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Aus: Ausgabe vom 11.06.2019, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Simple Wahrheiten

Edward Albees »Wer hat Angst vor Virginia Woolf?« am Theater Osnabrück
Von Jan Decker
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Freude am bösen Stück: Martha (Monika Vivell) und George (Thomas Kienast) im Ehekrieg

Vieles scheint gegen eine weitere Inszenierung von Edward Albees Ehehöllendrama »Wer hat Angst vor Virginia Woolf?« zu sprechen: Allzu vertraut ist uns der makabre Ehekrieg zwischen Martha und George, fast kennt man die Pointen schon auswendig, mit denen sich der erfolglose Geschichtsprofessor und seine wilde Gattin, zudem Tochter des Collegepräsidenten, in der Nacht nach einem belanglosen Collegefest irgendwo im Neuengland der 50er Jahre gegenseitig nichts schenken. Zum Beispiel George: »In meiner Vorstellung bist du eingemauert, Martha, einzementiert bis zum Hals.« Zu fern scheint uns auch diese Welt zu sein, hatte Albee doch recht konkret jenes US-Akademikermilieu und dessen Selbstkorruption in den Zeiten des reaktionären Verfolgungswahns der McCarthy-Ära vor Augen, als er sein Stück schrieb.

Natürlich ist das immer noch großartig gemacht, wie sich das Psychogemetzel zwischen George und Martha kurz vor ihrer Silberhochzeit in deren nächtlichem Besuch spiegelt, denn nach diesem Collegefest – und hier beginnt das Stück ja erst – kommen noch der junge Biologieprofessor Nick und seine harmlose Gattin Honey (»Süße«) auf einen Absacker vorbei. Das junge Paar repräsentiert also die angepasste US-Zukunft – frühe Yuppies sozusagen –, das ältere eine schon abgehalfterte geistige Elite des Landes, aber alle eben in etwas angestaubten Geschlechterrollen, und fortan wird dann mit der Waffe des Wortes in jegliche Richtung gestichelt und attackiert (vor allem: Martha gegen George), was das Zeug hält. Außerdem läuft auch gerade noch im Deutschen Schauspielhaus Hamburg eine Inszenierung des Albee-Klassikers von Intendantin Karin Beier höchstselbst – mit Maria Schrader und Devid Striesow in den Hauptrollen, die den Ehekrieg samt erfundenem Kind (das George am Ende des dritten Akts »töten« wird) auf großer Bühne und mit prominenten Darstellern gewissermaßen maximal hochgerüstet zeigt.

So viele Vorbehalte gab es vor dem Osnabrücker Theaterabend, der dann aber das Beste aus ihnen machte: Die Freude am bösen Stück und an seinem unvergleichlichen Dialogfeuerwerk entdeckend, folgt er seinen treffenden Gemeinheiten präzise und bietet dem Publikum genau das, was es von Albee will, nämlich Schaudern und Lachen zugleich. Das klappt auf der Kammerspielbühne des Emma-Theaters, die Norbert Bellen sehr karg eingerichtet hat (was die Schauspieler aber befreit aufgreifen), ganz gut: Dieses Akademikerwohnzimmer hat wirklich nichts als weiße Wände und eine schwarze Designercouch zu bieten, die Nüchternheit der Kulisse entspricht dabei bald kontrastreich der Trunken- und Verlorenheit der Partygäste, für die sich alles um den gesellschaftlichen Aufstieg dreht, seelisch indes geht es für sie nur steil abwärts. Überzeugend spielen sich Monika Vivell und Thomas Kienast (als Martha und George) mit den jüngeren Darstellern Julius Janosch Schulte und Katharina Kessler (als Nick und Honey) richtig in Rage, und sie geraten dabei auch gar nicht in manche Gespreiztheiten der Hamburger Inszenierung, sie liefern das Stück vielmehr rhythmisch dicht ab, und das Publikum folgt ihnen gebannt.

Manchmal zünden die simplen Wahrheiten eben am besten: Edward Albee schrieb für sein erfolgreichstes Stück »einfach« den zermürbenden Ehekrieg seiner Adoptiveltern ab. Das Stück selbst funktioniert so gut, weil es in jeder Zeile (darin fast absurd) die Doppelbödigkeiten menschlicher Beziehungen in einer Wohlstandsgesellschaft auslotet. Und weil sein Thema, der Ehekrieg, kein ausgedachtes ist, sondern geradezu die Keimzelle jener Entfremdung, die in dieser Gesellschaft dann auch alles durchsetzt. Fast zu vertraut lacht das Publikum da über manchen verbalen Tiefschlag der Figuren, etwa wenn George den erfolgswilligen Nick wiederholt zum »Hausfrauenschänderspiel« aufruft, denn über Marthas Bett führe der Weg an die Collegespitze. So viel Realität, ins Drastische gesteigert, gibt es selten am Theater.

Und so sind es am Ende dank dieses schönen Spiels doch die Geister US-Amerikas, die aus dem berühmten streitenden Paar zu uns sprechen – zumal wenn sie sich gegenseitig die geistige Gesundheit absprechen, wie Donald Trump und Nancy Pelosi das zur Zeit in den US-Medien tun. Diese Geister erzählen, wie schon bei der Uraufführung von Edward Albees Meisterwerk im Jahr 1962, vom geplatzten amerikanischen Traum, das Stück schockiert das Publikum allerdings längst nicht mehr, stellt man etwas ernüchtert und doch bestätigt fest. Illusion also tot, könnte man sagen, »Lebbe geht weider«.

Nächste Vorstellungen: 13., 25., 29. Juni

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