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Aus: Ausgabe vom 08.06.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage
jW-Wochenendgeschichte

»Es ist keine Synthese aus irgend etwas«

Über anatolisches Melodiegefühl, atonale Avantgarde und die Namen des berühmtesten orientalischen Instruments. Gespräch mit Taner Akyol

Beim Hören Ihrer Musik war ich als Europäer verwirrt. Was ist das alles? Habe ich auf die eine oder andere Art Volksmusik gehört in Ihrem Konzert in Hamburg?

Ich sehe meine Musik als zeitgenössische Musik. Volksmusik ist etwas anderes, man würde heute so nicht mehr komponieren. Aber weil da orientalische Instrumente und türkischsprachige Lieder vorkommen, denken Menschen, denen das alles fremd ist, es sei orientalische Volksmusik. Natürlich, da sind zweifellos orientalische Wurzeln drin. Aber eher in dem Sinn, wie etwa Bartoks Musik in Volksmusik wurzelt, ohne dass jemand auf die Idee käme, sie als Volksmusik zu bezeichnen. Wenn Derya Yildirim statt anatolischer Verse italienischen Belcanto gesungen hätte in einer bearbeiteten, modernisierten Form, hätte niemand es als Volksmusik gehört. Oder wenn wir statt Saz eine europäische Mandoline gespielt hätten, wären die Leute kaum auf orientalische Musik gekommen.

Heißen die orientalischen Saiteninstrumente, die Derya Yildirim und Sie spielen, »Baglama« oder »Saz«? Oder ist beides dasselbe?

Das Wort Saz kommt aus dem Persischen und bedeutet einfach nur »Instrument«. Baglama ist der Fachbegriff, aber umgangssprachlich sagt man Saz. Es gibt die Laute seit Jahrhunderten von Anatolien bis Afghanistan. Sie ist einfach seit langem das berühmteste der orientalischen Instrumente.

Sie spielen und komponieren zeitgenössische Musik. Aber wenn Melodien auftauchen, klingt es für mich sofort irgendwie orientalisch.

Mein Melodiegefühl ist anatolisch, keine Frage, das kommt auch so rüber. Wenn ich aber, sagen wir, einen Auftrag habe und ich komponiere für westliche Instrumente, egal ob auch die Baglama dabei ist, dann klingt es natürlich anders, denn es ist atonal und Avantgarde. Das Wichtigste ist, beides lebt in mir.

Sie haben ein ganz normales Kompositionsstudium an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin absolviert.

Ich habe Auftragswerke für die Berliner Komische Oper geschrieben. Letztes Jahr habe ich für die Elbphilharmonie ein ganz neues Stück gemacht, in dem auch orientalische Instrumente Verwendung finden. Aber es ist alles vor allem neue Musik, nichts in erster Linie Orientalisches.
Sie legen Wert darauf, dass, was Sie machen, nicht als türkische Musik verstanden wird.
Ich möchte nicht, dass Musik aus Anatolien als türkische Volksmusik bezeichnet wird. In Anatolien leben Armenier, Kurden, Perser, Araber, auch Türken; vom Glauben her leben da Christen, Aleviten, Sunniten. Türkisch und islamisch, das ist auf gar keinen Fall identisch. Darum nennen wir es anatolisch. Einige auf türkisch gesungene Lieder etwa sind eigentlich kurdisch, bei anderen weiß niemand, ob sie vom Ursprung her eher armenisch, kurdisch oder türkisch sind.

Im zweiten Teil des Konzerts haben Sie zusammen mit Derya Yildirim und dem »Ensemble Resonanz« anatolische Volksmusik gespielt, die von Deutschen, einem Griechen und Türken modern bearbeitet wurde. Im ersten Teil präsentierte Ihr Trio nur Ihre Eigenkompositionen?

Richtig. Aber es sind eben überall auch anatolische Musikskalen drin.

Ich meine sogar Dodekaphonie gehört zu haben.

Natürlich. Alles mögliche, auch viel Jazz. Was es auf jeden Fall nicht ist – ich hasse den Begriff –, es ist keine Synthese aus irgend etwas. Ich bin in der Türkei aufgewachsen, zum Teil auch hier. Ich bin in der Türkei zur Schule gegangen, in Deutschland habe ich an der Hochschule studiert. Meine Art zu komponieren resultiert aus dem, was ich in all den Jahren gelernt und erlebt habe. Keine Synthese, sondern einfach die Sprache, die mit der Zeit in mir gewachsen ist.

Interview: Stefan Siegert

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