem die Gewerkschaft als »von außen« kommend dar. »Glauben Sie, dass eine Gewerkschaft, die Anzeigen mit der Vorwahl 313 veröffentlicht, sich wirklich dafür interessiert, was mit uns hier im Süden geschieht?« sagte der Manager dem Bericht zufolge »mit starkem deutschen Akzent«. 313 ist die Vorwahl von Detroit, dem Sitz der UAW. Die Autoren von »Labor Notes« führen diese – aus dem Mund eines deutschen Managers geradezu groteske – Rhetorik auf die Beratung von Littler Mendelson zurück, einer auf »Union Busting« spezialisierten Großkanzlei.

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