Der Schwarze Kanal
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08.06.2019, 20:15:22 / Feuilleton

»Nie wieder Schweigen!«

Das vierte und letzte Podium der Künstlerkonferenz befasste sich mit Erinnerungskultur.
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Rolf Becker

Das vierte und letzte Podium der Künstlerkonferenz befasste sich mit Erinnerungskultur. Überlieferung müsse gegen den Konformismus erkämpft werden, meinte Schauspieler Rolf Becker in der Anmoderation im Rückgriff auf Walter Benjamins »Über den Begriff der Geschichte« (1940): »Auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.«

Ihr gefriere »das Blut in den Adern« angesichts dieser Siege, leitete Moderatorin Susann Witt-Stahl über. Die Chefredakteurin der Kulturzeitschrift Melodie & Rhythmus fragte die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano, wann sie sich heute an die Zeit des Faschismus erinnert fühle. Es gebe viele Parallelen, sagte die 94 Jahre alte Musikerin. Auch damals seien viele Flüchtlinge überall auf der Welt abgewiesen worden. Bejarano erinnerte an Schiffe mit jüdischen Menschen, die Häfen in Amerika abklapperten, bevor sie zurück nach Deutschland mussten und im KZ ermordet wurden. »Und wenn ich diese Nazis sehe, die in diesem Land hier marschieren dürfen, mit Hitlergruß, und ihre menschenverachtende Ideologie groß rausposaunen, dann kann ich einfach nicht begreifen, dass unsere Regierung dem nicht ein Ende macht.«

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Moshe Zuckermann und Esther Bejarano

Viele Leute hätten im Faschismus geschwiegen. Ihre Befürchtung sei, dass die Menschen heute wieder schweigen und sich einfach nicht wehren. Witt-Stahl wandte sich daraufhin an den österreichischen Schriftsteller Erich Hackl, fragte nach dem rechten Konsens in seinem Land und zitierte kommentierend Thomas Bernhard: »Wenn man die Gemeinheit der Leute mit der Schönheit der Landschaft verrechnet, kommt man auf Selbstmord.« Hackl konstatierte zunächst, »dass Thomas Bernhard nicht gerade einer war, der die Verhältnisse in Österreich durchschaut hat«. Er sei vielmehr »wie der Igel im Märchen eh immer schon da (gewesen): Schau! Ist eh alles beschissen!«

Ihm selbst, also Hackl, gehe es viel konkreter um bewahrenswerte Erinnerungen an antifaschistische Kämpfe. Er könne, Macht des Rechtsblocks hin oder her, nicht erkennen, dass seine Bücher weniger gelesen würden. Eher gebe es im Gegenteil »eine andere Notwendigkeit«. Das würden viele genauso sehen, nur änderten sich staatliche und sonstige Strukturen, Voraussetzungen für die Arbeit am gesellschaftlichen Fortschritt brächen weg und wenn er daran denke, überkäme ihn Ohnmacht, »ein sehr peinliches Gefühl«. Damit daraus nicht Resignation werde, brauche es Gemeinschaft, und die versuche er herzustellen, auch mit Menschen, die vor ihm gelebt haben.

Susann Witt-Stahl und Erich Hackl
Susann Witt-Stahl und Erich Hackl

Anschließend erklärte der israelische Historiker und Soziologe Moshe Zuckermann die Triumphe der Reaktion im heutigen Israel aus dessen Anfängen. Die Shoah sei vom jüdischen Staat vereinnahmt worden. Der Gründungsmythos von der »Wiederauferstehung des jüdischen Volkes« sei einhergegangen mit einer »krassen Ideologie, die mit dem Gedenken an die Opfer wenig zu tun« gehabt habe. In den 1950er Jahren sei den Shoah-Überlebenden in Israel keinerlei Ehrung erwiesen worden. Krank, gebrechlich und traumatisiert wurden sie als Negativbild der schwachen, »diasporischen Juden« gebraucht, »aber nicht aufgenommen als das, was sie waren« – an dieser »Grundmatrix« der offiziellen Staatsideologie habe sich bis heute wenig geändert.

Esther Bejarano bestätigte diesen Befund mit Erinnerungen an das Land, in das sie im August 1945 mit ihrer Familie auswanderte. »Am meisten beleidigt« habe sie im damaligen Palästina der Vorwurf, sie sei eine Kollaborateurin gewesen: »Du hast nur überlebt, weil du gemeinsame Sache gemacht hast mit den Nazis.« Sie war zionistisch erzogen worden, aber die Idee ihrer Familie war immer, »das Land gemeinsam mit den Palästinensern zu bestellen«. Deren Diskriminierung war unerträglich, darum sei die Familie 1960 in die BRD ausgewandert.

Was dieses Podium vor allem einte, war der Kampf gegen ein »Niemandsland« (Hackl) zwischen den Generationen, das jede Überlieferung unmöglich machen würde. Bejarano verlas zum Abschluss der Konferenz einen Appell an Künstlerinnen und Künstler: »Weil ich den Holocaust überlebt habe und weiß, was uns bevorsteht, wenn wir nicht alle gemeinsam gegen diese menschenverachtende Ideologie kämpfen (…): Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg! Nie wieder Schweigen!« (jW)

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