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Aus: Ausgabe vom 12.06.2019, Seite 6 / Ausland
Syrien und Irak

Feuer als Waffe

Im Norden Syriens und des Irak brennen Getreidefelder. IS-Dschihadisten sollen dafür verantwortlich sein
Von Nick Brauns
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Die Mehrheit der Bevölkerung von Nordsyrien lebt von der Landwirtschaft: Weizenfeld in Idlib (16.5.2016)

Die Behörden der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien haben am Sonntag den Notstand über Teile der auch als Rojava bekannten Region ausgerufen. Grund dafür sind seit Wochen brennende Weizenfelder. Inzwischen nähern sich die Feuer den Öl- und Gasfördergebieten um die Städte Rumalan und Tirbespi (arabisch: Kahtanija). Die Selbstverwaltungsbehörden, denen es an Feuerwehrfahrzeugen und technischer Ausrüstung mangelt, haben daher die US-geführte Allianz gegen den »Islamischen Staat« (IS) um Unterstützung gebeten.

Der Norden gilt aufgrund seiner reichen Getreideanbaugebiete als die Kornkammer Syriens. Die Mehrheit der Bevölkerung außerhalb der großen Städte lebt von der Landwirtschaft. Für dieses Jahr wurde mit einer Rekordernte gerechnet, da es seit Jahren wieder ausreichend Niederschlag gegeben hat und nach der Befreiung der letzten von der Dschihadistenmiliz IS kontrollierten Gebiete etwas Ruhe eingekehrt ist. Doch der IS ist weiterhin mit Tausenden Kämpfern im Untergrund aktiv. So hoben die Syrischen Demokratischen Kräfte erst zu Wochenbeginn bei Razzien in der Region um Deir Al-Sor IS-Zellen aus und beschlagnahmten zahlreiche Waffen.

Der IS hat sich in seinem wöchentlichen Newsletter »Al-Naba« zu einer Reihe von Feldbränden bekannt. »Es gibt Tausende Hektar Land mit Weizen und Gerste, und vor euch befinden sich Obstgärten, Felder, Wohnungen der Bauern und ihre ökonomische Struktur. So macht weiter, handelt, und Gott möge eure Ernte segnen«, heißt es in einem Aufruf des IS an seine Anhänger.

Auch die türkische Armee und die von ihr unterstützten Dschihadisten betätigten sich als Brandstifter. So legten Soldaten Feuer an Feldern rund um die syrische Grenzstadt Serekaniye (Ras Al-Ain), berichtete die kurdische Nachrichtenagentur ANF am Montag. Sowohl um die syrische Stadt Kamischli als auch ihre Zwillingsstadt Nusaybin auf türkischer Seite der Grenze brannten von der Armee angezündete Felder kurdischer Bauern nieder.

Nicht in allen Fällen sind die Urheber eindeutig zu identifizieren. Zudem wurden in dem betroffenen Gebiet während des Krieges Menschen vertrieben, und in den letzten Jahrzehnten gab es im Rahmen des Arabisierungsprojekts »arabischer Gürtel« der syrischen Regierung Eigentümerwechsel in kurdischen Siedlungsgebieten – bezüglich der Feuer sind gegenseitige Schuldzuweisungen zwischen Kurden und arabischen Stämmen die Folge. Einige Vertreter der syrischen Opposition beschuldigen Kurden, durch Feldbrände Araber für ihre Unterstützung des IS oder der »Freien Syrischen Armee« bestrafen zu wollen.

Zu weiteren Spannungen hat beigetragen, dass die USA von ihren kurdischen Verbündeten fordern, kein Getreide mehr in Gebiete zu verkaufen, die unter der Kontrolle syrischer Regierungstruppen stehen. Der Leiter des Landwirtschaftskomitees der Selbstverwaltung, Salman Barudo, sieht hier auch für regierungsnahe Kräfte ein mögliches Motiv, Getreidebrände zu legen. »Wir können nicht sagen, dass das Regime und der IS zusammenarbeiten, aber sie teilen ein gemeinsames Interesse, dass sie keinen Fortschritt in diesem Gebiet sehen wollen«, erklärte Barudo gegenüber der Zeitung The Washington Post. In der Euphratregion seien bereits 16.000 Hektar Agrarland verbrannt, gab der Funktionär vergangene Woche gegenüber der Website Al-Monitor an. Weitere 4.000 Hektar seien in der Dschasira sowie den mehrheitlich arabisch besiedelten Gebieten Deir Al-Sor, Rakka, Manbidsch und Tabka vernichtet worden.

Auch im Nordirak ist es seit Anfang Mai zu insgesamt 275 Feldbränden gekommen, denen nach Angaben der Regierung in Bagdad bis zum 8. Juni bereits 9.250 Hektar Ackerfläche zum Opfer gefallen sind. Rund die Hälfte davon ist allerdings die Folge von Unfällen und weggeworfenen Zigaretten. Brandstiftung wurde in 35 Fällen nachgewiesen, bei weiteren 84 Feuern ist die Ursache noch unklar. Die irakische Regierung beschuldigt den IS, hinter einer Reihe dieser Brände zu stecken, um die Bevölkerung zu vertreiben oder um Schutzgeld zu erpressen. Zu Brandstiftungen kam es etwa in der Provinz Kirkuk, wo IS-Kämpfer in den letzten Wochen für mehrere Bombenanschläge in der Provinzhauptstadt und Überfälle auf Dörfer verantwortlich gemacht wurden.

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