Gegründet 1947 Donnerstag, 20. Juni 2019, Nr. 140
Die junge Welt wird von 2198 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 14.06.2019, Seite 2 / Inland
Deutsche Armee wirbt um Nachwuchs

»Hunger nach immer neuen Rekruten wächst«

»Tag der Bundeswehr« am Sonnabend. Kriegsgegner protestieren gegen PR-Show und Anwerbung von Jugendlichen. Gespräch mit Hannes Draeger
Interview: Markus Bernhardt
Tag_der_Bundeswehr_53709209.jpg
Wenn Militärmanöver zur Show werden: »Tag der Bundeswehr« im brandenburgischen Storkow (10.6.2017)

An diesem Sonnabend findet an insgesamt 14 Bundeswehrstandorten in der BRD der fünfte »Tag der Bundeswehr« statt. Unter dem Leitmotiv »Willkommen Neugier« lädt die deutsche Armee erstmals an ihren Standort in Münster ein. Werden Sie die Möglichkeit nutzen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen?

Nein, wir haben eine Protestveranstaltung am Eingang der Kaserne angemeldet. Ich empfinde tiefe Abscheu gegen die Zurschaustellung von Mordwaffen und darüber, wie versucht wird, Jugendliche damit zu beeindrucken. Es ist kein Zufall, dass sich Inszenierungen wie der »Tag der Bundeswehr« häufen. Unter der Schröder-Fischer-Regierung wurde die Bundeswehr zu einer weltweit agierenden Interventionsarmee umgebaut. Es vergeht mittlerweile kaum ein Monat, in dem der Bundestag keine neuen Auslandseinsätze der Bundeswehr beschließt oder bestehende Einsätze verlängert. Damit wächst auch der Hunger nach immer neuen Rekruten.

Wie erfolgreich ist die Armee dabei aus Ihrer Sicht?

Allein am Standort Münster werden für den »Tag der Bundeswehr« 200.000 Euro ausgegeben. Das musste die Regierung auf Nachfrage unseres Bundestagsabgeordneten Hubertus Zdebel, Die Linke, zugeben. Die Armee tut das nicht, weil sie Spaß an Volksfesten hat, sondern weil sie sich davon etwas verspricht. Entgegen gängiger Klischees ist die Jugend hierzulande bisher alles andere als kriegsbegeistert. Die Zahl junger Anwerber geht bei der Bundeswehr tendenziell zurück, die Abbrecherquote im ersten Ausbildungsjahr ist hoch. Es müssen im wahrsten Sinne des Wortes schwere Geschütze aufgefahren werden, um Jugendlichen den Soldatenberuf schmackhaft zu machen.

Stichwort »schwere Geschütze«: In der Münsteraner Lützow-Kaserne gewährt die Bundeswehr Einblick in den Spitzensport der Truppe, bietet kulinarische Kostproben der Spitzenköche der »Kochnationalmannschaft« an und erläutert, wie sie zum aktiven Umweltschutz beiträgt. Was fällt Ihnen dazu ein?

Die Bundeswehr versucht, sich ein harmloses Mäntelchen umzuhängen, indem sie Multiplikatoren aus anderen gesellschaftlichen Bereichen für sich einspannt. Die Menschen sollen bei der Bundeswehr nicht an den Bombenterror gegen Belgrad oder das Massaker von Kundus zurückdenken, sondern mit ihr vermeintlich fortschrittliche Ziele verbinden. Dass die Bundeswehr sich nun sogar als Umweltschutzorganisation inszeniert, hätte sich George Orwell nicht besser ausdenken können. Dabei ist Krieg selbst die schlimmste Form der Umweltzerstörung.

Der »Tag der Bundeswehr« ist für Sie demzufolge nur Teil eines großen PR-Konzeptes?

Ganz richtig. Die Normalisierung des Krieges nimmt für das deutsche Establishment in Krisenzeiten eine zunehmend wichtige Rolle ein. Denn noch immer existieren Hindernisse für den deutschen Imperialismus, so zu agieren, wie er es gerne hätte. Nach wie vor gibt es in der Bevölkerung klare Mehrheiten gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Man hofft, mit solchen Großmanövern die Menschen schleichend für Kriegseinsätze zu begeistern.

Die Bundeswehr rechnet am Sonnabend mit insgesamt über 12.000 Besucherinnen und Besuchern. Wie erklären Sie sich das Interesse? Warum scheinen so viele die Werbestrategie der Armee nicht zu durchschauen?

Das Problem ist, dass die Gegenargumente zum »Tag der Bundeswehr« wenig verbreitet sind. Ein Grund dürfte in der momentanen Schwäche der Friedensbewegung liegen. Der zweite Grund ist die einseitige Berichterstattung der Mainstreammedien. Nur ein Beispiel aus Münster: Unsere einzige Lokalzeitung, die Westfälischen Nachrichten, hat unseren Aufruf zum Protest bisher nicht erwähnt, während die Armee ihren »Tag der Bundeswehr« dort ausführlich vorstellen durfte.

Wie wollen Sie potentielle Besucher am Sonnabend von Ihren Argumenten überzeugen?

Wir werden mit einem alternativen Bühnenprogramm, Plakaten und Transparenten am Eingang der Kaserne stehen. Unser Ziel ist es, deutlich zu machen, welche wirklichen ­Interessen und Motive hinter dem »Tag der Bundeswehr« stehen. Dazu ist jeder und jede eingeladen, sich zu beteiligen.

Hannes Draeger ist Mitglied im Kreisvorstand der Partei Die Linke in Münster und aktiv in der Friedenskooperative Münster

Protest »Kein Tag der Bundeswehr« am Sonnabend, 10 Uhr, am Eingang der Lützow-Kaserne in Münster-Handorf

Siehe auch: keintagderbundeswehr.dfg-vk.de

Ähnliche:

  • Horror für Friedensfreunde: Dreijähriger mit Milan-Waffensystem ...
    13.06.2019

    Volksfest für Schießfreudige

    Protestaufrufe gegen »Tag der Bundeswehr«: Armee bildet Polizisten an Kriegswaffen aus und wirbt mit Hüpfbürgen um Sympathie in der Bevölkerung
  • Die Bundeswehr fährt vor: Szene vor dem Ford-Werk in Köln (4.4.2...
    03.06.2019

    Spiel mit der Angst

    Bundeswehr: Verteidigungsministerium rechtfertigt Anwerbeaktion bei Ford und VW. Linkspartei kritisiert »geschmacklose« Kampagne