Gegründet 1947 Donnerstag, 20. Juni 2019, Nr. 140
Die junge Welt wird von 2198 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.06.2019, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Schlachtreif für den Krieg

Oliver Frljic inszeniert am Schauspiel Köln Brechts »Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer« in der Fassung von Heiner Müller
Von Hans-Christoph Zimmermann
18188_fatzer_dscf1438_foto_ju_honorarfrei.jpg
Zentrales Schlachtfeld: der menschliche Körper

Kriege sind das Fest der kollektiven Identität. Zwar weiß niemand, was Identität ausmacht, doch nie wird sie so gefeiert wie im Bombenhagel. Die Soldateska gießt erst mal kräftig den mit Muttererde belegten Bühnenboden, wirft sich anschließend in Lazarettbetten (Bühne: Igor Pauska) und brüllt lauthals das Deutschlandlied. Bis sie dann im Geschützfeuer, zu dem Wilhelm II. mit seinem Kriegsaufruf von 1914 den Soundtrack liefert, schier den Verstand verliert am Schauspiel Köln in Brechts gewaltigem »Fatzer«-Fragment in der Fassung von Heiner Müller.

Der Titel »Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer« zielt zwar auf das Spannungsverhältnis von Kollektiv und Individualität, wird aber bereits durch die Rollenzuweisung konterkariert. Die Figuren wandern unablässig durch die Körper der sieben Darstellerinnen und Darsteller Yuri Englert, Benjamin Höppner, Nicolas Lehni, Seán McDonagh, Nika Miskovic, Hannah Müller und Elias Reichert hindurch. Fatzer, das sind alle und keiner. Egoismus wird hier im Kollektiv dialektisch durchgespielt. Wenn die Truppe vom Schlachtfeld desertiert und sich in Kaumanns Wohnung in Mülheim flüchtet, hat dessen erotisch gierige Frau plötzlich ein Knäuel von Männern vor sich, die nur kurz einen Anflug von Begehren zeigen. Lieber knabbern sie hungrig an ihren Stiefeln, kuscheln gemeinsam im Bett und machen morgens lauthals Toilette. Das Kollektiv der Deserteure hockt in der eigenen Wohnung, verweigert den Sex und ist für die erhoffte Revolution auf das Kollektiv der unzufriedenen Arbeiter angewiesen.

Frljics sehenswerte Inszenierung arbeitet immer wieder mit solch dialektischen Kontrapunkten, die die Szenen fragend anreichern und viel Assoziationsmaterial bereitstellen. Wenn die Truppe Fatzer zum Fleischmarkt schickt, werden zwar Metallrohre, an denen Würste hängen, über den Betten angebracht. Doch was dort verarbeitet wird, nur um dann »Lili Marleen« zu singen, ist das Fleisch eines Soldaten, der auf der Schlachtbank in seine verwertbaren Einzelteile zerlegt wird.

Eines der zentralen Schlachtfelder dieses Abends ist der menschliche Körper. Er wird für den Krieg zugerichtet, ist der Ort des Begehrens, dient als Rohmaterial in der Fleischerszene. Er ist aber auch Produktionsort, wenn die Truppe nach einer Diskussion über Heimarbeit und Prostitution plötzlich in Korsage auf einem Bett steht, wild rammelt und Babypuppen zwischen den Beinen hervorploppen lässt – während sie ironisch Texte von Zetkin, Engels und Beauvoir zur Frauenfrage zitiert. Und der Zugriff des Regisseurs auf die Körper der Schauspieler ist auch nicht ohne: Sie bauen ständig Betten um, ringen miteinander oder schmiegen sich aneinander.

Fatzers Egoismus erscheint bei Frljic vor allem als eine Frage von Intellektualität und Rationalität, aber auch Überheblichkeit. Nachdem er erfolglos Fleisch zu organisieren versucht hat, analysiert er treffsicher Verarmung, Segregation und Verrohung der Gesellschaft. Schließlich kippt Fatzers Monolog in eine wütend-empörte Suada des Schauspielers Benjamin Höppner um, der seinen Frust angesichts unhinterfragter Regeln und Konventionen herausschreit. Er beklagt, dass der Frieden in Europa letztlich nur der Verlagerung von Kriegen ins Ausland zu verdanken sei. Frljics Inszenierung, die Müllers Brecht-Rewriting auf 100 Minuten eindampft, holt diesen Krieg quasi in den gesellschaftlichen Innenraum. Nicht nur bleibt die Lazarett-Metapher während des Abends immer gegenwärtig, wobei nie klar ist, ob das Geschehen nicht doch dem Wahn einer bettlägerigen Soldateska entspringt. Verarmung, Hunger, Verwertung des Menschen, die Allgegenwart von Gewalt lassen an Thomas Hobbes’ berühmte Formulierung vom »Krieg aller gegen alle« denken.

Dementsprechend haben alle sieben Darstellerinnen und Darsteller schließlich den Kopf in der Schlinge und erhängen sich gegenseitig. Am Ende allerdings trollen sie sich als grunzende Schweine in einem Pferch und singen die erste Strophe des Deutschlandliedes – die Herde ist schlachtreif für den nächsten Krieg.

Nächste Vorstellungen: 16. und 18. Juni

Ähnliche:

  • »Wie der leibhaftige Alb der Geschichte«: Israel Kaunatjike (Mit...
    13.03.2019

    Die gespielte Debatte

    Deutsche Kolonialverbrechen, moralische Aufladung: »Herero_Nama« am Schauspiel Köln

Regio:

Mehr aus: Feuilleton