Gegründet 1947 Mittwoch, 26. Juni 2019, Nr. 145
Die junge Welt wird von 2198 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.06.2019, Seite 6 / Ausland
Nordirak

Krallengriff nach Kurdistan

Türkische Armee ist Ende Mai wieder im Nordirak einmarschiert. Bagdad und Erbil schweigen
Von Nick Brauns
Deutsche_Ruestungsex_60014700.jpg
Türkische Panzer Anfang 2018 nahe der Grenze zu Syrien

Fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit findet im kurdisch geprägten Nordirak seit mehr als zwei Wochen ein neuer Krieg statt. Mit Artilleriebeschuss und Luftangriffen leitete die türkische Armee in der Nacht des 27. Mai ihre »Operation Kralle« gegen Stellungen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in der Region Hakurk (kurdisch: Xakurke) ein. Das gebirgige Gebiet im Dreiländereck zwischen der Türkei, dem Iran und dem Irak gehört zu den Medya-Verteidigungsgebieten, wie die PKK ihren entlang der türkisch-irakischen Grenze verlaufenden Rückzugsraum nennt. Ziel der türkischen Militäroperation ist es, den Bewegungsspielraum der Guerilla in dieser Region zu beschränken, die das PKK-Hauptquartier in den Kandil-Bergen mit der 30 bis 40 Kilometer von Hakurk entfernt gelegenen türkischen Provinz Hakkari verbindet. Zwar hat die türkische Armee schon häufig Luftangriffe auf Hakurk geflogen, doch die jetzige Invasion, zu der Kommandoeinheiten von Kampfhubschraubern abgesetzt wurden, um am Boden gegen die Guerilla vorzugehen, ist der erste große Militäreinsatz mit Bodentruppen seit 1992.

Wie wichtig diese Operation für Ankara ist, wird daran deutlich, dass sie gemeinsam von Verteidigungsminister Hulusi Akar und Generalstabschef Yasar Güler aus dem Kommando- und Operationszentrum in der Hauptstadt geleitet wird. Seit Beginn der Operation seien 74 Höhlen und Schutzräume zerstört und »43 PKK-Terroristen neutralisiert« worden, teilte das türkische Verteidigungsministerium Anfang der Woche mit. Die Guerilla dementierte diese Zahlen als maßlos überzogen und erklärte, bei Angriffen und Sabotageaktionen sei es zu »zahlreichen Toten und Verletzten« in den Reihen der Besatzungstruppen gekommen. Die mit der PKK verbundenen »Selbstverteidigungskräfte Südkurdistans« bekannten sich zudem zu einem Angriff auf eine türkische Militärbasis in der nordirakischen Stadt Zaxo, bei dem am vergangenen Freitag mindestens 20 Soldaten getötet worden sein sollen. Seit den 90er Jahren unterhält die Türkei hier auf irakischem Territorium Stützpunkte, in denen unter anderem Kampfpanzer stationiert sind.

Im vergangenen Jahr errichtete die türkische Armee bereits in der westlich an Hakurk grenzenden Bradost-Region einen 20 Kilometer tief in irakisches Territorium hineinreichenden Brückenkopf. Doch das vollmundig vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ausgegebene Ziel, die türkische Fahne über den Kandil-Bergen aufzuziehen, erwies sich als Wahlkampfgetöse. Vom PKK-Hauptquartier trennten die Invasionstruppen noch Dutzende Kilometer schwer passierbares Bergland. Zudem leistete die ortskundige Guerilla erbitterten Widerstand. Und die iranische Regierung, die für einen Zangenangriff auf Kandil über iranisches Territorium grünes Licht geben müsste, verweigerte sich einer von Ankara vorgeschlagenen gemeinsamen Militäroperation.

Durch Luftangriffe wurden in den letzten Monaten mehrere Zivilisten im Nordirak getötet. Die Bewohner von rund 100 Dörfern in Bradost sind aufgrund der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen durch die Bombardements geflohen.

Der die PKK und ihre Schwesterverbände umfassende Dachverband KCK kritisierte das Schweigen der kurdischen Regional- wie der irakischen Zentralregierung zu der Aggression und warnte, dass das Ziel der Angriffe eine Einverleibung der ölreichen Gebiete des Nordiraks sei. »Erdogan versucht, seine neoosmanischen Träume zu verwirklichen«, warnte die KCK. Doch die von der Türkei ökonomisch und politisch abhängige kurdische Regionalregierung rechtfertigt die türkischen Angriffe als »Selbstverteidigung« und fordert statt dessen die PKK zum Verlassen des Landes auf. Demonstrativ nahm der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Montag in Erbil an der Vereidigung des neuen Präsidenten der kurdischen Autonomieregion, Nechirvan Barzani, teil und traf am Rande der Zeremonie auch mit dem irakischen Staatspräsidenten Barham Salih zusammen.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Ein türkischer Soldat nahe Yüksekova in der Provinz Hakkari im S...
    19.06.2018

    Kandil im Fadenkreuz

    Angriffe der türkischen Armee auf Hauptquartier der Arbeiterpartei Kurdistans im Nordirak
  • US-Präsenz in Syrien: Washington hat ebenso wie Frankreich Trupp...
    31.05.2018

    Ankaras heimlicher Aufmarsch

    Türkische Armee dringt immer tiefer in den Nordirak vor. PKK-Guerilla leistet Widerstand
  • Denkmal am Fuße des Sengal für die bei der Befreiung und Verteid...
    27.03.2018

    Wachablösung in Sengal

    Nach türkischen Kriegsdrohungen übergibt PKK Kontrolle über jesidische Region an Bagdad

Mehr aus: Ausland