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08.06.2019, 17:51:25 / Feuilleton

Kunst als Ware und Nicht-Ware

Der zweite Teil der Künstlerkonferenz von Melodie & Rhythmus drehte sich um Konformes und Widerständiges in der Kunst
Von Arnold Schölzel
Moshe Zuckermann

Was ist an Kunst widerständig, wenn sie Ware geworden ist? Der israelische Kunsttheoretiker, Historiker und Soziologe Moshe Zuckermann eröffnete den zweiten Teil der Künstlerkonferenz mit einem Vortrag, der auf diese Frage zulief. Seine Antwort formulierte er im Anschluss an Theodor W. Adorno: Große Kunst war immer auch Ware, aber nie nur das. Beispiel: Das Auftragsgemälde »Die Familie Karls IV.« von Francisco Goya, Hofmaler der spanischen Monarchie, zeige den König als Trottel, von dem jemand gesagt habe, er sehe aus wie einer, der im Lotto gewonnen hat, also höchst unköniglich.

Zuckermann legte am Verhältnis von Kunst und Politik die Voraussetzung der Adorno-These dar: »Es handelt sich bei beiden um unbedingte Gegensätze.« Kunst sei vor allem Selbstzweck, ein Gegenprinzip von Macht, aber eben deswegen auch zugleich tief politisch: Es gehe um Freiheit. Der Redner unterschied drei Konstellationen: Die völlige Unterwerfung der Kunst unter die Politik, die Politik als Gegenstand von Kunst und schließlich: Kunst sei besonders dann politisch, wenn sie sich als unpolitisch deklariere.

Zum ersten Punkt führte er aus: Im 20. Jahrhundert hätten sich Künstler dem Nazismus unterworfen, aber auch in der Shdanowschen Ausprägung des »sozialistischen Realismus« sei Kunst instrumentalisiert worden – mit im einzelnen hervorragenden künstlerischen Ergebnissen. Zum zweiten: Von der Antike bis zu Brecht habe Kunst den Staat, die Macht, die Politik zu ihrem Gegenstand gemacht.

Und schließlich: Kunst, die sich für unpolitisch erkläre, verkomme immer mehr zur Ware – nicht nur in der Schnulze, sondern auch in hoher Kunst, etwa als Beethovens 5. Symphonie zu Hitlers 50. Geburtstag zelebriert wurde oder heute als Reklame für Batterien herhalten müsse. Zuckermann erinnerte an die Schlussszene in Istvan Szábos Film »Mephisto« über einen prominenten Künstler im Faschismus, in der der Protagonist erklärt: »Ich wollte doch nur Schauspieler sein.« Zuckermann: »Es gibt Momente, in denen man nicht nur Schauspieler sein darf.« Und erläuterte das an Gegenwärtigem. Die israelische Kulturministerin, die sich rühme, Tschechow nie gelesen zu haben, habe missliebigen Künstlern alle staatliche Förderung gestrichen. Sein Fazit: Nicht nur Diktaturen, auch »Pseudodemokratien« verfahren so. Die Herausforderung an Kunst, in der Warengesellschaft mehr zu sein als eine Ware, bleibe.

Im anschließenden Gespräch über »Widerstand und Poesie« mit Stefan Huth, Chefredakteur von junge Welt, bestätigte der Liedermacher Konstantin Wecker die Gültigkeit dieser Maxime für sich selbst. Auch seine politischen Gedichte und Lieder seien ihm »passiert«. Eines seiner bekanntesten Lieder – »Willy« – sei »privat«, habe aber eine Resonanz gefunden, aus der er viel über seinen Text gelernt habe. Sei diese Haltung »Weltflucht«? Er sei ein spiritueller Mensch, der in Poesie eine Zugang zum Nicht-Rationalen sehe. Dichtung habe ein »zweites Gesicht«, spüre kommende Entwicklungen wie etwa Georg Heym 1911 in »Krieg«. Wecker: »Heute brauchen wir wieder Empathie in dieser Gesellschaft, die Empathie verboten hat.« Wenn Rettung aus Seenot verurteilt werde, dann komme das dem gleich.

Dem Gespräch schlossen sich an dieser Stelle der deutsch-englische Komponist Wieland Hoban (geboren 1978) und der Schriftsteller Mesut Bayraktar (geboren 1990) an. Sie erläuterten, auf welchem Weg sie zur Kunst und zu ihrer gesellschaftskritischen Haltung gekommen waren. Hoban erklärte, er habe in Bezug auf Israel und die Palästinenser eine »Diskursverzerrung« wahrgenommen. Das Verhältnis von Opfern und Tätern werde dabei einfach umgekehrt, Kritikern Antisemitismus unterstellt. Er habe eingreifen wollen, indem er zu Texten eines israelischen Soldaten über seinen Kriegseinsatz in Gaza, Musik komponiert habe. Das habe ihm 2018 eine Debatte um seine Bewerbung bei den Donaueschinger Musiktagen eingetragen.

Bayraktar, der in einer türkischen Emigrantenfamilie in Wuppertal geboren wurde und als erster in der weiteren Verwandtschaft Abitur und Studium absolvierte, meinte: Sein Weg zum Schreiben sei keine Frage des Talents, sondern des Glücks. Niemand in seiner Familie habe erkannt, dass er »im Gefängnis der Klassengewalt« sitze. Er sei vom Gewöhnen ans Lesen über die Entdeckung der sozialen Frage bis hin zur Einsicht gegangen, »in einer reaktionären Epoche« zu leben. Bei Amazon habe er »Das Kapital« von Marx bestellt und sei erst nach dessen Studium zum Schreiben gekommen. Anders als Adorno sei er der Auffassung: »Wer denkt, ist wütend.« Aus seiner Sicht sei das Bedürfnis nach Veränderung in den unteren Schichten da, es müsse aber zum Ausdruck kommen, etwa durch Lieder.

Wecker fügte an: Nicht Perfektion, sondern Leidenschaft sei für Musik aus seiner Sicht entscheidend. Er demonstrierte das in einem kurzen gemeinsamen Konzert mit dem Sänger-Songwriter Shekib Mosadeq und Esther Bejarano. Es endete mit dem Gesang des italienischen Partisanenliedes »Bella Ciao« auf Farsi und Deutsch.

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