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Aus: Ausgabe vom 12.06.2019, Seite 10 / Feuilleton
Theater

123 und Schluss?

Berlin: »Prime Time Theater« insolvent. Eindrücke von der jüngsten Premiere
Von Frank Burkhard
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Hat Glyphosat dem »Prime Time Theater« in Berlin-Wedding den Garaus gemacht, fragte man sich, als im Mai die Nachricht kam, dass das beliebte Pop- bzw. Volkstheater in die Insolvenz geht. Man findet es am S-Bahnhof Wedding in unmittelbarer Nähe des Berliner Traditionsbetriebs Schering, der seit 2006 zur Bayer AG gehört. Schon 1907 wurde »Bayer Kultur« gegründet, ein Förderer des Prime Time – das soll trotz des Monsanto-Debakels weiterhin so bleiben.

Warum also die Insolvenz? Oliver Tautorat, der das Theater 2003 mit Constanze Behrends gründete, ist seit deren Ausscheiden 2015 Geschäftsführer. Er ist auch immer noch das »Bühnentier« des Hauses. Es sei doch mehr Schauspieler und Künstler, zu wenig Geschäftsmann, gibt er zu. Im Paragraphendschungel sah er oft nicht durch und traf falsche Entscheidungen, beispielsweise, wenn manche Stücke mehr Ausgaben erforderten als eingeplant. Letztlich verlor er nicht nur die Senatsförderung, sondern sah sich auch noch Rückforderungen ausgesetzt.

Tautorats Wunsch und große Hoffnung ist es, das Theater an seinem Standort mit einer neuen Firma weiterzubetreiben, in der er als Angestellter angstfreier agieren möchte. Es wurde ein Spendenkonto für die Aufrechterhaltung des Spieltriebs eingerichtet. Den Bemühungen ist Erfolg zu wünschen. Schließlich ist die mehrfach ausgezeichnete Bühne für das Viertel an der Müllerstraße eine Bereicherung und für das »Multikulti-Klima« im Schmelztiegel Wedding von Bedeutung. Nicht wenige türkischstämmige Besucher kommen und finden die liebenswürdig-komische Darstellung ihrer Landsleute gelungen.

In »Der Club der toten Döner«, der aktuellen und bereits 123. Folge der Bühnen-Sitcom »Gutes Wedding – schlechtes Wedding«, die am vergangenen Freitag Premiere hatte, besteht Esra als erste in der Familie das »Abitür«, wie ihre dominante Mutter Hülya stolz bemerkt. Oliver Tautorat spielt sie voller Urgewalt, diese Frau, die in aller Unschuld containern geht. Parodien würzen diese Sitcom seit jeher, und auch RTL-Moderatorinnen wie Katja Burkard oder Marijke Amado bekommen ihr Fett weg, während Robin Williams im Abspann aus naheliegenden Gründen gedankt wird. Das neue Stück ist intelligent und zwerchfellerschütternd – man hofft doch sehr, dass im Herbst die 124. Folge kommt.

»Gutes Wedding, schlechtes Wedding: Der Club der toten Döner«, noch bis 30.6., Do. bis So., jeweils 20.15 Uhr, Müllerstraße 163, Berlin-Wedding

primetimetheater.jimdofree.com

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