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Aus: Ausgabe vom 12.06.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Billigklamotten

Fast Fashion für die Tonne

Wie die Mode, so die Vorsätze: Studie offenbart schwere Verstöße gegen Lohn- und Arbeitsrichtlinien von Textilarbeiterinnen in Fernost
Von Ralf Wurzbacher
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Billigst produzieren: Trauer um Textilarbeiterinnen nach Einsturz des »Rana Plaza« nahe Dhaka 2013

Die Billigbekleidungskette Primark feiert am Donnerstag ihr 50jähriges Firmenjubiläum. Die Christliche Initiative Romero (CIR) feiert nicht mit. Gründe dafür seien die »verheerende Ökobilanz« der durch das irische Unternehmen kultivierten »Wegwerfmode« sowie die Ergebnisse einer aktuellen Studie zu dessen Zulieferfabriken in Sri Lanka, erklärte am Dienstag der Menschenrechtsverein mit Sitz in Münster. Die Bilanz der Recherchen vor Ort falle »bitter« aus: In keiner der untersuchten Produktionsstätten werde der Verhaltenskodex eingehalten, den Primark seinen Herstellern auferlege. Die Löhne und das Ausmaß an Überstunden wären »teils illegal«, und anders als gerne behauptet, trage der Konzern durch sein Einkaufsverhalten die Hauptschuld für die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen.

Die Organisation Shramabhimani Kendraya (Würde der Arbeit) hat im Auftrag der CIR insgesamt 76 Näherinnen in zehn Fabriken ausführlich dazu interviewt, was sie an Geld verdienen, wie lange sie dafür arbeiten müssen und welche Zustände in Sachen Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Vereinigungsfreiheit bestehen. An dreien der fraglichen Standorte lässt nach Auskunft der Befragten neben Primark auch das Familienunternehmen C&A fertigen, an vieren nur C&A und an dreien nur das irische Label. Die Darstellung der beiden Unternehmen ist derweil eine andere: C&A bestreitet, mit den Fabriken der Produzenten Timex in Wattala und Kadawatha zusammenzuarbeiten, während Primark sogar in drei Fällen eine Geschäftsbeziehung mit den aufgeführten Unternehmen negiert. Laut Studie könnte das Teil eines Versteckspiels sein, um sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Eine mögliche Erklärung wäre die, »dass es sich um eine Unterauftragsvergabe handelt«.

Nach geltender Rechtslage des südasiatischen Inselstaats dürfen Frauen maximal 45 reguläre Stunden und in Ausnahmefällen höchstens zwölf Überstunden pro Woche tätig sein. Gemäß der Erhebung schieben die Näherinnen aber mitunter 80 Stunden und mehr Dienst. So sind etwa bei Paradise Toys in Mabola nahe Colombo 64 Arbeitsstunden und 19 Überstunden die Regel, bei einem Monatslohn von 120 Euro. Der Betrag liegt zwar über dem offiziellen Mindestlohn von 79 Euro. Dieser reicht aber nicht einmal ansatzweise für einen auskömmlichen Lebensunterhalt. Nach Angaben der »Asia Floor Wage Alliance« müsste ein existenzsichernder Lohn in Sri Lanka mindestens 296 Euro betragen. In der Studie wird eine Arbeiterin von Triple Safety in Narammala im Westen des Landes zitiert: »Ich würde diese Arbeit keinem empfehlen. (…) Wir können nicht einmal die Lebensmittel kaufen, die wir brauchen.«

Nach dem Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Sabhar in Bangladesh vor sechs Jahren, bei dem über 1.100 Menschen zu Tode kamen, hatten die großen westlichen Textilkonzerne Besserung gelobt und versprochen, sich für die Einhaltung grundlegender Menschen- und Beschäftigtenrechte auf allen Stufen der Lieferketten zu engagieren. Die Selbstverpflichtungen von Primark und C&A sehen beispielsweise vor, das Recht auf Tarifverhandlungen zu respektieren, sichere und hygienische Arbeitsbedingungen und Löhne, die wenigstens der Erfüllung der Grundbedürfnisse genügen, zu gewährleisten. Alles Lüge! Wie die Befragten schilderten, soll es punktuelle und vorübergehende Erleichterungen nur dann gegeben haben, wenn sich die von den Labels entsandten Auditoren ein Bild vor Ort machten. Kaum zur Tür hinaus, war dann rasch wieder alles so schlecht wie gehabt.

In der Langzeitperspektive habe die Befragung dagegen »schwerwiegende Arbeitsrechtsverletzungen« bei den Lieferanten offenbart, heißt in der Studie. »Verstöße gegen Rechtsvorschriften über die Beschränkung von Überstunden, obligatorische Überstunden, gewerkschaftsfeindliche Diskriminierung und mangelnde Arbeitssicherheit« wären nur einige der gängigen Verfehlungen. Viele Arbeiterinnen klagten zudem über Rückenschmerzen vom ganztägigen Arbeiten im Stehen – nur zum Mittagessen dürften sie sich setzen. Laut Studie soll knapp die Hälfte aller weltweit 60 Millionen Beschäftigten in der Textilproduktion an arbeitsbedingten Krankheiten leiden.

Für Isabell Ullrich, CIR-Referentin für Kleidung, sind Missstände maßgeblich der auf schnellen und maximalen Profit ausgerichteten Einkaufspolitik der großen Modemarken geschuldet: Bei der Auswahl der Fabriken schauten Primark und Co. »nur auf Preis, Zeit und vielleicht noch Qualität«, äußerte sie sich in einer Pressemitteilung. Anbieter wie H&M, Zara und Esprit bringen mittlerweile im Monatstakt neue Kollektionen auf den Markt. Das Tempo der sogenannten Fast Fashion ziehe sich durch sämtliche Produktionsphasen und sorge dafür, dass immer mehr Aufträge in immer kürzerer Zeit durch die Lieferanten abzuarbeiten sind. Die ethischen Ziele, die sich die Labels groß auf die Fahnen schrieben, spielten dagegen »keine Rolle, ganz im Gegenteil«, beklagte Ullrich. Neben der Industrie wären aber auch die Verbraucher und die Politik in die Pflicht zu nehmen. Von der Bundesregierung forderte sie, mit einem Sorgfaltspflichtengesetz dazu beizutragen, Arbeitsrechtsverletzungen in Zukunft zu verhindern.

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