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Aus: Ausgabe vom 15.06.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Wenn es Zeit wird

Von Pierre Deason-Tomory
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Simon geht den Steindamm entlang, den Mantelkragen hochgeklappt. Es ist recht windig, gelegentlich weht es ihm vereinzelte Regentropfen ins Gesicht. Er biegt in die Böckmannstraße ein und betritt den Friseurladen »Bizim Berber«. Aidin begrüßt ihn breit lachend, wie an jedem anderen zweiten Dienstag um 19 Uhr, und nimmt ihm Mantel und Jackett ab.

Simon legt die Brille auf die Anrichte vor dem Friseurspiegel und lässt sich die kurzen, fast weißen Haare schneiden und Aidin erzählt ihm seinen neuesten Lieblingswitz. Wie meistens ist es derselbe wie 14 Tage davor. Simon guckt blind in den Friseurspiegel und fragt Aidin, ob seine weggelaufene Frau inzwischen wiedergekommen sei. Ist sie! Doch schon lange wieder! – Ey! Der Loser hat gar keine Frau, Mann! Der hat Puppe und is’ schwul!, ruft Aidins junger Kollege. Aidin lacht. Simon setzt die Brille auf, mustert sich und stellt zufrieden fest, dass alles so ist wie sonst. Er zieht sein Jackett wieder an, lässt sich in den Mantel helfen und bezahlt. Bar.

Er geht zurück zum Steindamm, inzwischen ist es fast stürmisch, der Regen kommt Simon in dichten Stößen entgegen. Er betritt die Bar, sehr schick, aber eher nüchtern als mondän möbliert, viel dunkles Holz und etwas Chrom, sie passt nicht in die Gegend. Als sie vor fünf Jahren eröffnet wurde, hatte er noch die Nase gerümpft, die Gentry mag die Gentrifizierung nicht. Inzwischen ist er jede Woche einmal hier und nach dem 14-Tage-Friseur­termin bei Aidin immer.

Hinter dem Tresen Barkeeper. Er hat keinen Namen, die Gäste nennen ihn einfach Barkeeper. Er ist wohl nach Aussehen eingestellt worden, über 1,90 groß, tiptop livriert, Dressmanfigur, dichtes schwarzes Haar mit grauen Schläfen, ausdrucksloses Gesicht. Alter unklar, vielleicht fünfzig, also etwa fünf Jahre älter als Simon. Er ist ein Barkeeper wie aus dem Film. Vornehme Haltung, überhaupt nicht servil, weiß immer, wann er sprechen und wann er schweigen soll, kein Dialekt. Simon hat viele Stunden an seiner Bar gesessen, sich manchmal mit ihm unterhalten, ihn aber nie ausgefragt. Auch von sich hat Simon Barkeeper noch nie etwas erzählt.

Er erzählt nicht gerne von seinem Leben. 44 Jahre alt, geschieden, keine Kinder, keine Eltern mehr, zwei Schwestern, die leben in Berlin, wenig Kontakt mit ihnen. Mit 15 war er Kinderdarsteller im Fernsehen, mit 20 Schauspielstudent, mit 25 hatte er einen mittleren Durchbruch auf einer damals sehr angesagten Bühne in NRW. Mit 16 Haschisch, mit 20 Alkohol, mit 25 Alkohol, Speed und Kokain. Es folgten Ausfälle bei Auftritten, Textfindungsstörungen, er ließ Engagements platzen und fand mit 30 keine Arbeit mehr.

Eines mittags wurde er in seiner verdreckten Einzimmerwohnung wach und starrte an die Decke, anstatt aufzustehen. Er hätte sich beeilen müssen, ein kleiner Job, Werbespot einsprechen in einer Klitsche, 100 Mark, demütigend. Er konnte nicht mehr. Er ging ins Badezimmer, steckte sich den Finger in den Hals, suchte eine neue Rasierklinge, fand sie, rasierte sich und verließ das Haus. Er ging in ein Internetcafé, verfasste ein Exposé und druckte es zehn Mal aus. Er ging zu seinem Dealer, lieh sich dreihundert Mark, um sich Schuhe, eine Hose und ein Hemd zu kaufen, und nahm ein Gramm Koks mit. Er ging zur U-Bahn, blieb plötzlich stehen, nahm das kleine Kuvert mit dem Kokain und warf es auf die Schienen. Dann kam der Zug, er stieg ein und fuhr weg. Drei Tage später hatte er eine erste Verabredung. Eine Woche später war er im Beratergeschäft. Ein Jahr später zog er in eine Vierzimmerwohnung nach Hamburg-St. Georg um.

Simon legt den Mantel ab und setzt sich an den Tresen. Barkeeper blickt Simon kurz an und stellt ihm eine Karaffe mit Primitivo und eine mit Wasser hin. Und einen Aschenbecher. Simon greift ins Jackett und ärgert sich, er hat seine Zigaretten vergessen. Das ist schlecht. Er raucht ohne Filter. Hier gibt es nur Filterzigaretten im Automaten. Barkeeper bringt ihm Gauloises und Streichhölzer, eine Zigarette guckt aus der geöffneten Schachtel hervor. Simon nimmt sie heraus, zündet sie an, zieht einmal, macht ein nachdenkliches Gesicht und zerdrückt sie im Aschenbecher.

Weiter vorne in der Bar, rechts vom Eingang, sitzt ein jüngeres Pärchen, es liegt eine Packung Drehtabak auf dem Tisch. Simon geht hinüber, bittet darum, sich eine drehen zu dürfen. Er bedankt sich, geht zurück zum Tresen und bittet Barkeeper, den beiden etwas zu bringen. Irgendwas, was sie sonst auch bestellen.

Die Tür geht auf. Simon kümmert sich nicht darum, er sitzt mit dem Eingang im Rücken und dreht sich nicht um. Er trinkt seinen Wein und denkt nach. Ziellose Gedanken, wie immer in der Bar, solange der Alkohol noch nicht wirkt. Er hat sich damals das Schnupfen und das Saufen abgewöhnt, inzwischen trinkt er nur noch ab und an, damit seine ziellosen Gedanken gelegentlich ins Leere entweichen können.

Jetzt spürt er den Primitivo im Magen und hat sofort heftiges Verlangen nach einer weiteren Zigarette. Er blickt zum Tisch mit den beiden jungen Leuten, will sie aber nicht ein zweites Mal um Tabak angehen. Da sieht er nicht weit von sich am Tresen eine, oh, schöne! Frau, sie muss erst gekommen sein. Sie sitzt auf dem Barhocker, trägt einen grauen Stoffrock über dunklen Strumpfhosen, darüber einen merkwürdig hellblauen Pullover, merkwürdig schön, er mag hellblau nicht. Sonst. Sie sitzt wirklich sehr anmutig auf dem Barhocker, ihr Kopf leicht geneigt, kurzes brünettes Haar und solche Grübchen! Ihre Augen, schöne Augen, blicken auf die Zigarette in ihrer Hand, während sie den Rauch ausatmet. Sie dreht den Kopf zu Simon, sieht ihn an, die schönen Augen haben kleine Fältchen, ihr Mund deutet ein Lächeln an und sie reicht ihm eine Schachtel F6.

Simon ist berührt. Die schöne Frau berührt ihn. Das ist ungewöhnlich, er lebt seit Jahren zölibatär, hat jeden Sinn für die Liebe verloren. Früher hatte er geliebt und gelitten und leiden lassen. Nicht, weil er andauernd seine Frauen betrogen hätte, nein, er hatte sie schlecht behandelt, alle, und sich gehasst dafür. Vor einigen Jahren war er das letzte Mal von einer Frau weggegangen. Sie war schön, sie war hinreißend, sie war begehrenswert, und er stand da in ihrem Schlafzimmer, gestiefelt und im Mantel, und er sollte endlich das Zeug ausziehen und ins Bett kommen, und er hatte sich umgedreht und die Wohnung und die Frau verlassen, und das Thema Liebe war für ihn seitdem beendet.

Die Frau reicht ihm die Schachtel und sieht ihn an. Er steht auf, geht zwei Schritte zu ihr und nimmt sich eine F6 heraus. Er bricht den Filter ab und zündet die Zigarette mit ihrem Feuerzeug an. Dann setzt er sich wieder. Erst bei der zweiten Zigarette aus ihrer Schachtel sitzen sie nebeneinander. Sie reden gelegentlich zwei, drei Sätze, Unwichtiges. Schön. Sie verraten nichts von sich, stellen abwechselnd kleine Sätze in den Raum zwischen sich, schöne Sätze, sie sprechen sie wie Wolken. Ihre Stimme ist warm, dunkel, ihre Augen sind fast schwarz und malen ihn. Sie trinken weiter, sie bieten sich gegenseitig Zigaretten aus ihrer Schachtel an, Barkeeper steht am anderen Ende des Tresens und poliert Gläser, die anderen Gäste gehen.

Die Frau winkt Barkeeper und bezahlt. Für beide. Simon sieht ihr dabei zu, als wenn er Salome beim Tanzen bewundern würde, steht dann auf und reicht ihr das kurze Jäckchen. Barkeeper bringt sie zur Tür, er hatte nur auf die zwei gewartet, er wird die Bar jetzt schließen.

Sie gehen zu ihr, umarmen sich dabei fest und halten gemeinsam gegen den steifen Wind und den prasselnden Regen. Sie wohnt nicht weit, Gründerzeithaus, ein etwas ramponierter Aufgang, unter dem Dach ihre Wohnung. Simon versucht, sich nicht auffällig umzusehen und tut es doch. Eine ungewohnte Situation, er war schon lange nicht mehr bei einer Frau gewesen, und früher war er ohnehin lieber zu sich als zu einer Sie gegangen, aber gut: Die Wohnung ist nicht groß, eigentlich nur ein geräumiges, verschnittenes Zimmer, sparsam möbliert und chaotisch. Überall liegen Sachen herum, ein Toaster steht neben dem Sofa, eine tote Ratte darin, ein großes, zerwühltes Bett quer im Zimmer; Hunderte von ganz kleinen bis größeren Fotografien und Bildern sind an die Wand gepinnt, dazwischen eine strangulierte Puppe mit verwischter Wimperntusche im Puppengesicht; ein Schreibtisch mit Rechner, eine Staffelei, eine Pistole.

Er setzt sich auf das Sofa neben dem Toaster. Er wird müde. Sie zündet eine abgebrochene F6 an und gibt sie ihm. Sie schenkt ein Glas Wein ein und stellt es vor ihn auf den gläsernen Tisch. Er macht es sich auf dem Sofa bequem und zieht an der Zigarette. Sie sagt, ich bin gleich wieder da, und verlässt den Raum. Er zieht an der Zigarette, sein Blick wandert durch diese Landschaft voller Dinge und Bilder. Er lächelt und schläft ein.

Simon wird langsam wach. Vor seinen Augen schwimmt ein unklares Bild. Er reibt sich das Gesicht und schüttelt den Kopf. Er blickt sich um: Er sitzt in der Bar; nicht mehr am Tresen, sondern an einem der Tische, vor einem leeren Weinglas. Vor ihm steht Barkeeper. Barkeeper trinkt nicht und raucht nicht, er sieht Simon mit seinem ausdruckslosen Gesicht an und wartet, dass er wach wird. Jetzt ist Simon wach. Er bittet Barkeeper um ein Glas Wasser. Barkeeper sagt nichts und nimmt Simons linken Arm, krempelt seinen Jackettärmel hoch, bindet den Arm ab, setzt eine Spritze an. Simon sieht ihm dabei zu. Barkeeper tupft die Einstichstelle ab und Simon krempelt den Ärmel wieder herunter. Dann fragt er Barkeeper nach einer Zigarette.

Er gibt sie ihm und sagt: Das ist Deine letzte, wir müssen jetzt langsam gehen.

Nein … Müssen wir? Wohin?
Ich bringe Dich zurück ins Glück.
Ich war nie glücklich.
Das weißt Du nicht.

Nein, bring mir noch ein Glas Wein.
Es ist Zeit, wir müssen jetzt gehen.
Nein. Bring mir ein Glas Wein und wir spielen drum, ob wir jetzt gehen.
Um was?
Ob wir jetzt gehen.
Was spielen wir?
Weiß nicht, eine Partie Schach?
Eine Partie Schach.

Barkeeper holt das Spiel, baut auf, lässt Simon beginnen. Er spielt so schlecht wie immer. Nach sieben Zügen ist Simon kurz vor Schachmatt – aber Barkeeper dreht das Spielbrett um. Simon lacht, zieht einen Läufer vor, Barkeeper legt seinen König um. Und fragt: Noch eins? Sie spielen noch eine Partie. Nach fünf Zügen dreht Barkeeper wieder das Brett, Simon zieht, Barkeeper verliert. Noch eins? Simon will eine Zigarette, einen Wein und ein Glas Wasser. Barkeeper schüttelt den Kopf, baut das Spiel auf, lässt Simon beginnen, dreht nach drei Zügen das Brett um, Simon wendet erstmals in seinem Leben den Schäferzug an und gewinnt wieder.

Barkeeper steht auf und zieht seinen Mantel an. Er dreht sich zu Simon und grüßt mit dem Hut in der Hand.
Wo gehst Du hin?, fragt Simon.
Zu denen, die soweit sind.

Simon steht auf. Nimmst Du mich mit?
Ich kann Dich nicht mitnehmen, ich kann Dich nur hinbringen.
Na gut, dann bring mich hin.
Warum? Du musst nicht. Du hast gewonnen, Simon. Drei Mal.
Simon sagt nichts mehr.

Barkeeper reicht Simon den Mantel. Sie gehen durch die Tür, Barkeeper schließt ab. Sie treten auf die Straße. Der Wind ist still geworden, am Himmel sind Sterne, aber kein Mond. Simon fühlt sich leicht, sie gehen den Steindamm entlang, die Häuser verschwinden nach links und rechts, der Horizont kippt nach vorne.

Pierre C. Deason-Tomory, geboren 1969, lebte in Weimar. Nach dem Schulabbruch war er Redakteur, Moderator und Formatschwein bei DT 64 und elf anderen Radiostationen, Arbeiter in einer US-amerikanischen Textilfabrik, Buchhalter in einer türkischen Baufirma, Callcenterboy in einem Berliner Umfrageinstitut und Bulettengrillmeister in Hamburgerbuden. Außerdem: Einheitssozialist, Wehrdienstdrückeberger, notorischer Betriebsratsgründer, Aktivist und Funktionär in der DKPPDSSPD. Heute ist er Hersteller ungereimter Dichtungen. Zuletzt erschien auf diesen Seiten am 8./9. September »Saupreußenkindheit. Land der Bayern – Heimat, Fremde, Vaterland«.

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