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Aus: Ausgabe vom 11.06.2019, Seite 10 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Die Russen kommen

Chronik eines Überfalls (Teil 38), 11.6.1999: Moskaus Coup im Kosovo
Von Rüdiger Göbel
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Erste russische Einheiten der sogenannten Kosovo-Sicherungstruppe KFOR treffen am 11. Juni in Jugoslawien ein

Es geht Schlag auf Schlag. Kaum ist am späten Abend des 9. Juni 1999 im mazedonischen Kumanovo das Kosovo-Abkommen über den Abzug der jugoslawischen Streitkräfte und den Einmarsch internationalen Truppen unterzeichnet, feiern in Belgrad und anderen jugoslawischen Städten die Menschen das »Ende der NATO-Aggression«. Autohupen und Feuerwerkskörper sind zu hören, die jugoslawische Luftabwehr feuert aus allen Rohren, das erste Mal seit elf Wochen nicht auf feindliche Kampfjets. Im Kosovo packen die ersten Serben ihr Hab und Gut zusammen, um sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Sie vertrauen nicht auf die Sicherheitszusagen der NATO. Wie richtig sie damit liegen, werden die kommenden Tage und Wochen zeigen.

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Erste russische Einheiten der sogenannten Kosovo-Sicherungstruppe KFOR treffen am 11. Juni in Jugoslawien ein. Die Soldaten, die zuvor zu den SFOR-Truppen in Bosnien gehört haben, sollen russischen Angaben zufolge an der Verwaltungsgrenze zum Kosovo haltmachen, bis ihre genaue Rolle geklärt ist. Dabei soll es nicht bleiben.

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Nach Verabschiedung der Kosovo-Resolution 1244 im UN-Sicherheitsrat gibt NATO-Generalsekretär Javier Solana den Einsatzbefehl für die NATO-Bestandteile der KFOR. Auch 8.500 Soldaten der Bundeswehr gehören dazu. Medienwirksam überfliegen am 12. Juni kurz vor halb sechs Uhr morgens die ersten britischen Militärhubschrauber von Mazedonien aus die Grenze zum Kosovo. Französische und britische Bodentruppen mit schwerem Militärgerät folgen, später auch deutsche Einheiten. Die Operation »Joint Guardian« (Gemeinsamer Wächter), die allmähliche Besetzung der südserbischen Provinz mit 50.000 Soldaten, nimmt offiziell ihren Anfang.

Die Show gestohlen wird den NATO-Verbänden von mehreren hundert russischen Soldaten, die ohne Abstimmung mit der Kriegsallianz bereits vier Stunden zuvor mit Panzern und Lkw in Pristina eingerückt sind. Wie Helden werden sie von Tausenden Einwohnern der Provinzhauptstadt begeistert empfangen. Die russischen KFOR-Verbände nehmen Kurs auf den 20 Kilometer entfernt gelegenen Flughafen Slatina und bringen ihn kurzerhand unter ihre Kontrolle. Der britische General Mike Jackson, Oberkommandierender der NATO im Kosovo, hat dort eigentlich sein Befehlszentrum aufbauen wollen.

Russische Militärs erklären, der Alleingang sei nötig gewesen, weil ihre Soldaten sonst überhaupt nicht bis nach Pristina gekommen wären und keinen eigenen Sektor in der Provinz erhalten hätten. Insbesondere bei der serbischen Bevölkerung im Kosovo schaffen die russischen Verbände Vertrauen. Ihr unverhofftes Vorrücken scheint erst einmal die Fluchtbewegung von Serben zu stoppen.

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Als der US-amerikanische NATO-Kommandeur Wesley Clark von dem Moskauer Coup hört, ordnet er eine Luftlandeoperation an. Die russischen Truppen sollen behindert werden, notfalls mit militärischer Gewalt. Sein Untergebener, der Brite Mike Jackson, verhindert Schlimmeres. Mit den Worten: »Ich werde für Sie nicht den dritten Weltkrieg beginnen«, verweigert er den Befehl. Gegenüber der britischen Regierung bekräftigt der Generalleutnant, er wolle lieber zurücktreten, als auf die Russen zu feuern. London erwirkt schließlich die Rücknahme des US-Angriffsbefehls. Im April 2000 wird Jackson abgezogen.

Nächster Teil am Sonnabend: Serbenhatz im Kosovo – NATO lässt UCK gewähren

In der Serie Krieg gegen Jugoslawien:

Krieg gegen Jugoslawien

Anlässlich des Überfalls auf die Bundesrepublik Jugoslawien vor 20 Jahren erinnert junge Welt an die »humanitäre Intervention« der NATO von 1999.

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