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Aus: Ausgabe vom 14.06.2019, Seite 1 / Kapital & Arbeit
Studie

Geschäft mit prekärer Arbeit boomt

Sachgrundlose Befristung in BRD auf Rekordhoch. Unternehmer profitieren von Teilzeitbeschäftigung
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Arbeiter bei Mercedes-Benz fordern gleiche Bezahlung für befristet Beschäftigte (Sindelfingen, 24.2.2011)

Die Zahl der befristeten Jobs in Deutschland ist 2018 auf ein neues Rekordhoch gestiegen. Insgesamt seien im Vorjahr 3,2 Millionen oder 8,3 Prozent aller Beschäftigten nur zeitlich befristet beschäftigt gewesen, geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor.

Wie schon in früheren Jahren »erfolgten mehr als zwei von fünf Einstellungen zunächst auf Basis befristeter Verträge«, berichtete Studienautor Christian Hohendanner. Den größten Teil davon – 1,8 Millionen Stellen – machen Jobs aus, die Chefs ohne Angaben von Gründen von vorneherein befristet hatten. Dies ist im Vergleich zu 2017 ein Plus von 14 Prozent. Diese sogenannten sachgrundlosen Befristungen kletterten damit zugleich auf das höchste Niveau seit Erfassung der Daten, erläuterte das Institut der Bundesagentur für Arbeit (BA) unter Berufung auf eine jährlich wiederholte Betriebsbefragung.

Die Entwicklung steht damit im Widerspruch zu dem im Koalitionsvertrag vereinbarten Ziel der Bundesregierung, sachgrundlose Befristungen künftig einzuschränken. Die Arbeitsmarktforscher vermuten, dass es vor allem rechtliche Gründe für den Boom gibt. Viele Unternehmen wählten offenkundig diese auf zwei Jahre begrenzte Variante, weil sie damit das Risiko einer rechtlichen Anfechtung sicher ausschlössen.

Die Löhne in der Europäischen Union sind im vergangenen Jahr nur minimal gestiegen. In den Ländern der Wirtschaftsunion gab es einen Reallohnzuwachs von im Schnitt 0,9 Prozent, 2019 wird mit einem Anstieg von rund einem Prozent gerechnet, wie der am Donnerstag veröffentlichte »Europäische Tarifbericht« der Hans-Böckler-Stiftung ergab. Die Spannbreite der durchschnittlichen jährlichen Entgelte, also der Löhne plus der Beiträge der Unternehmer zur Sozialversicherung, sei indes weiterhin groß. Deutschland belege mit im Schnitt 43.000 Euro Platz zehn, der EU-Durchschnitt betrage 38.400 Euro. Grund für diese Plazierung seien vor allem Teilzeitbeschäftigungen mit geringer Stundenzahl, die in der Bundesrepublik häufiger vorkämen als im EU-Durchschnitt. (dpa/AFP/jW)

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