Gegründet 1947 Mittwoch, 26. Juni 2019, Nr. 145
Die junge Welt wird von 2198 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 12.06.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Krieg in Syrien

Neue Stärke der Hisbollah

Die libanesische Organisation ist auch eine wichtige Kraft in Syrien
Von Wiebke Diehl
RTX3DMXS.jpg
Die Fahnen Syriens und der Hisbollah auf einem Militärfahrzeug 2017 in Syrien

Die Hisbollah werde sich in Syrien selbst erledigen, frohlockten ihre Gegner, als sie den ersten Schock des Eintritts der libanesischen Bewegung in den Krieg im Nachbarland überstanden hatten. Sie werde immense Verluste sowohl in bezug auf ihr Waffenarsenal als auch bei ihren Kämpfern erleiden. Zudem hofften sie, langfristig würden sich immer mehr Menschen in der Region aufgrund der eigenen Gegnerschaft zur Regierung Assad von der »Partei Gottes« abwenden.

Nichts davon ist in den letzten sieben Jahren eingetreten. Im Gegenteil: Der Sturz des syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad ist abgewandt und die Verbindungswege zwischen der Organisation und dem Iran damit zumindest vorerst gesichert. Die Hisbollah selbst konnte ihre militärischen Fähigkeiten deutlich ausbauen. Ihre Kämpfer haben sich neue Fähigkeiten etwa in urbaner Kriegführung oder der Kooperation mit der syrischen und russischen Luftwaffe angeeignet. Zudem wurden die Waffenarsenale der Hisbollah im Zuge des Syrienkrieges kräftig aufgestockt. Laut dem US-amerikanischen Thinktank »Center for Strategic & International Studies« ist die Hisbollah inzwischen der am besten ausgerüstete nichtstaatliche Akteur weltweit, der über Panzerabwehrraketen, Kurzstreckenraketen, unbewaffnete und bewaffnete Drohnen sowie Flugabwehrraketen verfügt. Statt der von der israelischen Regierung geschätzten 15.000 Raketen im Besitz der Hisbollah am Vorabend des Sommerkrieges 2006 soll sie inzwischen über etwa 130.000 verfügen, die sie nach eigenem Bekunden zu Verteidigungszwecken benutzt.

Ihr Eintritt in den Syrienkrieg war für die Hisbollah mit der Gefahr verbunden, als Handlanger Irans und der Regierung Assad sowie als Verteidigerin einer ausländischen Regierung aus konfessionellen Erwägungen diffamiert zu werden und so ihr Ansehen im Libanon und der Region einzubüßen. Hassan Nasrallah artikulierte zudem zu Beginn der Proteste in Syrien Kritik an demokratischen Defiziten in dem Land und zögerte etwa ein Jahr, die Entsendung von 7.000 bis 10.000 Hisbollah-Kämpfern bekannt zu machen, deren Intervention einen entscheidenden Beitrag zur Abwendung der westlichen Regime-Change-Pläne leisten sollte.

Tatsächlich diente der Kriegseintritt der Hisbollah auch der Sicherung der eigenen Existenz, die durch einen Sturz der verbündeten syrischen Regierung gefährdet worden wäre. Im Selbstverständnis der Bewegung, die sich als Verteidigungskraft des Libanon sieht, ging es aber vor allem um den Schutz des gesamten Zedernstaates, der durch von Syrien aus eindringende Terrorgruppen, die zeitweise ganze Ortschaften im Libanon kontrollierten, gefährdet war. Gegen die ausländischen Dschihadisten kämpfte die Hisbollah mehrfach Seite an Seite mit der libanesischen Armee. Am 25. Mai 2013 begründete Nasrallah das Engagement im Nachbarland folgendermaßen: »Würde Syrien in die Hände der Amerikaner, der Israelis und der Takfiris [Terroristen, die Andersdenkende zu Ungläubigen erklären, jW] und amerikanischen Repräsentanten in der Region fallen, dann würde Israel wieder in den Libanon einfallen, ihm seine Konditionen aufzwingen und seine Gier und Projekte im Libanon erneuern.«

Die Gunst der Bevölkerung hat die Hisbollah nicht verloren – ihr Wahlbündnis konnte bei den letzten Parlamentswahlen sogar zulegen, sie stellt im Kabinett jetzt drei statt wie bisher zwei Minister. Auch regional ist die Bewegung aus ihrem Engagement im Syrienkrieg und dem Kampf gegen den IS im Irak, wo sie die maßgeblich am Sieg über die Terroristen beteiligten »Volksmobilisierungskräfte« unterstützte, gestärkt hervorgegangen. Aus diesem Grund und vor allem wegen ihrer immens gesteigerten Kampffähigkeit ist die israelische Armee zurückhaltend, einen neuen Krieg gegen den Libanon zu beginnen. Angesichts des Streits um Gasvorkommen im Mittelmeer, des israelischen Baus einer Mauer an der Grenze zum Libanon und gegenseitiger Drohungen bleibt ein solcher jedoch jederzeit möglich, wofür auch die beispiellosen israelischen Militärübungen der letzten Jahre sprechen.

Ähnliche:

  • Israelische Soldaten in der Nähe von Kuneitra auf den Golanhöhen...
    18.01.2019

    Versuchter Regime-Change

    Israel: 2.000 Bomben auf Syrien im vergangenen Jahr. Scheidender Generalstabschef gibt Kriegsbeteiligung zu
  • Russland ist als bedeutender Akteur im Nahen Osten nicht mehr we...
    12.10.2018

    Weltunordnungskrieg

    Die militärischen Auseinandersetzungen in Syrien haben die globalen Kräfteverhältnisse verändert. Die USA haben ihre hegemoniale Rolle eingebüßt, Russland ist auf die Bühne der Weltpolitik zurückgekehrt
  • Während der Feierlichkeiten zum Jubiläum der Staatsgründung werd...
    20.04.2018

    Hysterische Festtage

    Zum 70. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung wird in Israel die Konfrontation mit dem Iran vorangetrieben

Mehr aus: Schwerpunkt