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Krieg im Nebel

Von Helmut Höge
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Eigentlich ist der Nebel (lat. nebula) nichts anderes als eine Wolke in Bodennähe. Als Wetterphänomen gibt er nicht viel her – aber als Metapher. Immer mehr Menschen sehen laut einer Umfrage »ihre Zukunft im Nebel«. Die Süddeutsche Zeitung meinte, dass die Bundeswehr im afghanischen Kundus einen »Krieg im Nebel« (4.9.2010) führe, während die Rheinische Post den »Krieg im Nebel« (9.11.2018) im Jemen ausgemacht hat. Vom »Nebel der Liebe« sprechen dagegen 17.500 Eheberater im Internet.

Ständig wird im Staat etwas »vernebelt«, um Klarsicht bemühte Journalisten »stochern oft im Nebel«. Nebel kann aber auch Naturgegenstand und Metapher sein. Schlachtfeld um Schlachtfeld der Vergangenheit besuchen die zwei Protagonisten in Jaroslav Rudis’ Roman »Winterbergs letzte Reise« (2019). Mit dem Zug reisen sie etwa durch die einstige Monarchie »Österreich-Ungarn«. Auf beinahe jedem der von ihnen bereisten Schlachtfelder liegt Nebel.

In Reichenberg/Liberec gibt es einen »Hausberg«, den Jested, auf dem sich ein Berghotel und eine Wetterstation befinden. In letzterer betreibt der Hausmeister Wolkenforschung. Wenn der Berg nicht ständig im Nebel liegen würde, hätte man eine großartige Aussicht von dort, denkt er. Der Wolkenforscher ist der Protagonist eines weiteren Romans von Jaroslav Rudis, »Grandhotel« (2008) heißt das Buch. Er möchte mit einem selbstgebauten Heißluftballon fort – den Nebel und Liberec endlich hinter sich lassen. Er scheitert freilich bereits beim Abflug. Damals ging es dem Autor noch nicht darum, durch den Nebel historisch durchzuschauen wie in »Winterbergs letzte Reise«.

Historisch heftiger wird’s in dem Roman »Kohlenhund« (2018) des saarländischen Autors Andreas H. Drescher: »Orel [1943]. Unter Beschuss. Am Anfang zuckt man zusammen bei jedem Einschlag. Dann stumpft man ab, einfach davon, in den Nebel zu starren und immer Russen auf sich zukommen zu sehen. Nebel, das ist das Schlimmste. Bei Nebel braucht man sich nur die Füße zu vertreten im Schnee, und schon hört man sie hinter sich.« Und wenn dann zu Hause auf dem Dorf der Enkel mit dem Großvater »in den dunstigen Schwaden übers Feld« geht: »Dann lag Orel um uns. Sich nicht mehr auf seine Augen verlassen können. Allein sein mit den Schemen. Und mit dem, was in den Ohren passiert. Weil im Nebel, in einem wirklichen, dichten Nebel die Geräusche von überall gleichzeitig zu kommen scheinen …«

Andere »Kämpfe«, etwa die der ukrainischen Intelligenz Anfang des 20. Jahrhunderts um Eigenstaatlichkeit, kennen noch einen ganz anderen Nebel. So verbringt Wjatscheslaw Lypynskyj den Winter 1906 »wie in einem leichten, wohligen Nebel«. Er fühlte sich »in diesem Nebel sicher. Seine Sehnsucht nach dem Unerreichbaren löste sich in nichts auf«, schreibt Tanja Maljartschuk in ihrem Roman »Blauwal der Erinnerung« (2019).

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