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Aus: Ausgabe vom 12.06.2019, Seite 11 / Feuilleton
Filmfestival

Freaks und Loser

Das war das Kinderfilmfestival »Goldener Spatz« in Gera
Von Susan Geißler
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Sorgt für tolle Kinderfilme: der goldene Spatz

»Gott hat mich in die Welt geschickt, damit ich ein großer Fußballstar werde«, da ist sich die elfjährige Protagonistin in »­Miral aus Palästina« ganz sicher. Okay, sagen die Erwachsenen, aber wenn du heiratest, ist Schluss damit. Miral wird ihr Ding machen, wie sie es für richtig hält, daran lässt der Dokumentarfilm, der beim Kinderfilmfestival »Goldener Spatz« lief, keinen Zweifel.

Der »Goldene Spatz«, gegründet 1979 in Gera und damit eines der ältesten deutschen Kinderfilmfestivals, zeigte in der vergangenen Woche 31 Beiträge aus dem aktuellen Jahr, die von den tausend Arten erzählen, sein Leben zu leben. Viele der Produktionen aus den Kategorien Lang- und Kurzfilm, Doku, Serie und Unterhaltung sind in Kino oder Fernsehen bereits gelaufen, einige feierten auf dem Festival Premiere. Der alte Glamour des Kinos ist noch lange nicht verblasst: Die Säle in Gera und dem zweiten Festivalstandort Erfurt waren voll und die tausend Fragen der Kinder erfrischend direkt. Beim »Spatz« entscheidet allein die 25köpfige Kinderjury – ein erwachsenes Gremium gibt es nicht.

Die Hauptfiguren fast aller fiktionalen Beiträge teilen ein existentielles Problem: Sie sehen sich selbst als Freaks, Loser oder anderweitig als sozial inkompatibel. So war der Weg zum klassischsten aller Kinderfilmthemen nicht weit: dem Wert der Freundschaft, die nicht leicht zu finden und mit aller Kraft zu verteidigen ist. Das ist eine schöne, aber natürlich keine neue Botschaft. Die Langfilme – alle handwerklich gut gemacht und im besten Sinne unterhaltsam – ließen in diesem Jahr den Mut zu sperrigen Themen und gewagteren künstlerischen Ansätzen etwas vermissen. Geschichtsbezogene Stoffe waren gar nicht erst zu sehen. Wohl als Stein des Anstoßes lief Helmut Dziubas »Als Unku Edes Freundin war« (DEFA 1981) in der Retrospektive. Der auf der Romanvorlage »Ede und Unku« von Grete Weiskopf beruhende Film erzählt die Freundschaft zwischen dem Sinti-Mädchen Unku und dem Arbeiterjungen Ede im Berlin der Weimarer Republik, mit einem weit über sich hinausweisenden und alles andere als glücklichen Ende. Ein Film ohne Happyend wollte den Kindern im aktuellen Festivaljahr dagegen niemand zumuten.

Während das Kinderkino seit einigen Jahren von Buchverfilmungen dominiert wird – eine sichere Bank mit besten Marketingmöglichkeiten –, waren für den »Goldenen Spatz« auch genuine, neu erdachte Stoffe nominiert. Die Initiative »Der besondere Kinderfilm« hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Projekte finanziell zu fördern. Dazu gehörte der knallige Superheldinnenfilm »Invisible Sue« (Kinostart im Oktober), dessen Protagonistin sich nach einem Laborunfall unsichtbar machen kann. »Invisible Sue« verknüpft den kindlichen Traum von Superkräften mit einem drängenden Problem seiner Hauptfigur, ihrer sozialen Unsichtbarkeit, gegen die sie nicht ankommt. Leider verliert der Film bei rasantem Tempo und anspruchsvollen Turns diese Spur etwas aus dem Blick.

Marcus H. Rosenmüllers Film »Unheimlich perfekte Freunde«, der bereits im Frühjahr in den Kinos lief, erzählt überzeugend vom irrsinnigen Druck, dem Kinder bei der Planung ihrer Bildungsbiographie ausgesetzt sind. Frido, verspielter Viertklässler, soll nach der Grundschule unbedingt aufs Gymnasium, notfalls mittels Nachhilfe und emotionaler Erpressung. Frido kann sich nur schützen, indem er einen Doppelgänger engagiert, der die Aufstiegsphantasien seiner Mutter klaglos realisiert. Während die meisten Beiträge das Thema soziale Schicht diskret umgingen, wird bei Rosenmüller auch sichtbar, dass sich Karrierechancen nicht zuletzt am Geldbeutel der Eltern festmachen. Der neue Beitrag aus dem »TKKG«-Universum hätte gern dasselbe durchblicken lassen, konnte sich aber nicht entscheiden, ob er seine Figuren nun ernst nehmen oder in der altbewährten Harmlosigkeit verharren möchte. »TKKG«, in der vergangenen Woche angelaufen, überzeugt dann doch noch mit einer progressiven Moral: Gut und böse bemessen sich nicht an der Tat, sondern ihrem Zweck, und außerdem trägt selbst die Verantwortung, wer sich allzu bereitwillig verarschen lässt.

Komplexe Themen griffen eher die kürzeren Formate auf. So hat es die ZDF/Kika-Serie »Dschermeni: Neue Leben« geschafft, den Alltag im Flüchtlingswohnheim ohne allzu große Gefühligkeiten und frei von Klamauk kindgerecht rüberzubringen. Dass es beim Erzählen über Schwarzarbeit, Abschiebung und strukturelle Kriminalität tausend Fallstricke gibt, kann man filmisch als Hindernis sehen – oder als Chance für Diskussionen. Auch der erwähnte Kurzfilm »199 kleine Helden: Miral aus Palästina« holte die jungen Zuschauer aus der Komfortzone. Die überall bekannte Lust aufs Kicken ist die Tür, die der Film den Kindern öffnet, um auch von Mirals Angst vor dem israelischen Militär, vor allgegenwärtigen Durchsuchungen und dem ständigen Gefühl des Eingesperrtseins erzählen zu können. Aus dem jungen Publikum kam hinterher die Frage an die beiden Dokumentarfilmer: »Warum habt ihr sowas gemacht und keinen richtigen Film?« Sowas, der Dokumentarfilm also, weckt die Neugier. Der »richtige« Film, der Kinderspielfilm, müsste sich nur ein kleines bisschen trauen. An Themen mangelt es nicht.

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